Tiflis/Sighnaghi (dpa) - 23. Juni 2008
Gastfreundschaft im Kaukasus - Georgien hofft auf Touristen-Ansturm
Noch sind die schmalen Gassen
staubig. Doch in der sengenden Sonne verlegen Arbeiter
Pflastersteine, teeren die Bürgersteige, decken Dächer. Zwei Kinder
im Tarnanzug, ihre Spielzeug-Kalaschnikows lässig im Anschlag, sitzen
auf einer Mauer und beobachten die Szene. In den Blumenkästen vor
frisch verputzten Fassaden blühen bereits die Plastikgeranien, aber
Besucher sind in dem Kaukasus-Städtchen Sighnaghi im Osten Georgiens
kaum zu sehen. Noch nicht. Denn von dieser Saison an soll der Ort zu
einem Magneten für zahlungskräftige Touristen aus dem Ausland werden.
Sighnaghi, auf einem Berg in der Weinregion Kachetien gelegen, ist
ein Leuchtturmprojekt der Regierung. Mit Millionen-Investitionen
wurde es von einem gewöhnlichen Dorf mit historischen, aber
baufälligen Häusern zu einem Kleinod voller Hotels, Pensionen und
Restaurants herausgeputzt.
Nicht nur nach Sighnaghi fließt Investorengeld: Georgiens
Hauptstadt Tiflis hat gerade einen modernen Flughafen-Terminal
bekommen, Hotelketten wie Hyatt oder Radisson bauen
Fünf-Sterne-Herbergen, die Altstadt wird aufwendig saniert. Auch an
der Schwarzmeerküste und in einigen Kaukasus-Dörfern rappelt sich die
Tourismus-Branche wieder auf. Das kleine christliche Land an der
Schwelle zum Orient, das immer wieder durch Kriege und Krisen in den
Schlagzeilen gerät, setzt große Hoffnungen in diesen einst blühenden
Wirtschaftszweig.
Goldene Zeiten erlebte der Tourismus in der Sowjetzeit, als
Georgien mit bis zu fünf Millionen Gästen jährlich das Topziel
innerhalb der UdSSR war. Nach dem Ende des Kommunismus und der
Unabhängigkeit 1991 durchlebte die Kaukasus-Republik harte Zeiten:
Bewaffnete Konflikte erschütterten das Land, der Fremdenverkehr brach
vollständig zusammen. In den Hotels und Sanatorien wurden in den
1990er Jahren bis zu 300 000 Bürgerkriegflüchtlinge aus den
abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien untergebracht.
Seit der «Rosenrevolution» im Jahr 2003 geht es mit der Wirtschaft
wieder bergauf, und auch das Pflänzlein Tourismus beginnt wieder zart
zu sprießen. Neugierige Rucksack- und Abenteuer-Touristen,
Naturfreunde und Studienreisende reisen an. Sie wollen Kirchen,
Klöster und Burgen besichtigen, die grandiose Bergwelt oder die
Gastfreundschaft der Georgier kennenlernen.
«Die Regierung hat den Tourismus zur wichtigsten Säule des
Aufschwungs erklärt», sagt Beka Dschakeli, Entwicklungsdirektor im
Tourismusamt in Tiflis. In fünf Jahren wolle man sich international
als kleines, aber feines Ziel etabliert haben. Der Tourismus-Stratege
sagt auch, wo der Schuh noch drückt: «Es reicht nicht, mit der
Schönheit der Natur zu werben. Wir müssen auch die Infrastruktur- und
Dienstleistungsqualität noch verbessern.»
In der Tat gelingt manchen Kellnern und Rezeptionisten zu selten
ein Lächeln, etliche sprechen kaum Englisch. Und an einigen Orten mit
grandioser Natur und sehenswerten Kulturdenkmälern fehlt es an
Herbergen, Restaurants oder einfach nur an markierten Wanderpfaden.
Auch Umweltsünden aus der Sowjetzeit beleidigen hier und da das Auge:
Mitten in Kasbegi etwa, einem Bergdorf ganz im Norden des Landes, wo
eine von Georgiens berühmtesten und ältesten Kirchen in 2200 Metern
Höhe spektakulär über dem Ort thront, rostet ein uralter Lada in
einem Bergbach liegend vor sich hin.
Nicht nur mit Natur und Baudenkmälern, sondern auch kulinarisch
will Georgien seine Gäste begeistern. Das Land begreift sich als
«Wiege des Weinbaus» mit einer 7000-jährigen Anbautradition. Mit dem
Exotenbonus, moderner Technik und uralten Rebsorten wie Saperavi,
Alexandrouli oder Rkatsiteli wollen die Winzer auf den Märkten
Westeuropas im Hochpreissegment punkten.
Auch in den Lokalen von Sighnaghi stehen die kachetischen Weine
auf der Karte. Von der Terrasse eines Restaurants im Hang geht der
Blick über Zypressen, Feigen- und Granatapfelbäume hinweg weit in die
Tiefebene mit den Weinbergen, hinter der sich die Gipfel des Kaukasus
in den Himmel recken. Dann wird aufgetischt: Lammspieße vom Grill,
Auberginenpaste, Huhn in Mirabellensoße, Teigtaschen, diverse kleine
Schweinereien und Gemüseköstlichkeiten - abgeschmeckt mit Koriander,
Estragon, Walnüssen oder Knoblauch - und natürlich Wein.
Gegessen wird gut, frisch und reichlich. Wer es wie die Georgier
macht, unterbricht sein Festmahl alle paar Minuten für einen
pathetischen Toast - mit einem Loblied auf die Heimat, den Wein, die
Frauen, Gott oder die Ahnen. Immer wieder klirren die Gläser,
irgendjemand schenkt nach. Stunden können so vergehen, unvergessliche
Stunden im Kaukasus.
INFO-KASTEN: Georgien
REISEZIEL UND FORMALITÄTEN: Georgien liegt an der Ostküste des
Schwarzen Meeres im Kaukasus-Gebirge. Das Land ist mit 69 700
Quadratkilometern etwa so groß wie Bayern und hat rund 4,4 Millionen
Einwohner. Für EU-Bürger genügt zur Einreise ein Reisepass, der noch
mindestens sechs Monate gültig sein muss. Das Auswärtige Amt warnt
vor Reisen in die Regionen Südossetien und Abchasien.
ANREISE: Lufthansa fliegt ab München nach Tiflis. Regelmäßige
Verbindungen gibt es auch mit Austrian Airlines über Wien oder Air
Baltic über Riga.
SPRACHE: Georgisch. Fast alle Georgier sprechen Russisch, die
jüngere Generation vielfach auch Englisch.
INTERNET: Die Tourismusseite der Regierung findet sich unter:
Link: european-georgia.com/.
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