San Sebastián (dpa) - 08. Mai 2008
Ein Paradies für Wanderer: Schluchten und Lorbeerwälder auf La Gomera
Wie ein runder Felsblock erhebt sich La
Gomera aus dem Atlantik und streckt sich fast 1500 Meter hoch in den
Himmel. Vom Garajonay-Gipfel aus haben Wanderer einen eindrucksvollen
Blick auf die Kanareninsel mit ihrem Durchmesser von gerade mal 25
Kilometern. Mehr als 40 tiefe Schluchten graben sich von hier aus den
Weg bis zur Küste. Jeder dieser Barrancos ist mit üppiger Vegetation,
mächtigen Felsformationen und winzigen Dörfern ein Erlebnis für sich.
Nur wo die Barranco-Mündungen breit sind, entstanden größere
Siedlungen wie die Inselhauptstadt San Sebastián. Das Hafenstädtchen
war 1492 das Sprungbrett für Christoph Kolumbus, der mit seinen
Karavellen «Santa Maria», «Pinta» und «Nina» nach Westen aufbrach, um
den Seeweg nach Indien zu finden. Ein kleines Museum erinnert an den
Seefahrer. In seinem Innenhof befindet sich der Kolumbus-Brunnen. Aus
ihm sollen die Wasservorräte für die Expedition stammen, eine Tafel
spricht pathetisch «vom Wasser, mit dem Amerika getauft wurde.»
Heute legen im Hafen von San Sebastián vor allem Fährschiffe an,
die Touristen von der Nachbarinsel Teneriffa nach La Gomera bringen.
Nach wie vor kommen die meisten Inselbesucher mit einer Fähre, denn
die Landebahn des kleinen Flughafens ist zu kurz für große Jets.
«Urlauber, die sich in ihren Ferien vor allem Sonne, Sand und Meer
wünschen, sind bei uns auf der falschen Insel und sollten sich lieber
für das 30 Fährminuten entfernte Teneriffa entscheiden», sagt Jorge,
der im Zentrum von San Sebastián eine kleine Weinbar betreibt. La
Gomera hat nur wenige Strände, die meist klein und steinig sind.
«Auch wer auf ein ausgeprägtes Nachtleben setzt, wird enttäuscht
sein», meint Jorge. Bisher wurde auch auf den Bau von «Bettenburgen»
verzichtet. «Es wurde rechtzeitig erkannt, dass die weitgehend
unberührte Natur im Inselinneren der größte Schatz Gomeras ist», so
der Barbetreiber. So sind es vor allem Individualtouristen, die sich
für einen Urlaub auf der zweitkleinsten Kanareninsel entscheiden.
Besonders Bergwanderer zieht es immer wieder nach Gomera. Ein
beliebter Ausgangspunkt ist das Valle Gran Rey, das «Tal des Großen
Königs» im Südwesten. Es weitet sich von einer engen Schlucht in den
Bergen zu einem großen grünen Trichter am Meer. An seinen Seiten
kleben Jahrhunderte alte kunstvoll angelegte Terrassen, auf denen
Bananen, Papayas und Zitrusfrüchte gedeihen.
Mehr als 160 tropische und subtropische Fruchtbäume - von Avocados
über Guaven bis zur japanischen Wollmispel - gedeihen zum Beispiel in
der «Finca Argaga». Dort hat die aus Israel stammende Rosita Schrader
zusammen mit ihrem Mann vor mehr als 20 Jahren Terrassen angelegt.
Zunächst war der Obst- und Gemüsegarten nur für den eigenen Bedarf
gedacht, doch weil sich immer mehr Besucher für die exotischen
Pflanzen und Früchte interessierten, gibt es jetzt an bestimmten
Tagen sogar Führungen durch das Pflanzenparadies der Schraders. Dabei
können die Gäste auch von den unbekannten Früchten probieren.
Eine leichte Wanderung zur Eingewöhnung führt zum Wasserfall in
der Schlucht von Arure. Wie ein Dschungelpfad schlängelt sich der
schmale Weg am Bachbett entlang durch meterhohes Schilf. Unterwegs
laden immer wieder kleinere Wasserfälle zum erfrischenden Baden ein.
Deutlich anspruchsvoller ist eine Tour zu den Bergdörfern im Süden
Gomeras. «Gute Kondition, festes Schuhwerk und immer ausreichend
Wasser sollten Touristen mitbringen», rät Jürgen Schubert. Er stammt
aus dem Ruhrgebiet und hat sich in die Insel verliebt. Seit mehr als
zehn Jahren führt er vor allem deutsche Wanderer durch die schönsten
Landschaften der Insel. «Wichtig ist auch wetterfeste Kleidung, denn
das Wetter in den Bergen kann sich plötzlich
Über einen «Camino Real», auf dem Bauern und Händler seit jeher
Waren transportierten, gelangen die Touristen zum ersten Tagesziel,
dem Töpferdorf El Cercado. Während des Aufstiegs bieten sich immer
wieder Ausblicke auf das Valle Gran Rey mit seinen Terrassen.
