Hamburg/Ulm (dpa) - 07. Mai 2008
Rotwein schützt vor Herzinfarkt? Teufelszeug oder Lebenselixier? - Mythen um den Alkohol
Rotwein schützt vor Herzinfarkt?
Weintrinker sind gesünder als Biertrinker? Und: Ein Gläschen am Abend
hat doch wohl noch niemandem geschadet? Um die gesundheitlichen
Auswirkungen von Alkohol hat wahrscheinlich schon jeder Stammtisch
gestritten. Und sich ergebnislos vertagt. Was ist dran an den
Behauptungen - macht ein Gläschen wirklich nichts?
«Man kann nicht grundsätzlich sagen, dass es eine Grenze für
unschädlichen Alkoholkonsum gibt», sagt der Arzt Jens Reimer aus
Hamburg, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für
Suchtmedizin. Die Chemikalie Ethanol - nichts anderes ist der
berauschende Stoff in Bier und Wein - sei ein Nervengift. Mit jedem
Schluck opfern wir der Genussbefriedigung einige unserer Milliarden
Nervenzellen. Und dass auch die Körperorgane durch die toxischen
Effekte des Alkohols und seiner Stoffwechselprodukte angegriffen
werden, ist kein Geheimnis. Unbestrittene Langzeitfolgen sind
Leberschäden und ein erhöhtes Krebsrisiko. Nicht zu vergessen die
Gefahr, durch regelmäßiges Trinken abhängig zu werden.
Generationen von Bier- und Weinfreunden wissen aber auch, dass es
immer auf die Dosis ankommt. Den Raubbau an der eigenen Intelligenz
und Gesundheit kann sich nur leisten, wer moderat vorgeht. Die
Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, dass Frauen täglich nicht
mehr als 20 Gramm Alkohol zu sich nehmen sollten. Männer dürfen mit
30 Gramm etwas mehr trinken. Den WHO-Grenzwert haben Frauen nach rund
einem halben Liter Bier erreicht. Bei Wein ist schon nach einem Glas
Schluss. Männern gesteht die WHO etwa 0,75 Liter Bier und 0,3 Liter
Wein zu.
Wer die Empfehlung der WHO beherzigt, frönt dem sogenannten
risikoarmen Alkoholkonsum. «Einen völlig risikofreien Alkoholkonsum
gibt es nicht», warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
in Hamm in einer Broschüre zum Thema. Außerdem ist der Grat schmal,
auf dem sich moderate Trinker bewegen: Ab 40 Gramm beziehungsweise 60
Gramm beginnt für Frauen und Männer bereits der gefährliche Konsum.
So wie ein Medikament an verschiedenen Stellen im biochemischen
Räderwerk des Körper seine Wirkungen entfaltet - und neben der
beabsichtigten Hauptwirkung mehr oder wenige schädliche
Nebenwirkungen zur Folge hat - greift auch der «Wirkstoff» Alkohol
auf unterschiedliche Weise in den Organismus ein. Und tatsächlich:
Neben den hinlänglich bekannten Gesundheitsgefahren gibt es auch
gesundheitsfördernde Wirkungen. Alkoholkonsum schützt vor koronaren
Herzerkrankungen. Zudem gibt es Hinweise, dass ein bisschen Alkohol
auch vor Alzheimer, Thrombosen oder Darmkrebs schützen kann.
«Der Alkohol sorgt für drei Effekte, die günstig für die
Vorbeugung von Herzkreislauferkrankungen sind», erklärt der
Kardiologe Armin Imhof von der Uniklinik Ulm. Alkohol verändere die
Fettwerte im Blut. Vor allem die HDL-Werte - das gute Cholesterin -
würden angehoben. Zudem verdünne Alkohol das Blut und habe eine
entzündungshemmende Wirkung. «Die günstigen Effekte sind unabhängig
von der Art des Getränkes», sagt Imhof. Zwar gebe es Hinweise darauf,
dass Zusatzstoffe im Wein oder Bier - etwa Polyphenole - auch einen
möglicherweise schützenden Effekt haben. «Ich bin aber der Ansicht,
dass der deutlichste Effekt am Alkohol liegt.»
Welche Schlüsse sollten Herzkranke daraus ziehen? «Es ist völlig
klar, dass wir niemandem sagen, trinken Sie Alkohol für Ihr Herz»,
sagt Imhof. Die DHS stößt ins gleiche Horn: «Es wäre falsch,
Alkoholkonsum als prophylaktische Maßnahme gegen koronare
Herzerkrankungen zu propagieren», heißt es. Die Risiken, eine andere
Krankheit zu erleiden oder abhängig zu werden, seien unvergleichlich
höher. Und schließlich kommt es auch hier auf die Dosis an. Der beste
schützende Effekt für das Herz sei bei einem Alkoholkonsum von sechs
Gramm pro Tag festgestellt worden, sagt Armin Imhof. Dafür lohnt sich
das Öffnen einer Flasche eigentlich nicht.
INFO-KASTEN: Weintrinker leben nicht gesünder als Biertrinker
Auf Studien, die belegen, dass typische Weintrinker gesünder sind
als typische Biertrinker, ist nicht viel zu geben. «Weintrinker haben
in der Regel einen anderen Lebensstil als Biertrinker», erklärt Jens
Reimer von der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin. Sie ernährten
sich mediterraner - mehr Salate, mehr Fisch und ungesättigte
Fettsäuren - und würden auch meist mehr Sport treiben. «Das eine Glas
Wein gehört eher mit am Rande dazu.» Eine dänische Studie untermauert
dies: Die Wissenschaftler haben 3,5 Millionen Kassenbons von
Supermärkten ausgewertet und festgestellt, dass Weinkäufer auch
häufiger Gemüse, Salate und weniger Butter in ihren Einkaufswagen
legen. Bier wird oft zusammen mit Chips, Würstchen und Eiern gekauft.
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