Leipzig (dpa) - 20. Juli 2007
«Ein stiller Geist ist jahrelang geschäftig» - Teufelsritt undHexentrunk in «Auerbachs Keller»
Teuflisch gut schmeckt er, der Tropfen, hier, in
diesem historischen Gemäuer mitten in Leipzig. Und er hat's in sich.
Im besten Fall verzaubert «Mephistos Feuer» - eine Spezialität in
«Auerbachs Keller» - die Sinne, im schlimmsten... ist dann wohl
wirklich der Teufel im Spiel. Seit bald 500 Jahren gibt es «Auerbachs
Keller» nun schon. Und fast genauso lange hat die Kneipe etwas
Magisches an sich. Fast jeder, der sich der bekannten Mädler-Passage
im Leipziger Stadtzentrum nähert, wird von dunklen Gestalten in den
Bann gezogen. Dunkel, weil sie aus Bronze sind.
Die von Matthieu Molitor (1873-1929) geschaffenen Figuren aus
Goethes «Faust» weisen Fremden den Weg in das Gewölbe, das - dem
großen deutschen Dichter sei Dank - zu den beliebtesten Einrichtungen
der sächsischen Großstadt gehört und laut einer amerikanischen Studie
zu den fünf bekanntesten der Welt. «Mephistos Feuer» allerdings ist
eine moderne Kreation des Fasskellermeisters Volker Maaß, mit der er
seine Gäste in die Vergangenheit führt: Er bittet sie zu einer
Zeremonie, die den Titel «Anno Domini 1525» trägt - jenes Jahr des
Herrn, in dem «Auerbachs Keller» öffnete.
1497 zieht es den jungen Heinrich Stromer aus Auerbach in der
Oberpfalz in die Stadt an der Pleiße, die just im gleichen Jahr das
kaiserliche Messe-Privileg für drei bestehende Märkte verliehen
bekommt. Der Studiosus der Medizin fühlt sich anscheinend wohl im
Sachsenlande, erst recht, als er - bereits als anerkannter Arzt - die
Tochter des Ratsherren Hans Hummelhain ehelicht. Vom Schwiegervater
erbt er jenes Haus, das später in die Weltliteratur und die Analen
der Stadt eingehen wird. 1525 richtet er im Keller eine Weinschenke
ein. Die zweitälteste Kneipe der Stadt und eine der ältesten in
Deutschland wird in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten
bevorzugtes Ziel von Studenten und Gelehrten.
Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) gehörte während seiner
Leipziger Studienzeit (1765-1768) zu der Horde junger Spinner und
Aufschneider, die sich lärmend in dem Lokal amüsierten. Täglich zwei,
drei Flaschen Wein soll der Dichter hier geleert haben, berichten
Anekdoten. Das lässt nach heutigen Erkenntnissen durchaus auf
Alkoholismus schließen und ist also nicht zur Nachahmung empfohlen.
Der legendäre Fassritt seiner literarischen Gestalt Faust hingegen
schon - zumindest all jenen, die sich nach reichlichem Genuss von
Hexengebräu und mephistophelischem Feuer noch auf das riesige
hölzerne Ungetüm schwingen können. «Erlaubt ist es», sagt Alexandra
Heß, die für die Öffentlichkeitsarbeit in «Auerbachs Keller»
zuständig ist. Allerdings bezweifelt sie zu Recht, dass ihre Gäste
damit die Treppe hinaufreiten können - wie es Faust einst getan haben
soll.
Den historischen Dr. Faustus, Professor für Magie zu Wittenberge,
hatte laut Legende im Jahr 1525 der Zufall in den Weinkeller geführt.
Laut Goethe war es allerdings Mephisto, der den trübsinnigen Faust
mit Vergnügungen jeglicher Art auf andere Gedanken bringen wollte und
dem Gelehrten die Studentenkneipe «Auerbachs Keller» mit folgenden
spöttischen Worten schmackhaft machte: «Ich muss dich nun vor allen
Dingen In lustige Gesellschaft bringen, Damit du siehst, wie leicht
sich's leben lässt. Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest. Mit wenig
Witz und viel Behagen Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz, Wie junge
Katzen mit dem Schwanz.»
Der Wein floss reichlich, bald musste Nachschub her. Doch als der
Wirt um Hilfe bat, ein schweres Weinfass aus dem Keller die Treppe
hochzuwuchten, prahlte Faust, das könne er ganz allein. Der
ungläubige Wirt versprach ihm prompt das ganze Fass, falls dies
gelänge. Natürlich gelang es - dank teuflischer Unterstützung. Fausts
Methode allerdings setzte das Publikum auch in einer von Aber- und
Hexenglauben geprägten Zeit in gehöriges Erstaunen: Er setzte sich
auf den hölzernen Bottich und ritt ihn die Treppe hinauf.
Diese und andere Szenen aus der alten Faust-Sage und aus dem
Goetheschen «Faust» finden sich auch heute noch überall in dem
Gemäuer, das sich in den vergangenen fünf Jahrhunderten einer
mehrfachen Metamorphose unterzog, was seiner Popularität keinen
Abbruch tat: Historische Gemälde an Wänden und Decken sowie
Skulpturen von Künstlern verschiedener Epochen stellen Ereignisse aus
«Faust» dar, vor allem natürlich den Aufenthalt des Gelehrten und des
Teufels in «Auerbachs Keller». Abbildungen der Szenerie sind aber
nicht nur im Keller, sondern in ganz Leipzig zu sehen - als Bilder,
in Büchern, als Drucke auf Servietten, Trinkbechern und zahlreichen
Souvenirs. Selbst einen Kuchen, die «Mephisto-Torte», ziert eine
Szene aus «Faust».