Oben angekommen, laden gleich mehrere Restaurants zur Stärkung
ein. Vor allem landestypische Kost kommt hier auf den Tisch:
Kaninchen in scharfer Sauce, ungeschält zu essende Kartoffeln, Fisch
und Meeresfrüchte. Zum Dessert gibt es kalorienträchtige «Leche
asada» mit Palmenhonig. «Der Miel de Palma stammt nicht etwa von den
Bienen», klärt Schubert seine Begleiter auf. «Der Palmenhonig wird
aus Dattelpalmen gewonnen. Dazu werden die oberen Wedel abgeschlagen
und der austretende, dickflüssige Saft aufgefangen. Später wird er in
großen Kesseln aufgekocht und zu zähflüssigem Sirup eingedickt.»
Nach dem kulinarischen Genuss bleibt Zeit, den Töpfern über die
Schulter zu schauen. «In El Cercado wird noch immer nach der Art der
Urbevölkerung ohne Töpferscheibe gearbeitet», erklärt Schubert. Unter
den geschickten Händen entstehen vor allem dunkle Gefäße ohne Dekor.
Typisch ist der «plato de las papas» - eine Schale, auf der die
kanarischen Kartoffeln serviert werden.
Dann geht es weiter nach Las Hayas, einem der palmenreichsten
Täler Gomeras. Unterwegs verändert sich die Landschaft und oft auch
das Wetter: Während im Valle Gran Rey noch die Sonne scheint, ziehen
hier oben schwere Regenwolken durch den sagenumwobenen Märchenwald.
Im Bergdorf Arure, dem Ziel der Wanderer, ist es zudem deutlich
kühler als im sonnenverwöhnten «Tal des Großen Königs».
Am Tag darauf geht es in den Nationalpark von Garajonay. Das
Bergmassiv im Zentrum der Insel gehört zu den letzten Resten der
immergrünen Lorbeerwälder, die vor Millionen Jahren auch die meisten
der am Mittelmeer gelegenen Länder bedeckten. Deshalb steht das Areal
rund um den Garajonay, dem mit 1487 Metern höchsten Berg des Eilands,
seit 1981 unter Naturschutz und genießt seit 1986 auch den Status
eines Unesco-Weltnaturerbes.
Seinen Namen verdankt der Garajonay laut einer Legende einer
tragischen Liebesgeschichte. Die Sage erzählt vom mutigen Jonay, der
einst auf Teneriffa lebte. Die Kunde von der bildhübschen Gara auf La
Gomera war auch bis zu ihm vorgedrungen. Wagemutig stürzte sich der
liebeshungrige Jüngling in die Fluten und durchquerte mühelos die gut
30 Kilometer breite Wasserstraße zwischen den Inseln. Gara fand rasch
Gefallen an Jonay, ihrer Familie aber war der Fremde nicht recht. Die
beiden flüchteten deshalb ins Gebirge bis zum höchsten Insel-Gipfel.
Verfolgt von Garas Sippe, schieden die Liebenden schließlich aus dem
Leben. Sie erstachen sich mit aus Lorbeerholz geschnitzten Lanzen.
Geblieben sind ihre Namen für den Park und den Berg.
Am besten lässt sich der Nationalpark, der zehn Prozent der Insel
einnimmt, zu Fuß erkunden. Die Parkverwaltung hat ein gut
ausgeschildertes Wegesystem angelegt, darunter drei Lehrpfade, zu
denen im Besucherzentrum Info-Broschüren auch in deutscher Sprache
ausliegen. Der Rundweg «Los Barranquillos» («Die kleinen Schluchten»)
etwa vermittelt einen ersten Eindruck von der Landschaft. Er ist nur
knapp einen Kilometer lang und weist kaum Höhenunterschiede auf.
Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit sind viele Baumstämme von Moosen
überzogen, von den Ästen hängen lange Flechten herab.
Lange hat der Wald als Wasserreservoir die Inselbewohner wenig
gekümmert. Sie rodeten und exportierten oder verfeuerten das Holz und
pflanzten dann statt der heimischen Baumarten schnell wachsenden
Eukalyptus an, der selbst viel Wasser benötigt. Die Einrichtung des
Nationalparks kam gerade noch rechtzeitig, um den Wald zu schützen.
Mitten in einem Lorbeerwald liegt die Siedlung El Cedro, eine
Lichtung aus wenigen Natursteinhäusern. Die meisten Einwohner des
Tales wanderten zu Zeiten des Franco-Regimes nach Venezuela aus. Hier
befindet sich das einzige Lokal weit und breit. Die Chefin bietet
Brennnesselsuppe im Holznapf an, eine Spezialität der Insel.
Eine Entdeckungsreise nach La Gomera lässt sich gut mit einer
Bootstour abrunden. Angeboten werden Fahrten mit umgebauten
Fischerbooten. Mit etwas Glück trifft man auf Delfine oder Pilotwale,
die das Boot begleiten. An einsamen Buchten wird für einen Badestopp
und zum Schnorcheln geankert. Gebucht werden können aber auch
Ausflüge zu den «Los Organos», den nur vom Meer aus zu besichtigenden
bizarren Felsformationen an der Nordküste Gomeras. Wenn es das Wetter
erlaubt, versuchen die Ausflugsschiffe, in einer Tour die gesamte
Insel zu umrunden. Bei guter Sicht reicht der Blick dann auch hinüber
zu den Nachbarinseln El Hierro, La Palma und Teneriffa mit der
Kulisse des 3718 Meter hohen Teide, Spaniens höchstem Berg.
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