Hamburg (dpa) - 05. März 2008
Spaß statt Genuss nach Vorschrift: Weingläser sind Geschmackssache
Im Urlaub schmeckt der Landwein
auch aus einem schmucklosen Wasserglas. Zu Hause schenkt man gute
Tropfen dagegen gerne in edlen Gläsern aus. Auch wenn nur die
wenigsten Menschen einen Weinkeller mit seltenen Raritäten besitzen,
wird das Trinken einer Flasche Wein heute von vielen regelrecht
zelebriert. Hersteller bieten Dutzende von speziellen Gläsern an - ob
für den Riesling, den Burgunder oder den Dessertwein danach. Ein Muss
ist das allerdings nicht, sagen Wein-Experten.
«Das geht schon alles ein bisschen weit», sagt beispielsweise
Hendrik Thoma, Master-Sommelier im «Hotel Louis C. Jacob« in Hamburg.
Das passende Glas zu jedem Wein - für den Fachmann steckt dahinter
auch ein wenig Geschäftemacherei. Vor allem aber empfindet er die
übertriebene Auswahl als lästig. «Weintrinken wird heute manchmal
komplizierter gemacht, als es tatsächlich ist.» Die Freude am Wein
bleibe da angesichts von soviel Theorie am Ende auf der Strecke.
Selbst wer gerne und viel Wein trinkt, kommt bereits mit einer
kleinen Gläserauswahl gut über die Runden. Zu mindestens drei
verschiedenen Gläsern rät Natalie Lumpp, Weinberaterin aus
Baden-Baden. «Ein kleines schlichtes Weißweinglas, ein großes
Rotweinglas und ein schlankes Champagner- oder Sektglas», zählt die
Sommelière auf. «Je nachdem, wie viel man trinkt, wäre es ganz schön,
noch einen Burgunder-Kelch zu haben.»
Thoma empfiehlt vier verschiedene Weinglas-Typen: Ein Glas für
jungen und eines für reiferen Rotwein sowie ein Glas für jungen,
spritzigen Weißwein und eines für etwas ältere, fülligere Weißweine.
«Ein Glas soll den Charakter eines Weines auffangen», erklärt er. Bei
der Kombination von Wein und Glas richtet er sich deswegen nicht mehr
nach klassischen Anhaltspunkten wie Rebsorte und Herkunftsgebiet,
sondern vor allem nach dem Reifegrad. Der Wein soll in einem Glas
serviert werden, das die entsprechenden Eigenschaften noch betont.
«Das Glas ist für den Genuss ganz, ganz wichtig», bestätigt Ernst
Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz. «Das meiste, was wir
glauben zu schmecken, riechen wir eigentlich.» Im falschen Glas
könnten sich die Aromen nicht optimal entfalten. So würden sich
beispielsweise die filigranen Aromen eines Weißweins in einem großen
Rotweinglas verlieren. Dagegen kann ein Rotwein in einem schmaleren,
spitzer zulaufenden Weißweinglas nur einen Teil seiner Aromen
überhaupt zur Geltung bringen.
«Bei mir zu Hause habe ich vier verschiedene Glastypen - zwei für
Rot- und zwei für Weißwein», erzählt Büscher. Er rät, beim Gläserkauf
die praktischen Aspekte nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu gehört
auch, vorab zu überlegen, wie viel Platz man überhaupt für die Gläser
hat. Statt sich über überfüllte Regale zu ärgern, sollten besser
Kompromisse gemacht werden: «Entweder man wählt ein für möglichst
viele Weine geeignetes Glas oder eines für den persönlichen
Lieblingswein.»
Bleibt noch die stilistische Qual der Wahl. Ob beim Gourmet-Glas
für knapp 40 Euro oder der Günstig-Variante für 4 Euro - der Trend
geht derzeit eindeutig zu schlichtem Design mit schlanken Stielen und
großen Kelchen.
Ein Beispiel dafür ist die Serie «Difference», die die Designerin
Erika Lagerbielke für das schwedische Unternehmen Orrefors entworfen
hat. Fünf Weingläser, ein Champagner-Glas und zwei Schnapsgläser
umfasst die Kollektion. Die Kelche sind je nach Glastyp
unterschiedlich hoch und weit geformt, die Stiele aber immer gleich
lang. «Das hat zwar keinen Einfluss auf das Aroma», sagt die
Designerin. Es lasse die Gläser aber schöner aussehen.
Beim Unternehmen Rosenthal wurde ebenfalls der Trend zu größeren
Kelchformen aufgegriffen. Allerdings wurden keine neuen Serien ins
Programm aufgenommen, sondern bestehende Designs einer behutsamen
Verjüngungskur unterzogen, wie es bei der Firma in Selb (Bayern)
heißt. Unter anderem bekam die vor knapp 40 Jahren entworfene Serie
«Fuga» eine etwas andere Anmutung.
Und auch wenn der Geldbeutel kleiner ist, darf der Kelch trotzdem
etwas größer ausfallen. Neben Gläsern mit Durchschnittsmaßen finden
sich zum Beispiel in der Stielglas-Serie «Cuvée» vom Hersteller
Montana Homestyle in Bad Driburg ebenfalls Bordeaux- und
Burgunder-Kelche im XL-Format.
INFO-KASTEN: Bei Weingläsern machen Details den Unterschied
Ein gutes Weinglas ist unter anderem daran zu erkennen, dass es
keinen sogenannten Rollrand hat und vergleichsweise dünnwandig ist.
Denn in einem dickwandigen Glas läuft der Wein sehr schnell in den
Mund und verschwindet im Rachen. Dabei geht sehr viel von den Aromen
verloren. Bei einem dünnwandigen Glas wird dagegen automatisch der
Mund gespitzt und wesentlich vorsichtiger getrunken.
Hat das Glas einen langen Stiel, erwärmt sich der Wein nicht so
schnell, auch wenn das Glas länger in der Hand gehalten wird. Viele
Verbraucher bevorzugen allerdings Gläser mit kurzem Stiel, da sie
besser in die Spülmaschine passen.
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