Das Programm in «Auerbachs Keller», in allen dazugehörenden
Weinstuben und Nebengelassen, ist ganz auf die Fürsten der Finsternis
und der Dichtkunst abgestimmt. «Im Keller bieten wir beispielsweise
"Goethe live - Das große Interview" an», erzählt Alexandra Heß.
Zwar ist Goethe bereits seit 175 Jahren tot. Doch für «Auerbachs
Keller» kommt er zurück - preist ein Flyer - für ganze 90 Minuten.
Geboten werde ein «satirischer Dialog über Leben und Eros,
Dichtung und Wahrheit, Gott und die Welt».
«Und das ist nur ein Bruchteil unseres Angebots.» Heß holt Luft
und weiter aus: «Täglich kann man vormittags 30 Minuten lang "Auf den
Spuren von Goethe und Faust" wandeln und am Nachmittag Gast bei
"Mephistos Kaffeeklatsch" sein.» Des weiteren laden «Himmel und
Hölle» zum Abendessen und Kabarett ein. Besucher, die noch mehr
erleben wollen, können bereits zum Begrüßungstrunk in die Mephisto-
Bar kommen - natürlich mit «Mephistos Feuer» - und anschließend an
einer Führung in den historischen Fasskeller teilnehmen.
Bevor man hier für einen eigenen Fassritt ein Zertifikat bekommt,
muss man sich allerdings noch in der Hexenküche einer
Verjüngungszeremonie unterziehen. Und zwar mit dem Hexengebräu, das
der Teufel einst auch Faust wie Wein anpries, und das doch ganz und
gar nichts mit dem edlen Rebensaft zu tun hat: «Ein stiller Geist ist
jahrelang geschäftig, Die Zeit nur macht die feine Gärung kräftig.
Und alles, was dazu gehört, Es sind gar wunderbare Sachen...» - Die
besucherwirksame «Verjüngungskur» ist so historisch jedoch nicht:
Kellermeister Maaß hat sie - frei nach Goethe - neu erfunden. «Sie
ist sein "Baby"», sagt die Dame von der Öffentlichkeitsarbeit.
Volker Maaß ist ein Urgestein in «Auerbachs Keller». Seit 35
Jahren gehört er praktisch zum Inventar des berühmten Hauses. Im
Vergleich zum bald 500 Jahre alten Etablissement ist das zwar eine
kurze Zeit, doch am heutigen Arbeitsmarkt gemessen, ein Äon. Die
«wunderbaren» Zutaten zum Verjüngungstrunk verrät er nicht. «Das is
eene streng geheme Müschung», sagt er im schönsten Sächsisch. Und
gibt auch den «Faust» gern mal auf Sächsisch - zur Freude seiner
zahlreichen Gäste. Etwa 180 000 Besucher hat der 54-Jährige bisher
schon in seinem langen Berufsleben betreut und sich inzwischen einen
Eleven zugelegt: Er bildet den 18 Jahre jüngeren Buffetier Christian
Schulz zum zweiten Kellermeister aus.
Im vergangenen Jahr gab es in «Auerbachs Keller» einen Wechsel an
der Spitze: Das Ehepaar Christine und Bernhard Rothenberger, das
zuvor über viele Jahre das Parkhotel Schloss Hohenfeld in Münster-
Roxel geführt hatte, übernahm zu Ostern 2006 das renommierte Haus in
Leipzig vom bisherigen Pächter Ulrich Reinhardt, dessen Vertrag nach
zehn Jahren ausgelaufen war. Das Paar hatte prominente Mitbewerber:
Unter anderem zeigte der Münchner Feinkost-König Michael Käfer
Interesse am Keller.
Mit den Rothenbergers kam noch eine Reihe neuer Mitarbeiter hinzu.
Vor der Übernahme hatte «Auerbachs Keller» 86 Angestellte, heute sind
es 99. Die Gästezahlen können sich ebenfalls sehen lassen. Im ersten
«Rothenberger Jahr» besuchten 315 000 Menschen aus dem In- und
Ausland die historische Einrichtung, darunter auch gekrönte Häupter:
Königin Silvia und König Carl XVI. Gustav von Schweden - dessen
Vorfahre Jean-Baptiste Bernadotte als schwedischer König Carl XIV.
Johann einst siegreich in der Völkerschlacht bei Leipzig gegen
Napoleon I. ins Feld gezogen war.
Im vergangenen Herbst ließ sich die chilenische Präsidentin
Michelle Bachelet in «Auerbachs Keller» gebratenes Rehrückenfilet auf
Selleriepüree mit Quittenchutney und Haselnussspätzle schmecken. Ein
paar Monate vorher versuchte sich der südafrikanische
Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu an «Leipziger
Lerchen» - Stubenküken zu geschmorten Äpfeln in Kräuterjus.
Natürlich sind solche Speisen nicht der Prominenz vorbehalten.
Überhaupt bemühen sich die Rothenbergers, jeden Besucher wie einen
Ehrengast zu behandeln und laden mit jenen Worten in ihr Haus ein,
mit denen man schon zu Goethes Zeiten allenthalben für die Messestadt
warb: «Wer nach Leipzig zur Messe gereist, Ohne auf Auerbachs Hof zu
gehen, Der schweige still, denn das beweist: Er hat Leipzig nicht
gesehn.»
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