Bologna/Parma (dpa) - 06. Februar 2008
Unterwegs auf der Gourmet-Geraden: Schlemmerparadies Emilia Romagna
Manche nennen es Schlemmerparadies,
andere wähnen sich im «Bauch Italiens». Und jedem läuft dabei das
Wasser im Mund zusammen. Da bilden pralle Schinken ein Spalier, Käse
türmt sich auf, und leicht prickelnder Rotwein perlt in die Gläser.
Willkommen auf der Gourmet-Geraden im italienischen Norden! Die
Straße führt schnurstracks von Bologna nach Parma durch die Emilia
Romagna - ein Land vieler Köstlichkeiten, zu denen die aromatischen
und sündteuren weißen Trüffel ebenso gehören wie das «schwarze Gold»:
der aufwendig hergestellte Balsamico-Essig aus Modena. Sehenswerte
Städte und ein reizvolles Hinterland runden das Bild ab.
«Und es gab dort einen Berg von geriebenem Parmesankäse, auf
welchem Leute standen, die nichts anderes taten, als Makkaroni und
Ravioli zu machen» - so fein drückt es der Dichter und Weltliterat
aus, und zwar bereits Mitte des 14. Jahrhunderts: Giovanni Boccaccio
warnt in seinem «Decamerone» damit auch heute noch jeden, der sich
auf diese Gourmet-Gerade begeben will und Spaß nicht nur an Kirchen
und Türmen hat, sondern auch an dem, was kulinarisch geboten wird.
Und Spaß sollte schon mitbringen, wer im «Bel Paese» auf Reise geht.
Luftholen vor den Toren Bolognas ist also angesagt, und zwar im
doppelten Sinne: Versteckt im hügeligen Grün liegt südlich der «Roten
Stadt» - die wegen des Backsteins und des politischen Linksdralls so
genannt wird - Grizzana Morandi. Hier lebte lange der Maler Giorgio
Morandi, nach dem sich der Ort werbewirksam benannt hat - genau, es
ist der, der mit Vorliebe Flaschen in allen Farben malte. Hier lädt
heute Giovanni Sabetta, in seinem Gasthof auch der Koch, dem Besucher
gleich einen Einführungskurs auf den Teller: als Antipasto also
Speck, Parmaschinken, Mortadella, Bresaola, Salami und Culatello. Und
auch wenn das schon dicke reichen könnte, war es das noch nicht.
Zumindest die Polenta nach Mamas Art mit Steinpilzen muss probiert
werden. Es ist gut und viel, also muss ein Grappa zur Verdauung her.
Seine Heimat sind die Berge, der Kräutergarten ist sein Ein und
Alles. Für seinen Gast, der schon Bologna entgegen fiebert, pflückt
Giovanni noch rasch einen kleinen Strauß mit schmalen Peperoncini und
führt ins Küchen-Italienisch ein - dort steht der «dragoncello»
(Estragon), der Thymian heißt «timo». Gut, «Rosmarino», das konnte
man sich denken. Dann aber auf nach Bologna, dieser einst führenden
europäischen Universitätsstadt mit den eleganten Baudenkmälern, der
einladenden Piazza Maggiore, dem bekannten Neptun-Brunnen und den
«Due Torri», jenen beiden schmalen Türmen aus dem Mittelalter mit
bedenklicher Schräglage. Aber halt - es geht doch diesmal weniger um
die lebendige Altstadt mit ihrem holprigen Pflaster, denn Bologna
heißt auch «La Grassa», die Fette, und dies führt gleich zur Küche.
Vor allem in der Via Drapperie, aber auch noch in den umliegenden
Gassen biegen sich die Tische der Verkaufsstände unter dem, was die
Natur vielfältig an Obst und Gemüse, an Fisch und Fleisch zu bieten
hat. Da wird direkt neben exotisch anmutenden Früchten ein «Cavolo
nero» angeboten, der irgendwie an deutschen Grünkohl erinnert. Und
gleich zu Beginn der Via Drapperie prangt das Schild «Tartufi bianchi
fresci» - die legendäre weiße Trüffel aus norditalienischen Wäldern
ist hier zu haben, fünf Gramm der kleine Knubbel, und das für
schlappe 35 Euro. Das hält das beste Reise-Budget nicht aus.
Die Trüffel ist also zu teuer, der Appetit aber geweckt. Für nur
ein paar Euro gibt es etwa in der «Bar Jazz» im Herzen von Bologna
Tortellini al Ragù - auf Bologneser Art, wie man im Deutschen sagt,
was den Bolognesi aber nicht über die Lippen kommt. Auch Bologneser
Wurst dürfte hier kaum jemandem ein Begriff sein - hier heißt das
einfach Mortadella. Die gehört in der Tat zum Zubehör des
Schlaraffenlandes Emilia Romagna, das in Bologna zum Abschluss noch
feine Schokolade oder ein Törtchen mit Walderdbeeren offeriert. Doch
nein, was jetzt nur noch passt, ist eine Kugel Eis, ein Gelato.
Danach heißt es gleich ein Stündchen lang unter jenen Bogengängen
flanieren, die alles in allem hier 40 Kilometer lang sein sollen.
