Montepulciano (dpa) - 11. März 2008
Teure Weine und ein Termin beim Teufel - Auf Tour in der Süd-Toskana
Wo bleibt der «Schwarze Abt»? Flach
steht der Vollmond am Horizont, die von den Feldern aufsteigende
Feuchtigkeit sorgt für einen leichten Dunst in Kniehöhe, und die
Ruine der Klosterkirche ragt wie ein in Stein gemeißeltes Geheimnis
in den Nachthimmel. Jetzt müsste nur noch der schrille Schrei einer
Frau zu hören sein, und die Stimmung eines Edgar-Wallace-Romans wäre
perfekt. Doch dies ist nicht England und kein Schwarz-Weiß-Film, dies
ist der Süden der Toskana - und eben deshalb muss kein nächtlicher
Besucher der Abtei San Galgano befürchten, hinter der nächsten Säule
einem mysteriösen Mörder in Mönchskutte zu begegnen. Allein die
Vorstellung allerdings reicht aus, um sich ein wenig unbehaglich zu
fühlen - zumal kein anderer Besucher weit und breit zu sehen ist.
San Galgano als einen Geheimtipp zu bezeichnen, wäre eine bewusste
Irreführung von Touristen. Der ausufernde Parkplatz mitten in der
Landschaft, auf dem pro Stunde 1,50 Euro Gebühren fällig werden,
zeigt deutlich an, was in der Hochsaison hier mitunter los ist. Vor
und nach dem Sommer verlieren sich die wenigen Touristen jedoch auf
dem Gelände - und zwar nicht nur abends, wenn die Ruine effektvoll
angestrahlt wird, sondern auch tagsüber. Während sich im nur gut 30
Kilometer entfernten Siena die Urlauber auf der Piazza del Campo auf
die Füße treten, beweist die Abtei San Galgano, dass sich
Entdeckungsfahrten quer durch die südliche Toskana lohnen.
San Galgano war einst eine große Zisterzienserabtei. 1181 starb
hier der Eremit Galgano Guidotti, der schon vier Jahre später
heiliggesprochen wurde. Das große gotische Kirchenschiff auf dem Feld
entstand dann ab 1218. Glücklich wurden die Mönche hier aber nicht
lange: 1348 starben viele an der Pest, 1474 zog es sie dann fort nach
Siena. Das Kirchendach wurde im 16. Jahrhundert abgetragen, der Rest
stürzte ein, 1786 wurde der Turm durch Blitzschlag zerstört - und
schon war die Ruine fertig, die heutige Touristen zu sehen bekommen.
Neben der großen Kirche erscheint die Kapelle auf einem nahen
Hügel kaum beachtenswert - einen Blick hineinwerfen sollten Besucher
aber schon. Denn Galgano war ein Ritter, der der Gewalt abgeschworen
und sein Schwert wie das «Excalibur» der englischen König-Artus-Sage
in einen Felsen gerammt hatte. An eben jener Stelle wurde die Kapelle
gebaut - und das Schwert des Eremiten steckt dort heute immer noch.
Zwar verhindert eine Schutzhaube aus Plexiglas jeden Versuch, die
Waffe aus ihrer Verankerung zu lösen, so dass nicht jedermann gleich
ausprobieren kann, wie viel von der Geschichte stimmt. Mystikern
läuft bei dem Anblick aber sicher rasch ein Schauer über den Rücken.
Ebenfalls südlich von Siena liegen die großen «M» der Süd-Toskana:
Massa Maríttima, Montalcino und Montepulciano. Sie alle verbindet ein
weiteres «M»: das Mittelalter, das ihnen die engen Gassen und ein
gelegentlich morbid erscheinendes Stadtbild hinterlassen hat. In
Montepulciano etwa ist die alte Stadtmauer völlig intakt geblieben,
so dass sich der Ort als geschlossenes Ensemble präsentieren kann.
Schon bei der Anfahrt ist das zu erkennen, denn wie viele Städte der
Toskana liegt Montepulciano auf einem Berg. Wenn Touristen am späten
Nachmittag von Westen - also mit der Sonne im Rücken - auf den Ort
zufahren, erstrahlt die Silhouette in einem besonders schönen Licht.
