Erfurt (dpa) - 19. Dezember 2007
Zwölf Nächte mit Herrschekloes - einzelne Orte mit eigenen Bräuchen
Leise rieselnder Schnee und stille Nacht -
Weihnachten gilt als das Fest der Besinnung und Ruhe. Früher war die
Weihnachtszeit nach Ansicht der Erfurter Volkskundlerin Gudrun
Braune für die Menschen tatsächlich ein Ausgleich für das restliche
Jahr: «Das Leben war von harter Arbeit geprägt. Die Zeit um
Weihnachten und Neujahr war die einzige im Jahr, wo ein wenig Ruhe
einkehrte.» Gleichzeitig boten die langen, dunklen Nächte Raum für
Geschichten rund um Dämonen und Geister der Finsternis, die mit
zahlreichen Bräuchen ausgetrieben werden sollten: «Es wurde alles
getan, um das neue Jahr unter besten Voraussetzungen zu beginnen.»
«Die uns heute bekannte Weihnachtszeit entstand, als Papst
Innozenz XII. 1691 den Beginn des neuen Jahres auf den 1. Januar
festsetzte - damit wurden die weihnachtlichen Festlichkeiten auf die
sogenannten «Heiligen Zwölf Nächte» ausgedehnt», sagt Peter Fauser
von der volkskundlichen Beratungsstelle Erfurt. Um die Arbeitsruhe
zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen (6. Januar) zu
gewährleisten, entwickelten sich zahlreiche Bräuche: «Es war
beispielsweise der Glaube weit verbreitet, dass ein Unglück
geschieht, wenn in dieser Zeit Wäsche gewaschen würde.»
Einer der bekanntesten Weihnachtsbräuche ist heute der
Weihnachtsbaum. In fast jedes Wohnzimmer schafften es die Nadelbäume
laut Braune aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts: «Damals wurden
die Weihnachtsbäume üblicherweise an die Decke gehängt, um in den
kleinen Wohnungen Platz zu sparen.» Das Grün der Bäume sollte
als Symbol des Lebens und der Hoffnung Glück bringen. Kerzen
spielten am Weihnachtsbaum erst später eine Rolle: «Ursprünglich
wurde der Christbaum mit Äpfeln, Nüssen und Gebäck geschmückt -
Kerzen waren zu teuer.»
Die Tradition der weihnachtlichen Geschenke entwickelte sich laut
Fauser außerhalb der höfischen Gesellschaft erst im 18. Jahrhundert.
«Paten und Großeltern schenkten den Kindern Kleinigkeiten.» Für das
Überbringen der Gaben waren vielerorts auch damals schon Nikolaus
und Christkind zuständig. «In Südthüringen war der Nikolaus unter
den Namen Herrschekloes, Harrschekoasche oder Herrscherupprich
bekannt und zog von Haus zu Haus, um die Kinder zu fragen, ob sie
artig waren.»
Einige Thüringer Orte pflegen bis heute alte Bräuche in den
heiligen zwölf Nächten. In Schweina (Wartburgkreis) wird am Heiligen
Abend nach alter Tradition das «Antoniusfeuer» abgebrannt, sobald
die Dämmerung einbricht. «Die Jugendlichen aus dem Dorf binden
Reisigbesen um etwa acht Meter hohe Fichtenstämme», sagt Braune.
Etwa 15 Fackeln dieser Art bilden das Feuer.
Ein weiterer populärer Brauch in der heiligen Zeit waren Umzüge.
In vielen Orten gab es das sogenannte «Klingeln». «Dabei zogen
Kinder, junge Mädchen oder Burschen von Haus zu Haus und wünschten
den Bewohnern mit kleinen Sprüchen alles Gute für die Zukunft.» Eine
Form, seine guten Wünsche zu überbringen, war das «Dengeln». Dabei
wurden Bewohner des Hauses mit einer grünen Reisigrute auf die
Schulter geschlagen, um ihnen Kraft, Stärke und Gesundheit zu
wünschen. Als Gegenleistung schenkten sie den Gästen kleine Gaben
wie Pfefferkuchen, Branntwein, Nüsse oder Äpfel. «Diese Umzüge waren
vielerorts ein großes Ärgernis, weil sie mit Krach und Volksauflauf
verbunden waren. Außerdem war Betteln verpönt», sagt Fauser.
In Schnett (Kreis Hildburghausen) hat dieser alte Brauch
überlebt. Während der «Hullefraansnocht» Anfang Januar ziehen
Jugendliche des Ortes als furchterregende Gestalten verkleidet von
Haus zu Haus, um geräuschvoll den Familienmitgliedern ihre guten
Wünsche zu übermitteln. «Heute hat Brauchtum oft etwas mit Spaß und
Freizeit zu tun», meint Fauser. «Früher hatten diese Bräuche aber
einen ernsthaften Hintergrund: In der Unvorhersehbarkeit des Lebens
hat man alles getan, um Unheil abzuwenden.»
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