Las Vegas (dpa) - 05. Juni 2008
«Grüne Welle» in den USA: Ökotourismus bekommt mehr Aufmerksamkeit
Spritfresser auf den Straßen, Einweggeschirr
in vielen Restaurants, den ganzen Tag brummen die Klimaanlagen: Die
Eindrücke, die viele deutsche Urlauber aus den USA mitnehmen, haben
bisher wenig mit Nachhaltigkeit und Ökotourismus zu tun. Doch das
könnte sich bald ändern: Initiativen für Ressourcen schonendes
Reisen, die es auch in den USA schon lange gibt, bekommen im Moment
mehr Aufmerksamkeit als früher. «Grüner Urlaub» avanciert zum
Modethema, mit dem sich viele Anbieter touristischer Leistungen
gerne schmücken. Auf der US-Reisemesse Pow Wow in Las Vegas war
Ökotourismus ein Thema, über das viel geredet wurde. Wann sich auch
die konkreten Urlaubseindrücke ändern, blieb aber offen.
Dass der US-Reiseverband TIA den nachhaltigen Tourismus sogar zum
Thema der Kongress-Eröffnungsrede machte, zeigt, wie sich die
Dinge derzeit verändern. Andrew Winston, Chef einer Beratungsfirma
für Ökostrategien, verdeutlichte dabei, welchen Stellenwert etwa die
Energieeffizienz von Produkten bei Verbrauchern heute hat: Noch immer
seien zwar Qualität und Preis die wichtigsten Kriterien für eine
Kaufentscheidung. Die sonst in den USA hoch gehandelte Bequemlichkeit
aber verliere gegenüber «grünen» Kriterien an Bedeutung. «Firmen mit
guter Umweltbilanz werden inzwischen bevorzugt, und die meisten
Hochschulabsolventen würden gerne bei "grünen Unternehmen" arbeiten»,
sagte Winston. Darauf müsse sich auch die Reisebranche einstellen.
Für mehr Ökotourismus könnte auch der Trend an den Tankstellen
sorgen. Die USA sind traditionell ein Land der Autofahrer, doch bei
Preisen von vier Dollar für eine Gallone (3,78 Liter) Benzin stöhnen
viele auf - eine psychologisch wichtige Grenze wird gerade
überschritten. Für Europäer ist das manchmal schwer verständlich,
denn wegen des günstigen Wechselkurses kostet sie der Liter Sprit nur
68 europäische Cent, nicht einmal die Hälfte des Preises in
Deutschland. Der Kostenvorteil wird zum Teil aber dadurch reduziert,
dass viele Mietwagen in den USA einen hohen Spritverbrauch haben.
Dass Amerikaner und Urlauber jetzt massenhaft das Reisen per Auto
einschränken, erwarten die US-Tourismusmanager zwar nicht. Allerdings
beobachtet die Bahngesellschaft Amtrak, dass «das Bahnfahren wieder
populärer wird, seit Benzin und Flugtickets so teuer geworden sind»,
sagte Vernaé Graham von Amtrak in Oakland (Kalifornien). Von Oktober
2007 bis April 2008 seien die Passagierzahlen um elf Prozent
gestiegen, «und wir sind jetzt sehr gespannt darauf, wie diese
Entwicklung in der Hauptreisezeit im Sommer weitergeht». Noch sind
die Ticketpreise für Fernzüge nicht erhöht worden. Eventuell wird es
aber bald Aufschläge geben, «denn auch Diesel kostet jetzt mehr.»
Die Bewegung in Richtung Ökotourismus vollzieht sich vor allem im
Kleinen. Immer häufiger bekommen Touristen zum Beispiel Solaranlagen
auf Hoteldächern zu sehen. In Las Vegas erhalten Hotel-Neubauten zum
Teil besonders reflektierende Fensterscheiben eingesetzt, um den
Klimatisierungsbedarf im Inneren zu senken. Und die Skiresorts von
Aspen und Vail in den Rocky Mountains erzeugen ihren Strom weitgehend
selbst mit Hilfe großer Windkraftanlagen in den Bergen, erklärten
Tourismusmanager aus dem Bundesstaat Colorado beim Pow Wow.
Viele Urlaubsregionen bemühen sich zudem darum, lokale Erzeugnisse
in Restaurants in den Vordergrund zu rücken, um lange Transportwege
zu vermeiden. Zugleich ergeben sich dadurch neue Besucherprogramme:
«Unser Projekt "Meet the farmers" wird immer populärer», beobachtet
zum Beispiel Tim Zahner aus der Weinbauregion Sonoma in Kalifornien.
Auch bei dem Versuch, USA-Touristen überhaupt in eine Region zu
locken, könnten «grüne» Faktoren künftig mehr Bedeutung haben. «Nur
wenige Urlauber werden zwar ihr Reiseziel nach der Umweltbelastung
auswählen», sagte Stephanie Smith von Colorado Tourism. «Aber wenn
jemand die Wahl hat zwischen zwei Destinationen, dann geben die
Umweltaspekte bei immer mehr Menschen mittlerweile den Ausschlag.»
In der US-Reisebranche habe das Thema Nachhaltigkeit inzwischen
eine hohe Priorität, sagte TIA-Präsident Roger Dow in Las Vegas. In
einer demnächst startenden Kampagne will der Verband den Betrieben
zeigen, wo genau sie ansetzen und ihre Ökobilanz verbessern können.
Wie diese neue «grüne Welle» in den USA bei europäischen Touristen
ankommt, lässt sich derzeit schwer abschätzen. «Das Thema wird den
Deutschen nach allen Diskussionen über den Energieverbrauch der USA
megaschwer zu vermitteln sein», erwartet Tilo Krause-Dünow, Chef des
Nordamerika-Reiseveranstalters Canusa aus Hamburg. Das Plastikbesteck
in den Restaurants und die allgemeine Wegwerfkultur passten nicht mit
er neuen Haltung in Sachen Ökotourismus zusammen. «Ich bin mir aber
sicher, dass sich auch dies in den kommenden fünf bis zehn Jahren
ändern wird», so Krause-Dünow. Schließlich seien die Amerikaner
schon mehrfach «vom einen Extrem ins Andere gewechselt».
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