Hamburg (dpa) - 25. April 2006
Blick in die Zukunft: Rechenmodell bestimmt Klima bis 2100
Sowohl der Winzer aus dem Rheingau als auch der
Skipistenbetreiber im Bayerischen Wald kann künftig besser
abschätzen, ob es sich für die Nachfolgegeneration lohnen wird, in
seine Fußstapfen zu treten - denn die Klimaentwicklung einzelner
Regionen lässt sich neuerdings bis ins Jahr 2100 vorhersagen.
Ein neues Hamburger Klimarechenmodell ermöglicht diesen weiten
Blick in die Zukunft. Detailliert wie nie zuvor kann es das Klima in
Deutschland für das gesamte kommende Jahrhundert prognostizieren.
«Profitieren werden davon in erster Linie die Tourismusbranche,
Winzer, die gesamte Agrarwirtschaft und die Binnenschifffahrt»,
kündigt Klimaforscherin Daniela Jacob vom Max-Planck-Institut für
Meteorologie (MPI-M) in Hamburg an. Das Umweltbundesamt in Dessau,
das die aufwendige Studie in Auftrag gegeben hat, will Jacobs
«Regionalmodell» (REMO) an diesem Dienstag vorstellen.
Dem Osten Deutschlands könnten den Berechnungen zufolge
mediterrane Sommer bevorstehen, wie der «Spiegel» vorab berichtet.
Die Elbe könnte allerdings wegen Wassermangels häufig unbeschiffbar
sein. Größter Verlierer dürfte demnach die Wintersportindustrie
werden: In den Alpen sollen die Temperaturen überdurchschnittlich
klettern, zum Teil um mehr als fünf Grad Celsius bis 2100.
Profitieren könnten dagegen die deutschen Küstenländer. Hamburger,
Holsteiner und Mecklenburger dürften sich auf deutlich mehr
Schönwetterlagen freuen, an der Ostsee soll es drei Grad wärmer
werden, schreibt der «Spiegel».
Zusammen mit rund einem Dutzend Mitarbeitern hat Jacob in einem
Zeitraum von zehn Jahren ein Modell entwickelt, das mit bislang nicht
erreichter Genauigkeit die Auswirkungen des Klimawandels auf
Deutschland berechnet. Dafür wurde Deuschland in zehn Mal zehn
Kilometer kleine Kästchen eingeteilt und für jedes dieser Quadrate
individuell das Klima berechnet. Global wird meist mit Gittern von
rund 300 Kilometern Kantenlänge gearbeitet. An den Gitterkreuzungen
löst der Computer beständig 70 Gleichungen und bildet so die Vorgänge
des Klimas nach.
Erwärmt sich etwa rechnerisch die Luft an einem der Gitterpunkte,
steigt sie auf und zieht von anderen Punkten Luft nach - Strömungen
entstehen. Luftdruck und Temperatur sind dabei nur zwei
vergleichsweise einfache Parameter. Im Hamburger Großrechner ist das
Netz über Deutschland viel feiner gewebt als anderswo. «Ich bin
selber vollkommen erschlagen von dem Detailreichtum des
Rechenmodells», sagt Jacob.
Dabei dürfe aber auf keinen Fall die Berechnung des Klimas mit der
klassischen Wettvorhersage verwechselt werden. «Mit Hilfe des Modells
kann keine Vorhersage über das Wetter an einem bestimmten Tag zu
einer bestimmten Uhrzeit gemacht werden, wir berechnen lediglich das
Klima», betont die Expertin. «Das Klima ist die Statistik des
Wetters.» Die Summe der verschiedenen Witterungsverhältnisse ergeben
dabei das Bild des Klimas.
Dabei werde auch der Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt
berücksichtigt, erläutert Jacob. «Der globale Klimawandel, in dem wir
uns befinden, hat definitiv Auswirkungen auf Deutschland.» Daher wird
in dem Modell zwischen drei unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen
differenziert. «Je nach schwachem, mittlerem und starkem
Treibhausgasanstieg.» Nach Angaben des Umweltbundesamtes zeigen
neueste Klimaprojektionen, dass es bis Ende des 21. Jahrhunderts um
bis zu vier Grad Celsius wärmer werden könnte, wenn die Emissionen
von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen unvermindert ansteigen.
In Deuschland seien insgesamt gravierende Veränderungen des Klimas
zu befürchten, betont Jacob. «Wir können jetzt sogar einzelne
Regionen identifizieren, in denen sich das Klima bis 2100 verändern
wird.» So stellt die Wissenschaftlerin anhand ihres Modells die
Prognose auf, dass der Niederschlag in Freiburg beispielsweise
abnehmen und östlich des Schwarzwaldes zunehmen werde. Sicher ist
sich die Klimaforscherin auch, dass die Hochwassergefahr ebenso wie
die Zahl der Unwetter in Deutschland steigen werde. «Aber die Analyse
der Extremwerte kommt jetzt erst noch.»
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