Es gibt kostenlose Parkplätze in Zentrumsnähe - damit überrascht
Montepulciano seine Besucher, die es in der Toskana sonst gewohnt
sind, überall für das Abstellen ihres Autos viel Geld zu bezahlen. Im
Rathaus kommen Touristen um das Zücken des Portemonnaies dann aber
nicht herum: Für 1,60 Euro geht es auf die schmale Terrasse, die
einen prima Blick über die Dächer der Altstadt und die hügelige
Umgebung bis nach Umbrien im Osten ermöglicht. In den vielen
Geschäften werden Lederwaren, Keramik oder Wein verkauft.
Aushängeschild der Stadt ist der «Vino Nobile de Montepulciano», ein
kräftiger Roter, der mindestens zwei Jahre im Holzfass reifen muss.
Montepulciano liegt inmitten der Crete Senesi, einer Landschaft
voller Lehmhügel und Weizenfelder, die fast gänzlich ohne Wälder
auskommt. Auf den Hügeln stehen vereinzelt Landhäuser und Weingüter,
deren Zufahrten von langen Zypressenalleen gesäumt werden - das ist
also die Bilderbuch-Toskana, nach der so viele suchen. Immer wieder
müssen Autourlauber damit rechnen, dass rechts und links der Straße
andere Wagen angehalten haben, deren Fahrer ausgestiegen sind und
versonnen den Blick über die Umgebung schweifen lassen - oder aber
sich alle Mühe geben, die Speicherkarte ihrer Kamera vollzubekommen.
Auf der Fahrt nach Westen in Richtung Montalcino verändert sich
das Landschaftsbild, die Hügel werden etwas grüner. Weinbau bestimmt
das Leben vieler Menschen, hier heißt das Spitzenprodukt «Brunello».
Nur auf ausgesuchten Flächen dürfen die Reben für diesen Rotwein
wachsen, der dann mindestens vier Jahre ins Holzfass muss, was sich
auf die Preise auswirkt. In einer Enoteca ist «Brunello» gerade im
Sonderangebot zu haben: der 99er Jahrgang für 45 Euro die Flasche,
während für andere Tropfen 120, 280 oder mehr Euro anzulegen sind.
Bei der Weiterfahrt zum Mittelmeer wandelt sich die Landschaft
erneut: Von der Crete geht es in die Maremma, eine ebenfalls nur sehr
dünn besiedelte, dafür aber umso grünere Gegend voller Hügel. Immer
wieder heißt es auf Serpentinenstrecken einen Gang zurückzuschalten;
mehr als 50 oder 60 Kilometer in der Stunde sind oft nicht drin.
Aus dem Otto-Normaltouristen wird hier schnell ein Rallye-Fahrer,
denn Schlaglöcher gibt es mehr als genug, und was auf der Landkarte
als reguläre Provinzstraße eingezeichnet ist, entpuppt sich zum Teil
als Schotterpiste, die ein Befahren nur im ersten Gang zulässt. Einst
war die Maremma das Armenhaus der Toskana, eine Region, aus der viele
Menschen das Weite suchten - das wirkt noch immer nach. Viele Dörfer
wirken wie ausgestorben, die meisten Fensterläden sind verschlossen.
Nur ein paar Geschäfte und die Tankstelle halten hier die Stellung.
Ein längerer Stopp lohnt sich in Massa Maríttima. Die Stadt bietet
ein ähnlich geschlossenes Ensemble wie Montepulciano: Sie besitzt ein
Zentrum auf einem Berg mit engen Gassen, historischen Palästen aus
dem Mittelalter und guten Restaurants. Sehenswert ist der fast 1000
Jahre alte Dom an der Piazza Garibaldi mit seiner breiten Freitreppe.
Die Küste ist von Massa Maríttima aus nicht mehr weit, besonders
beliebt ist der Badeort Castiglione della Pescaía. Beiderseits der
Mündung des Flüsschens Bruna sind Strandbäder zu finden, die von
Liegestühlen über Sonnenschirme bis zum Eisverkauf alles bieten, was
ein Tag am Mittelmeer so bieten soll. Interessant ist aber auch ein
Spaziergang durch die Altstadt, die - wie könnte es wohl anders sein?
