Leimen/Mainz (dpa) - 30. April 2008
Apfelwein für laue Abende: Cidre und seine prickelnden Verwandten
In Frankreich ist er so etwas wie ein
Nationalgetränk, doch auch in Deutschland findet der Cidre inzwischen
immer mehr Fans. «Cidre gehört zur Familie der Apfelweine», erklärt
der Winzer Marcus Müller aus Leimen bei Heidelberg. Das prickelnde
Getränk sei für laue Sommerabende ideal: «Es hat deutlich weniger
Alkohol als Wein, macht daher nicht müde, löscht aber dennoch ähnlich
wie eine Apfelschorle gut den Durst und erfrischt.»
Cidre wurde schon von den Kelten getrunken, wie der Weinexperte
und Buchautor Fabian Lange aus der Nähe von Mainz berichtet. «Sie
hatten keine Weintrauben und griffen deswegen auf andere Früchte zur
Alkoholgetränkherstellung zurück.» Noch heute komme der sprudelnde
Apfelwein traditionell aus der Normandie und der Bretagne. «Doch auch
in anderen Ländern gibt es ähnliche Produkte: den Cider in Wales, den
Sidra im spanischen Asturien und den Viez in Hessen.»
Für die Herstellung von Cidre kann laut Lange fast jeder Apfel
verwendet werden. «Für 95 Prozent aller Cidres werden alle
verfügbaren Äpfeln zusammengemischt und gemeinsam gegart.» Wer jedoch
eine bessere Qualität wolle, nehme nur Äpfel einer bestimmten Sorte
und verarbeite sie separat. «Dann gibt es zwei Möglichkeiten der
Herstellung: Entweder verarbeitet man die Äpfel sofort oder lässt sie
- wie in der Normandie typisch - noch einige Zeit liegen, damit sich
die Stärke im Apfel in Fruchtzucker umwandelt und später besser
gärungsfähig ist», sagt Lange.
Egal, welchen Weg man gewählt hat, muss man das Obst im nächsten
Schritt hexeln und mithilfe einer Presse den Saft aus dem Brei
drücken. Abgefüllt in Tanks gärt das Getränk dann und wird zum
Apfelwein. «Schließlich wird der noch gärende Wein gefiltert und in
Flaschen gefüllt, wo er noch etwas weiter gärt und so mit Kohlensäure
versetzt wird.» Unterschiede gibt es dann aber noch in der Süße des
Getränks: «Brut» bezeichnet die eher herbe Variante, «doux» die
süßlichere.
Bis vor einigen Jahrzehnten war Cidre in Deutschland noch relativ
unbekannt, griff man doch lieber zum Bier statt zur französischen
Alternative. Doch seit einigen Jahren haben auch einheimische Winzer
das Getränk entdeckt. «Cidre» ist dabei laut Lange zwar ein
geschützter Begriff, der nur für die Produkte aus der Normandie und
Bretagne verwendet werden darf, doch die in Deutschland hergestellten
sprudelnden Apfelweine folgen ähnlichen Herstellungsprinzipien wie
die französischen Originale.
So wie auf dem Weingut von Winzer Müller. «Mein Vater Helmut hat
das Getränk Anfang der 90er Jahre in Frankreich für sich entdeckt und
gedacht: "Das können wir auf unserem Weingut bestimmt auch machen"»,
erzählt Marcus Müller. Deswegen bezieht die Familie seitdem Äpfel von
einem Obstgut aus der Region und gärt sie innerhalb von vier bis
sechs Wochen zu einem fruchtigen, cidreähnlichen Getränk.
Auch viele Naturkostläden haben mittlerweile Bio-Cidre im
Sortiment. Dieser wird dabei auf ähnliche Weise wie normaler Cidre
hergestellt, allerdings unterscheidet sich die Produktion in einigen
Punkten von der herkömmlichen: Beim konventionellen Apfel-Cidre-Anbau
werden Pestizide zwar kaum eingesetzt, doch für diejenigen, die sich
nicht darauf verlassen wollen, gibt es eben das Getränk aus
kontrolliert biologisch angebauten Äpfeln, wie die Internetseite
Link: www.naturkost.de in Aschaffenburg berichtet. «Zwar sind die Bäume in
den Streuobstwiesen Hessens und des Pays d'Auge meist so
widerstandsfähig, dass dort auch viele konventionelle Bauern keine
Pestizide spritzen. Allerdings garantieren nur die ökologischen
Anbauverbände eine wirklich pestizidfreie Herstellung», heißt es da.
Cidre kann übrigens auch wie Wein gut zum Kochen verwendet werden,
wie Experte Lange erzählt. «Das Gericht "Tripes à la mode de Caen"
gehört beispielsweise zu den Klassikern», sagt er. «Dazu werden
Kalbs- oder Rinderkutten in Streifen geschnitten und in Cidre
gekocht.» Auch Jacobsmuscheln erhielten durch Cidre ein ganz neues
Aroma. «Für Desserts ist Cidre dagegen weniger gut geeignet, ist er
doch nicht süß genug.»
Getrunken erfrischt Cidre am besten bei zehn bis zwölf Grad
Celsius, weil er bei dieser Temperatur sein volles Aroma entwickelt.
Dabei muss man allerdings auch vorsichtig sein - immerhin ist Cidre
dafür bekannt, dass er die Verdauung anregt und in größeren Mengen
manchmal eine durchschlagende Wirkung hat.
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