Mainz (dpa) - 01. November 2006
Dünnwandig und wohl geformt: Bei Weingläsern gibt es große Auswahl
Früher tranken die Reichen und Mächtigen Wein
aus schweren, verzierten Kelchen. Heute schwören Weinkenner auf
federleichte Gläser aus möglichst dünnem Glas. Auf Gravuren und
anderen Schmuck verzichten sie gern: Der Wein soll möglichst gut zur
Geltung kommen. Wichtig ist dagegen die Form. Denn nicht jeder Wein
kann sich in jedem Glas entfalten. Die Glashersteller haben das
erkannt und umfangreiche Serien entwickelt. Wer nur gelegentlich Wein
trinkt, sollte sich davon aber nicht schrecken lassen. Vier
Standardgläser reichen Experten zufolge völlig aus.
Ihren Wein lassen sich die Deutschen nicht viel kosten. Für einen
Weißen oder Roten aus dem Supermarkt legen sie im Schnitt nur 2,30
Euro pro Liter hin, heißt es beim Deutschen Weininstitut in Mainz.
Beim Winzer liege der Preis durchschnittlich bei 4 Euro. Zwar kann
ein gutes Glas aus einem preisgünstigen Wein keinen edlen Tropfen
machen. Doch steigert es den Genuss, sagen die Experten. Besonders
wichtig sind die Dicke und Form des Glases.
«Das Glas sollte möglichst dünnwandig sein», erklärt Ernst Büscher
vom Deutschen Weininstitut. «Daraus trinkt man unbewusst viel
vorsichtiger. Der Wein läuft langsamer über die Zunge, dadurch hat
man mehr von ihm.» Dickes Glas gebe außerdem seine Wärme an den Wein
- etwa einen gekühlten Riesling - ab.
Bei der Form gilt eine Grundregel: Das Glas darf nicht nach oben
hin breiter werden. «Dann fliegen die Aromen weg und sind nicht mehr
wahrnehmbar», sagt Büscher. Ein gutes Glas verjünge sich stattdessen
nach oben. «Dadurch werden die Aromen konzentriert, man kann sie
besser riechen.» Und das Riechen ist für den Weingenuss von großer
Bedeutung: «Das meiste, was wir glauben zu schmecken, riechen wir.»
Zwei Weiß-, ein Rotwein- und ein Champagnerglas sollten in jedem
Haushalt stehen, rät Christian Frens, Sommelier aus Köln. Für einen
kräftigen Weißen - etwa einen Chardonnay aus dem Burgund - empfiehlt
er ein größeres Glas in Tulpenform. Ein zarter Wein sollte in ein
kleines Glas, «damit er seine zarte Struktur auch präsentieren kann.»
Für Rotwein eignen sich große und hohe Gläser. «Die Rotweinaromen
brauchen etwas mehr Raum, um sich zu entfalten», sagt Büscher. Der
Kelch könne an der breitesten Stelle einen Durchmesser von acht bis
zehn Zentimetern haben. Ein gängiges Format sei das Bordeaux-Glas,
ergänzt Frens. Wichtig sei neben der Kelchform auch die Länge des
Stils: Wird das Glas unterhalb des Kelches mit dem Stil auf einen
Finger gelegt, sollte es in der Waagerechten sein. «In einem
ausbalancierten Glas lässt sich Wein besser schwenken.»
Ein gutes Champagnerglas sollte schlank sein und sich nach oben
hin verjüngen. «Die Zeit der Sektschale ist vorbei. Die sind
sensorisch eine Katastrophe», sagt Frens. An der tiefsten Stelle
müsse ein so genannter Moussierpunkt eingeschliffen sein - ein etwa
Stecknadelkopf großer, aufgerauter Punkt. «Dort entlädt sich die
Kohlensäure, sie steigt dann in einer Säule auf.»
Neben diesen Standardgläsern gibt es viele andere Formen: «Alle
guten Glashersteller haben in Zusammenarbeit mit Sommeliers Serien
aufgelegt», sagt Eva Barth-Gillhaus vom Bundesverband für den
gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur in Köln. Häufig hätten sie
sich dabei an Weinsorten orientiert - für jede Rebsorte wurden
spezielle Gläser entwickelt. «Theoretisch könnten Sie so bis zu 60
unterschiedliche Gläser im Schrank haben.»
Einen neuen Weg habe nun die Firma Zwiesel Kristallglas mit der
Serie «The First» eingeschlagen, sagt Barth-Gillhaus. Sie wurde
gemeinsam mit dem derzeitigen Sommelier-Weltmeister Enrico Bernardo
entworfen. Dabei hätten nicht einzelne Rebsorten im Mittelpunkt
gestanden, sondern bestimmte Weintypen. Heraus kamen 18 verschiedene
Formen - unter anderem für junge weiche Rotweine oder für leichte
frische Weißweine. «Die Gläser sind handwerklich top», sagt Frens.
Doch die Formen lägen sehr nah beieinander. «Für den Weinfanatiker,
der sensorisch fit ist, ist das spannend. Der Normalbürger ist damit
überfordert.»
Auf wenige Gläser, dafür aber mit Zusatzfunktion, setzt dagegen
die Glashütte Valentin Eisch. Das Unternehmen aus Frauenau (Bayern)
wirbt mit «atmenden» Gläsern. Sie werden einem bestimmten Verfahren
unterzogen, das das Dekantieren überflüssig machen soll. Viele Weine
entfalten ihr Aroma erst, wenn sie einige Stunden vor dem Genuss in
eine Karaffe umgefüllt werden. «Die Aromen sind in der Flüssigkeit
gebunden. Erst durch das Dekantieren werden sie frei», erklärt
Büscher.
In den «atmenden» Gläsern soll sich der gleiche Prozess
vollziehen. «Es wird der natürliche Dekantier-Prozess beschleunigt»,
heißt es bei Eisch. Die Experten sind jedoch skeptisch: «Wir setzen
die Gläser nicht ein», sagt Büscher. Laut Christian Frens lässt sich
in den Gläsern zwar eine Veränderung des Weins feststellen. «Ich bin
aber skeptisch, ob er dadurch besser wird.»
Auch das feinste Glas verdirbt den Weingeschmack, wenn es
Spülmittelreste enthält oder nach Schrank riecht. «Das bleibt nicht
aus, wenn die Gläser lange im Schrank stehen», sagt Büscher. Er rät,
die Gläser vor dem Benutzen noch einmal mit klarem Wasser auszuspülen
oder zu avinieren - das heißt, mit Wein auszuschwenken. «Machen Sie
ruhig den Vergleich. Der Wein schmeckt gleich ganz anders.»
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