Weingarten (dpa) - 28. März 2008
Barocker Brauch und Gottes Segen: Weingartens Blutritt lockt Besucher
Laut dröhnt die schwere Glocke der Basilika
von Weingarten, die weit sichtbar auf dem Martinsberg in Oberschwaben
thront. Es ist 7.00 Uhr am Morgen, und Tausende Pilger bevölkern den
Platz vor der Sandsteinfassade des barocken Gotteshauses. Feierlich
wird die Reliquie des Heiligen Blutes aus der Abteikirche getragen.
Nur einmal im Jahr holen die Pater das goldene, mit Edelsteinen
verzierte Kreuz aus dem Altarraum ins Freie - für die Prozession am
sogenannten Blutfreitag, der in diesem Jahr am 2. Mai gefeiert wird.
«Der Blutfreitag ist für mich das Nonplusultra des christlichen
Jahres», sagt Gebhard Schüle, «er gibt mir Halt für's ganze Jahr.»
Wie viele andere Pilger kommt der Schwabe seit Jahrzehnten jeweils am
Freitag nach Christi Himmelfahrt nach Weingarten, wo Katholiken die
Heilig-Blut-Reliquie schon seit mehr als 900 Jahren verehren.
Zu Orgelklängen, laut gesprochenen Gebeten und Fotoknipsgeräuschen
reitet ein Priester im festlichen Gewand auf einem Schimmel durch die
Menge und nimmt das Reliquienkreuz entgegen. Nun kann die Prozession
beginnen - jedes Jahr zieht sie rund 30 000 Besucher an.
Auf der Rückseite der großen Klosteranlage warten schon etwa 1000
Pferde mit Reitern, festlich gekleidet in Gehrock und Zylinder, und
Reiterinnen im Ministrantengewand. Denn Frauen und Mädchen dürfen am
Blutritt nur als Ministrantinnen teilnehmen. Weitere 2000 Pferde
stehen in den Straßen der Kleinstadt, bereit für ihren Abritt in
genau festgelegter Reihenfolge. Der Heilig-Blut-Reiter mit der
Reliquie in der Hand erteilt den Segen. Dann setzen sich die
Reitergruppen in Bewegung. Für dieses Ereignis reisen sie mit
Pferdehängern und Kutschen aus ganz Oberschwaben an.
Gemeinsam mit Musikkapellen aus den Orten der Umgebung ziehen fast
3000 Pferde durch Weingarten und seine Flure. Der Ritt gilt als
größte Reiterprozession Europas. «Der Blutritt symbolisiert unsere
Identität, er ist ein Stück unseres Herzens», erklärt der
Oberbürgermeister der 25 000-Einwohner-Stadt, Gerd Gerber. Vom Balkon
des Rathauses grüßt er die vorbeiziehenden Reiter.
Anders als in der nahe gelegenen Stadt Ravensburg, wo historische
Türme und Bürgerhäuser mit reich verzierten Fassaden die Altstadt
dominieren, bildet in Weingarten seit jeher die stattliche
Klosteranlage das Zentrum des Interesses. Heute leben nur noch fünf
Mönche in dem einst bedeutenden Benediktinerkloster. «Die Kuppel ist
mit 67 Metern Höhe die größte nördlich der Alpen», sagt Stadtführer
Raimund Kolb und geleitet eine Besuchergruppe in Deutschlands größte
Barockbasilika. Der von Licht durchflutete Innenraum bietet viel
Platz für Touristen und Pilger, die auf dem Jakobsweg von Nürnberg
nach Santiago di Compostela in Spanien hier Station machen.
«Dieses Gotteshaus ist wie die Musik von Händel: groß und heftig,
dabei klar und nicht verspielt», schwärmt Kolb. Namhafte Künstler der
Barockzeit waren am Werk: Die farbenfreudigen Deckenfresken stammen
von Cosmas Damian Asam, das imposante Altarbild vom Kirchenmaler
Franz Joseph Spiegler. Die goldverzierte Große Orgel von Joseph
Gabler mit fast 7000 Pfeifen gilt als Meisterwerk der Orgelbaukunst.
Im Untergeschoss der Kirche befindet sich die schmucklose Grablege
der Welfen. «Die Welfin Judith von Flandern war es, die im Jahr 1094
dem Konvent die Blutreliquie vermacht hat», erklärt der Stadtführer.
Der Überlieferung zufolge enthält die Reliquie einen Blutstropfen aus
der Seitenwunde Christi. Eine Geschichte mit viel Symbolgehalt:
«Keiner fordert da heute eine DNA-Analyse», sagt Kolb und lächelt.
Das Stadtmuseum im «Schlössle» mit seiner Renaissance-Fassade
stellt die Historie Weingartens von der Klostergründung 1056 bis in
die Neuzeit vor. Die Sammlung zeigt auch barocke Devotionalien und
seltene Votivbilder, Volkskunst aus vielen Jahrhunderten. Außerdem
erfährt der Besucher, dass der Blutritt unter den Nationalsozialisten
verboten war und erst vom Jahr 1948 an wieder stattfinden konnte.
Inzwischen ist es 11.00 Uhr vormittags, die Reiter kehren nach und
nach von ihrer Prozession zurück. Etwas erschöpft vom mehrstündigen
Beten und Reiten kommen sie am Weinberg von Weingarten vorbei. «Unser
Wein wird nur zu besonderen Anlässen kredenzt», erläutert der
Winzermeister von Weingarten, Bernhard Plewe. Für mehr reicht die
Menge einfach nicht aus. Die Weinlese ist an einem Tag vollbracht.
Nach dem Ritt haben Besucher und Teilnehmer Hunger, in Gasthöfen
wie dem «Bären» sind schwäbische Spezialitäten wie Maultaschen, saure
Linsen mit Saitenwürsten und Zwiebelrostbraten gefragt. Gemütlich und
unaufgeregt ist die Stimmung, «und auch aus dem Blutritt wollen wir
keinen "Event" machen», sagt Mitorganisator Wolfgang Habisreutinger.
«Unser Fest soll auch in Zukunft authentisch bleiben.»
Informationen: Amt für Kultur und Tourismus, Münsterplatz 1, 88250
Weingarten (Tel.: 0751/40 51 25, Internet: Link: www.weingarten-online.de).
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