Und das entspricht in etwa dem Weg zu dem kleineren, nordwestlich
gelegenen Modena. Auch in dem Geburtsort des Anfang September 2007
gestorbenen Startenors Luciano Pavarotti ist der Wohlstand nicht zu
übersehen, der Italiens Norden vom ärmeren Süden so scharf abgrenzt.
Klar ist, dass die Bürger von Modena am liebsten auch ihr
«schwarzes Gold» zum Unesco-Weltkulturerbe erklären lassen möchten,
was sie für ihre zentrale Piazza Grande mit dem Dom und den Torre
Civica bereits geschafft haben. Klar auch, dass sich ein Ristorante
wie «Enzo» in der Via Coltellini auf Gerichte spezialisiert hat, die
alle nicht einfach mit Balsamessig gewürzt sind, sondern mit «Aceto
Balsamico Tradizionale di Modena». Und der ist mindestens zwölf Jahre
gereift, dickflüssig wie Sirup und - wie es heißt - für einen Salat
viel zu schade. Nur ein paar Tropfen davon machen die Fleischsauce
wunderbar und runden dann als Duft- und Geschmackskrönung sogar ein
Vanilleeis ab.
Über Jahre und manchmal Jahrzehnte eingedickter Most ist es, der
diesen Zauber verströmt. Doch auch hier heißt es, ganz stark den
Geldbeutel im Auge zu behalten, kostet die kleine Phiole mit 100
Millilitern in Delikatessengeschäften doch leicht 40 Euro.
Die Spezialität Schweinsfüße (Zampone) und die lecker aussehenden
Lammkeulchen mit Balsamico wären denn doch zu schwer für den Magen
gewesen, geht die Genussfahrt doch noch weiter gen Nordwesten. In
dieser Region scheint alles «königlich» zu sein, der Käse und der
Schinken und sogar der Essig. Und während die Via Emilia - ähnlich
der parallel verlaufenden «Autostrada del Sole» in Richtung Mailand -
schnurgerade über das flache Land nach Reggio nell'Emilia und dann
nach Parma führt, muss auffallen, dass schlichtweg jede Stadt mit
ihrem Namen für ein kulinarisches Programm steht, für uralte und
hochstehende Tradition in der Kunst von «Ackerbau und Viehzucht».
Das ist auch in Parma so, die den Beinamen «Die Saubere» tragen
könnte. Denn wie geleckt kommt die Stadt daher, die als die schönste
der Emilia westlich von Bologna gilt. Sie ist ein Radfahrerparadies
und liefert mit der großen Piazza della Pace ihren Studenten einen
geradezu idealen Campus. Auch das lichtdurchflutete Parma lädt zu
Spaziergängen ein - vor allem zum Dom, der mit einem umwerfenden
Barock im Inneren glänzt.
Spätestens jetzt ist ein Gläschen von dem angesagt, was eigentlich
mehr zu Modena gehört und eine Überraschung birgt: Der leichte und
dabei leicht schäumende Lambrusco, eher kühl getrunken, ist
erfrischend und hat nichts gemein mit dem lieblichen Roten, wie er
unter diesem Namen in Deutschland bekannt wurde.
Die 165 000-Einwohner-Stadt Parma, selbstverständlich auch eine
Feinschmeckerhochburg, hat zunächst einmal dem weltweit bekannten
Schinken seinen Namen gegeben, wie er, schön in Reih und Glied, in
den Delikatessengeschäften von der Decke baumelt. Ein Anlaufpunkt ist
beispielsweise die «Salumeria Verdi», die etwas abseits in der nach
dem Komponisten benannten Straße liegt und mit «Prosciutto» jeder Art
vollgestopft ist. Da hat man die Qual der Wahl, ganz wie beim Käse.
Entschuldigung, natürlich ist es nicht einfach Käse - und auch
nicht nur Parmesan. Das wäre zu normal. Parmigiano Reggiano heißt die
Krönung der italienischen Käsesorten, der so hergestellt wird, dass
möglichst keine Löcher oder Risse die riesigen Laibe verunzieren. Der
Wunderkäse mit der Jahrhunderte alten Tradition gilt als vielseitig
und als in den mehr als 500 Molkereien der Emilia Romagna besonders
sorgfältig hergestellt.
Der überraschte Tourist erfährt, dass nur ein Bruchteil der
jährlich mehr als drei Millionen Tonnen Parmigiano Reggiano das Land
verlassen - die Italiener wissen also selbst, was gut ist. Soll man
da froh sein, in der «Salumeria Verdi» ihn noch vorzufinden und nach
dem Reifungsalter aussuchen kann? Soll es ein Käse «aus den Bergen» -
ein montagna - sein, steigt gleich nochmals der Preis.
Aber es ist vorgesorgt, der Heimweg kann beginnen, der auch
Vorfreude auf das ist, was als Nachspiel noch kommt. Das kleine
Paradies Emilia Romagna daheim ein Stück weit aufleben zu lassen, ist
nicht nur von Urlaubsfotos abhängig. Wo sind denn die scharfen
kleinen Chilischoten abgeblieben, die Giovanni von dem Gasthof in
Grizzana Morandi dem interessierten Gast in eine Tüte getan hatte?
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