Geisenheim (dpa) - 15. September 2004
Geschnuppert, genippt und ausgespuckt: Weinprüfer testen den 2003er
«Das ist eine schöne Anstrengung», findet
die rheinhessische Weinkönigin Eva Vollmer. Aber anstrengend ist ihre
Aufgabe schon, zusammen mit 60 anderen Prüfern eine Woche lang für
die Bundesweinprämierung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft
(DLG) bis zu 80 verschiedene Weine pro Tag zu testen. Da nüchterne
Urteile über Farbe, Geruch und Geschmack gefragt sind, schließt sich
Schlucken selbst bei den besten Tropfen aus. «Es blutet einem
manchmal das Herz», räumt einer ihrer Mitstreiter ein und kippt ein
halbes Glas leuchtenden Roten in einen Plastikeimer.
Die Prüfer gehen während der DGL-Prüfung von Montag bis Freitag im
Rheingau-Städtchen Geisenheim alle auf dieselbe Weise vor: Zunächst
wird auf die Farbe geblickt, dann der Wein im Glas geschwenkt; es
wird geschnuppert, genippt, ausgespuckt und eine Ziffer notiert. In
Vierergruppen sitzen die Experten zusammen und testen jeweils
dieselben Weine. Die Ergebnisse - zuvor stumm aufgeschrieben - werden
zum Schluss vorgelesen und von einem fünften Helfer in einen Laptop
getippt, der sofort eine Gesamtwertung berechnet. Die Ziffern stehen
für Einschätzungen von «keine Bewertung» bis «hervorragend».
Die Prüfer aus allen Weinanbaugebieten für Weine aus allen
Anbaugebieten sind dieses Jahr zu Gast in der Fachhochschule für
Weinbau und Oenologie in dem Rheingau-Städtchen. Sie sind aufgeteilt
in drei Räume: In einem sitzen die Experten für Rotweine, in dem
anderen die für Weißweine, und im dritten wird besonders kritisch
getestet: Diese Gruppen bekommt Weine vorgesetzt, bei denen die
ersten Wertungen zu weit auseinander lagen - oder bei denen die
Wertungen sehr hoch sind. Alle Weine, die für höchste Auszeichnungen
in Frage kommen, werden zwei Mal getestet und müssen damit vor acht
Prüfern bestehen. Bekannt gegeben werden die Test-Ergebnisse Ende
September oder Anfang Oktober.
Zur Neutralisierung ihrer Geschmacksnerven greifen die Prüfer ab
und an zu Mineralwasser, trockenen Brötchen oder Knäckebrot - so sehr
es sie nach einem Schluck Wein gelüstet. Schließlich haben sie vor
allem den vom Super-Sommer geprägten Jahrgang 2003 in den Gläsern.
Die Meinung ist einhellig: Der 2003er ist ein Ausnahmejahrgang.
Allerdings habe er auch große Anforderungen an das Können der Winzer
gestellt, zieht einer der Tester Bilanz: «Wer sein Handwerk
beherrscht, hat hervorragende Weine bekommen.» Wer zu spät gelesen
oder im Keller Fehler gemacht hat, erhielt unausgewogene Weine mit zu
viel Alkohol, zu wenig Säure oder mit anderen Fehlern.
Die meisten Prüfer sind Winzer und Kellermeister, auch einige
Sommeliers und Fachjournalisten sind vertreten. Die Weinkönigin hat
ein Heimspiel: Sie studiert in Geisenheim, und das elterliche Weingut
in Mainz-Ebersheim ist nicht weit. Weinprüfer bei der DLG kann jeder
werden - aber erst nach strenger Schulung und Prüfung, betonen die
für die DLG-Prüfung Verantwortlichen Hermann Mengler und Stephan
Schöller. Die angehenden Prüfer müssen in Tests nach DIN-Normen unter
anderem beweisen, dass sie Süße, Säure und Aromen erkennen können.
«Wer testen will, wird getestet», erklärt Mengler das Prinzip.
Angehende Prüfer müssen auch nachweisen, dass ihr Urteil nicht
schwankt. «Wer einmal einen Wein gut bewertet und zehn Minuten später
als schlecht, ist ein schlechter Prüfer», so Mengler. Wer Ausbildung
und Test übersteht, bekommt einen «Prüfpass» - «sozusagen ein
Führerschein für die Sensorik». Tests gibt es sogar innerhalb der
DLG-Prüfung: Gelegentlich bekommen die Experten einen Wein
vorgesetzt, den sie kurz zuvor schon einmal bewertet habe - beide
Urteile sollten schon übereinstimmen.
Getestet wird «blind»: Nur Jahrgang, Rebsorte, Prädikatsstufe und
die Einstufung als «trocken» oder «nicht trocken» werden den DLG-
Prüfern mitgeteilt. Wessen Wein sie im Glas haben, wissen sie nicht.
Kritik von Winzern über die Urteile einer DLG-Prüfung gibt es laut
Schöller selten. Bei knapp 4000 Weinen der vergangenen Prüfung habe
es 50 Beschwerden gegeben. Allen sei nachgegangen worden. Zuletzt
seien zwei Wertungen streitig geblieben.
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