- auf einem Hügel über der Flussmündung thront. Den Zugang gewährt
ein kleines Tor an der Kirche Santa Maria del Giglio. Mittags in der
Nebensaison ist hier fast niemand unterwegs, nur ab und zu stört aus
einer Nachbargasse das Zweitaktgeknatter eines Motorrollers die
Stille. Die Burg ganz oben kann nicht besichtigt werden, doch von der
Festungsmauer aus reicht der Blick bei klarer Sicht bis zur Insel
Elba - und auch an diesigen Tagen weit über die Strände der Region.
Ein Bad ganz anderer Art lässt sich in Satúrnia nehmen, knapp eine
Autostunde vom Meer entfernt. Der Name klingt zwar nach himmlischen
Sphären, tatsächlich aber geht es zu wie bei einem Termin mit dem
Teufel: Eine 37,5 Grad heiße Schwefelquelle ergießt sich hier über
einen Wasserfall in mehrere kleine Becken, über denen der Gestank von
faulen Eiern liegt - was aber viele Touristen nicht davon abhält
hineinzusteigen. Selbst bei strömendem Regen herrscht großer Andrang:
Autos und Wohnmobile vor allem aus Deutschland und der Schweiz bilden
eine lange Schlange auf der Zufahrtspiste. Handtücher und Schuhe
liegen in Reih und Glied neben den Felsen - außer einer Imbissbude
gibt es hier keine Infrastruktur, also auch keine Umkleidekabinen.
Wer auf eine Dusche und einen Schrank für die Kleidung Wert legt,
findet zwei Kilometer entfernt die «Terme di Satúrnia», die vom
gleichen Quellwasser gespeist wird. Hier gibt's den Badespaß aber
nicht kostenlos, sondern nur beim Kauf einer Tageskarte für happige
22 Euro. Wer nach 15.00 Uhr ankommt, zahlt weniger, auch der
Parkplatz vor der Tür wird dann preiswerter. Eines bleibt aber in
jedem Fall zurück, egal wo hier gebadet wird: der Duft von Schwefel
auf der Haut, gegen den kein noch so intensives Duschen hilft. Selbst
spät am Abend beim Besuch der Abtei San Galgano stinkt der Körper
noch wie nach einem Rendezvous mit des Teufels Großmutter. Vielleicht
ist das ja der Grund, warum sich der «Schwarze Abt» nicht zeigt.
INFO-KASTEN: Südliche Toskana
ANREISE: Flughäfen gibt es in der Toskana in Pisa und Florenz.
Pisa wird von Deutschland aus angeflogen von Tuifly (ab Stuttgart,
Köln/Bonn und Hannover) sowie Ryanair (ab Lübeck und Hahn/Hunsrück).
Nach Florenz fliegt die Lufthansa mit Umsteigen in Frankfurt/Main
oder München von mehreren deutschen Flughäfen aus. Eine Alternative
ist eine Anreise über den Flughafen Rom - von dort sind es etwa 175
Kilometer auf der «Via Aurelia» nach Grosseto. Von Süddeutschland aus
fahren Autofahrer über den Brenner, Verona, Modena und Bologna bis
Florenz und von dort aus über Siena bis in die Süd-Toskana. Durch die
Schweiz führt der Weg über Mailand, Parma und Bologna nach Florenz.
KLIMA UND REISEZEIT: Mediterranes Klima, im Sommer ist es oft sehr
heiß. Regen fällt von Juni bis Mitte September eher selten. Als gute
Reisezeiten gelten die Monate Mai und Juni, wenn in der Toskana alles
blüht, sowie nach der Hochsaison der Frühherbst (September/Oktober).
SPRACHE: Italienisch. Wer in Deutschland die Sprache gelernt hat,
kommt in der Toskana meist gut zurecht, denn der Dialekt der Region
entspricht dem Hochitalienisch, das heute im Ausland gelehrt wird.
GELD: In Italien wird mit dem Euro bezahlt. Das Bezahlen mit der
Maestro- oder einer gängigen Kreditkarte ist in der Regel problemlos.
INFORMATIONEN: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Neue
Mainzer Straße 26, 60311 Frankfurt (Tel.: 069/23 74 34, E-Mail:
E-Mail: enit.ffm@t-online.de); Internet: Link: www.enit.de, Link: www.turismo.toscana.it,
Link: www.lamaremma.info, Link: www.terresiena.it, Link: www.termedisaturnia.it.
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