Bremen (dpa) - 13. Juni 2007
Ringelnatz, Engels, Heine - Stadtführung entdeckt Bremen literarisch
Der Philosoph Friedrich Engels, der Krimiautor
Mario Puzo, die Inderin Sujata Bhatt - es gibt viele Schriftsteller,
die Bremen fasziniert hat. Kirsten Steppat, Kulturwissenschaftlerin
der Universität Bremen, fahndet bei den Führungen «Bremen literarisch
entdecken» nach Autoren und Zitaten. «Wir sind weder München noch
Berlin. Bremen war nie literarische Metropole», sagt sie. Trotzdem
reichen zwei Stunden kaum aus, um die von ihr auf Karteikarten
notierten Zitate vorzulesen, zum Beispiel Joachim Ringelnatz' Bremen-
Beschreibung von 1927: «Diese Stadt ist echt, und echt ist selten.»
«Du hast ja nicht alle Tassen im Schrank!» Dieser Ausspruch stamme
von Christa Reinig, heißt es auf der von der Stadtbibliothek Bremen
veranstalteten Führung. Die 1926 im Osten Berlins geborenen
Schriftstellerin hätte das des öfteren beim Geschirr abtrocknen zu
ihren Freundinnen und Kolleginnen gesagt. Von dort wurde es in die
Fabrik getragen und zum geflügelten Wort. Bremen war für Reinig ein
Schlüsselerlebnis. Als ihr dort 1963 der Literaturpreis verliehen
wurde, kehrte die Autorin nicht in die DDR zurück. In ihrem Werk
«Zwischen zwei Zügen in Bremen» schreibt sie: «Bremen, bevor es Stadt
wird und sich dem Fernzug nähert, ist ein Aroma. Unsichtbar zieht es
in die Reisenden ein.»
Steppat geht weiter zum Polizeihaus und verweist auf Mario Puzo
(1920-1999), den sein Mafia-Roman «Der Pate» weltberühmt gemacht hat.
1945 war ein Teil dieses Gebäudes in die Luft geflogen, viele
Menschen starben. Puzo hielt sich damals als Soldat der US-Truppen in
der Stadt auf. Sein erster Roman «Die dunkle Arena» von 1955 spielt
hier: Der Besatzungsoffizier Walter Mosca muss hilflos mit ansehen,
wie seine schwangere Geliebte stirbt. Es gibt nicht genug Penizillin.
Puzos reales Leben verlief weniger dramatisch. Auch er verliebte sich
in eine Bremerin, allerdings mit Happyend.
In den Ratskeller wurde bereits der Dichter Wilhelm Hauff (1802-
1827) gelotst, im Jahr 1826. Fasziniert schildert er in seinen
«Phantasien im Bremer Ratskeller» die Bacchusfigur: «Wie fröhlich und
munter reitet der alte Knabe auf dem Faß! Das runde, blühende
Gesicht, die kleinen muntern Weinäuglein, die so klug und neckend
herabsehen.» Kurz darauf beschreibt auch Heinrich Heine (1797-1856)
den feucht-fröhlichen Ort: «Wie doch die Welt so traulich und
lieblich im Römerglas sich widerspiegelt.»
«Heute wird Literatur in Bremen mehr gesehen und gefördert», sagt
Steppat. Der von dem Schriftsteller und Verleger Rudolf Alexander
Schröder (1878-1962) ins Leben gerufene Bremer Literaturpreis ist
einer der höchst dotierten Auszeichnungen. Jedes Jahr werden der
Literaturpreis mit 20 000 Euro und ein Förderpreis mit 6000 Euro
verliehen. Dass der Senat 1959 die Auszeichnung von Günther Grass für
seine «Blechtrommel» verhindert hat, sei einer der größten Skandale,
sagt Steppat. «Heute entscheidet eine unabhängige Jury.»
Neben Klassikern wie Grimms «Bremer Stadtmusikanten» führt der
Rundgang auch in die Gegenwart. Die indische Lyrikerin Sujata Bhatt
lebt hier seit 30 Jahren. In einem Gedicht beschreibt sie den Bremer
Blumenmarkt und eine «verwirrte Neugier, die mich Reisen planen
lässt». Ihr Mann, der Schriftsteller Michael Augustin, erzählt in
seinem Gedichtband «Klein, klein» auf ironisch-satirische Weise von
der Begegnung mit einer madonnenhaft jungen Frau und einem Säugling
am Weserstrand.
Wenige Meter entfernt war Friedrich Engels (1820-1895), Philosoph,
Politiker und Kommunist, mit dem Dampfschiff «Roland» unterwegs.
Unter Pseudonym hat er 1841 im «Morgenblatt für gebildete Leser» über
die Dandys und Damen an Bord geschrieben und die Braunkohlfelder
rechts und links der Weser. Steppat weiß, dass dieses Zitat in der
Gruppe Diskussionen auslösen wird. Auch diesmal streiten sich die
literaturinteressierten Stadtwanderer, ob man in Bremen Grün- oder
Braunkohl sagt - eine Auseinandersetzung über ein einziges Wort,
die manchem Schriftsteller sicher gefallen hätte.
(Nächster Termin für die literarische Stadtführung ist der 23. Juni,
Internet: Link: www.stadtbibliothek-bremen.de )
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