Mainz (dpa) - 14. August 2006
Mehr als Kellerromantik - Winzerberuf fasziniert Quereinsteiger
Der feuchte Nebel verschwindet nur langsam von
den steilen Weinbergen an der Mosel. Trotzdem rücken schon am frühen
Morgen die ersten Winzer aus, um die Rebstöcke zu pflegen, von denen
ihre Existenz abhängt. Unter ihnen sind immer mehr Quereinsteiger,
die von Haus aus nichts mit Wein zu tun haben. «Man sollte sich gut
informieren über den Arbeitsalltag des Winzers. Das ist nicht
Weinprobe, Holzfässer und Kerzenschein im Keller. Da ist nicht
Freitag um zwölf Schluss», erzählt der Moselwinzer Konstantin Weiser
in seinem angenehm kühlen Keller. Und doch hat der Winzerberuf eine
Faszination, die immer mehr junge Menschen anzieht.
«Man ist von Anfang an dabei, von der Rebe bis zur Flasche», sagt
Lisa Braun, die im Weingut Bassermann-Jordan in Deidesheim zur
Winzerin ausgebildet wird. Die 22-Jährige stammt aus Nordhorn in
Niedersachsen, einer Gegend, in der es gar keinen Weinbau gibt. «Mir
macht es einfach Spaß zu probieren. Jeder Wein ist anders», erklärt
die junge Auszubildende. Dass ihr Entschluss richtig war, zeigte sich
spätestens im Frühjahr, als sie in Paris einen internationalen
Sensorik-Wettbewerb gewann.
Braun und Weiser sind zwei von immer mehr jungen Menschen, die
einen Beruf lernen, in dem vor einigen Jahren noch fast alle
Auszubildende vom elterlichen Betrieb kamen. Den Trend bestätigt
Alfred Fischer, der den Winzernachwuchs an der Berufsschule in
Neustadt an der Weinstraße ausbildet. «In diesem Jahr kommen über 70
Prozent nicht mehr aus der traditionellen elterlichen Linie», sagt
der stellvertretende Schulleiter. Wie bunt gemischt die Berufschüler
inzwischen sind, kann auch Lisa Braun aus ihrer Klasse berichten. «Da
gibt es Jurastudenten, Musikwissenschaftler und Schreiner.»
Einer der Gründe könnte der Strukturwandel in den Regionen sein.
Viele Flächen würden frei, da viele Familienbetriebe nicht mehr vom
Nachwuchs weitergeführt würden, meint Fischer. Ein weiterer Punkt sei
der Mangel an Ausbildungsplätzen in den oft strukturschwachen
Weinbauregionen.
«Am Anfang ist es mehr Aufwand, sich alles anzueignen, was andere
von zu Hause mitbringen. Wenn man mit Leidenschaft dabei ist,
kompensiert das aber einiges», erzählt Konstantin Weiser. Der 29-
jährige gelernte Banker merkte schnell, dass er zunächst im falschen
Job war. «Ich wusste, dass es nicht mein Ding ist», sagt er.
Etabliert an der Mosel ist inzwischen David Vollenweider. Der 36-
jährige Schweizer ist ausgebildeter Vermessungsingenieur. «Das wurde
mir zu EDV-lastig», erklärt er seinen Entschluss, eine zweite
Ausbildung zum Winzer zu machen. Nach dem Studium zum
Weinbauingenieur zog der Weinliebhaber aus Chur vor sechs Jahren nach
Traben-Trarbach und kaufte sich die «Wolfer Goldgrube». Der alte
Weinberg macht schon von weitem mit seinem Hollywood-Schriftzug auf
sich aufmerksam, wenn man die pittoresken Straßen durch das Moseltal
fährt.
Doch bei aller Idylle und Romantik, die manch einer mit dem Beruf
Winzer verbindet, ist die Ausbildung anspruchsvoll. «Viele
unterschätzen, dass das auch ein unternehmerischer Beruf ist»,
bestätigt Dozent Fischer. Die Durchfallquoten an der Berufsschule
seien heute höher als früher, die Ausbilder könnten gerade bei
Quereinsteigern weniger Vorkenntnisse voraussetzen. Dafür sei aber
die Vorbildung der Lehrlinge größer. Zwei von drei Azubis hätten
heute die Realschule abgeschlossen, einige hätten sogar Abitur.
Wer sich nach der Ausbildung selbstständig machen will, auf den
warten weitere Hürden. «Der Weg ist nicht ganz einfach. Man kriegt
von der Bank als Weinbaubetrieb kein Geld», berichtet Vollenweider.
«Und das ist eine relativ kapitalintensive Geschichte, und am Anfang
gibt es gut anderthalb Jahre kein Output.» Mit kreativen
Geschäftsmodellen besorgte er sich Kapital bei Freunden und
Verwandten.
Als Fremder an der Mosel hatte der Schweizer dagegen keine
Probleme. «Ich bin sehr gut aufgenommen worden. Die Winzerschaft ist
um jeden froh, der dazu kommt und Weinbau macht.» Die Region könne
von Leuten, die anderes gesehen haben, nur profitieren, sagt
Vollenweider, einer von elf jungen «Winzern der Tafelrunde», die
gemeinsam einen kleinen Weinberg bewirtschaften, statt sich
Konkurrenz zu machen. Für die Kreditgeber aus seinem Freundeskreis
lohnt sich das unternehmerische Risiko schon heute. Seine Zinsen
zahlt der Schweizer in Riesling zurück.
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