Hamburg (dpa) - 27. November 2007
Die Nordwanderung des Weines - Anbau wird möglich und Konsum steigt
Riesling aus St. Peter-Ording und feinblumig-
milder Müller-Thurgau aus der Holsteinischen Schweiz - was vor Jahren
undenkbar schien, klingt nicht mehr so abwegig. Nahe der Hamburger
Landungsbrücken gedeihen bereits seit zwölf Jahren die Trauben
Phoenix und Regent. Mit dem Klimawandel verschiebt sich auch die
Weinanbaugrenze jedes Jahr ein Stückchen weiter Richtung Norden.
Zuletzt wurde im 12. Jahrhundert an der Ostsee, in England und
Dänemark Weinbau betrieben. Damals gab es eine ähnlich warme
Klimaperiode wie heute. Erst eine Kälteperiode im 15. Jahrhundert
machte dem Winzertum an der Ostsee ein Ende - bis heute.
Winzerin Christel Currle betreut mit ihrem Vater Fritz den kleinen
Hamburger Weinbau mit 75 Rebstöcken. «Jedes Jahr wird es ein
Stückchen besser», sagt die 37-jährige Stuttgarterin. Das Mostgewicht
steige. «Wir haben mittlerweile ein Produkt, das ähnlich wie
Qualitätswein ist.» Durch fehlende Hänge und Berge im Norden bleibe
aber das Problem einer anderen Sonneneinstrahlung. Ein edler Tropfen
ist im Norden trotz Klimawandels vorerst nicht zu erwarten. Winzer
berichten von Anlaufschwierigkeiten: «Am Anfang war das nur
Sauerampfer».
Als «Polargrenze» des Weines gilt der 52. Breitengrad, der
ungefähr auf der Höhe von Bielefeld verläuft. Weiter nördlich könne
kein trinkbarer Wein gekeltert werden, sagten Winzer bisher. Manfred
Stock vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hält diese Grenze
nicht mehr für haltbar: «Wein kann immer weiter nordwärts angepflanzt
werden.» Selbst auf der schwedischen Insel Gotland werde bereits Wein
kultiviert. In Deutschland liegen die nördlichsten Anbaugebiete in
Mecklenburg-Vorpommern. «In Schleswig-Holstein gibt es noch keinen
gewerbsmäßigen Anbau, sondern nur ein paar private Hobby-Winzer»,
sagt ein Sprecher des Kieler Landwirtschaftsministeriums.
Die Nordwanderung zeige sich besonders deutlich in England, sagt
Stock. Hier sei die Weinanbaufläche in den vergangenen 20 Jahren um
300 Prozent gewachsen. «Die haben ein paar ganz gute Tropfen», sagt
der 58-Jährige. Die Klimabedingungen haben Rückwirkungen auf den
Anbau in den traditionellen Weingebieten. Reben in Spanien und
Frankreich nähern sich in Zukunft den Bedingungen des heutigen
Griechenlands an, während sich Badische und Rheingauer Winzer auf
französisches Klima einstellen können, erklärt Stock.
Auch der englische Weinkritiker Stuart Pigott hält die Zeit reif
für einen Nordwein - auch wenn der Boden eigentlich zu sandig und das
Klima zu kalt sei. Er rät zu nordischer Bescheidenheit: «Es muss ja
kein anspruchsvoller Wein werden, deswegen würde ich lieber ein
leichtes, fruchtbetontes Getränk anstreben - einen angenehmen
Zechwein also.»
Weil sich die Nordlichter auch beim Konsum zu Weinliebhabern
mausern, fangen sie den Einbruch von bis zu 30 Prozent in Weinländern
wie Frankreich, Italien und Spanien auf. In Schweden tranken die
Bürger im vergangenen Jahr 29 Liter pro Kopf, in Dänemark sogar 35
Liter. Auch in Deutschland, mit rund 40 Litern Weinkonsum pro Kopf
weiter in der europäischen Spitzenklasse dabei, zeigt sich ein
Einbruch der Norddeutschen in die süddeutsche Weinphalanx.
Die Hamburger kauften 2006 pro Haushalt 57 Liter Wein - mehr als
die Menschen im Rheinland oder in München. In den Hansestädten erlebe
die jahrhundertealte Weintradition eine Renaissance, sagt Ernst
Büscher vom Deutschen Weininstitut. Besonders beliebt ist deutscher
Weißwein. «Der passt in Skandinavien und in Norddeutschland gut zur
Küche, weil hier viel Fisch gegessen wird.»
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