Berlin (dpa) - 26. Juni 2008
Farben des Sommers: Terrassenweine müssen nicht immer weiß sein
Wie in vielen Fachgebieten gibt es auch
in der Welt des Weines Begriffe, die jeder benutzt, aber keiner
wirklich kennt. Terrassenwein ist so ein Wort, dessen endgültige
Definition noch auf sich warten lässt, wie es Ulrich Sautter von der
in Hamburg erscheinenden Zeitschrift «Wein Gourmet» formuliert. Mit
Sommer, Sonne und guter Laune haben diese Tropfen zu tun, so viel ist
klar. Und es gibt Weine, die eignen sich hervorragend zum
Terrassenwein, andere aber gar nicht.
Um ein Missverständnis von vornherein auszuschließen: Nicht
gemeint sind so genannte Zechweine, die man bei hohen Temperaturen ex
und hopp am besten ohne langes Nachdenken die Kehle hinabfließen
lässt. Die befragten Experten sind sich einig, dass ein Terrassenwein
keine minderwertige Kategorie darstellt.
«Ein Terrassenwein, also ein Wein, den man bei 25 oder 30 Grad im
Schatten an der frischen Luft trinkt, genießt man unter ganz anderen
Bedingungen als zwischen vier Wänden», erläutert Christina Fischer,
Sommelière und Gastronomin aus Köln. Er wird in der Regel etwas
kühler serviert, erwärmt sich dafür aber auch schneller wieder als in
einem wohl temperierten Innenraum. Damit man unter diesen Umständen
noch etwas von dem Rebensaft hat, braucht es Frische und «eine gute
Ausgewogenheit zwischen Säure, Süße und Fruchtigkeit».
Weinkenner Sautter hält deshalb zum Beispiel einen Prosecco für
die falsche Wahl: «Prosecco ist mir meist zu eindimensional und zeigt
zu wenig Präsenz.» Wenn es perlen soll, würde er auf der Terrasse
eher zu einem einfachen Champagner greifen, etwa in der Preisklasse
zwischen 20 und 40 Euro.
Ein entscheidendes Kriterium ist auch der Alkoholgehalt. «Der Wein
sollte erfrischen und deshalb eher niedrige Volumenprozent haben»,
rät Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz. Zwischen elf
und zwölf Prozent sieht er als gutes Maß. «Das belastet auch bei
sommerlicher Wärme nicht», bestätigt Christina Fischer. Sonst sei das
anschließende Schläfchen sicher. Ein körperreicher Chardonnay mit
13,5 Prozent fällt damit heraus.
Viel Geschmack bei geringem Alkoholgehalt - das klingt nach einem
Riesling, findet Christina Fischer. Das wäre auch die Präferenz von
Ernst Büscher, der außerdem Silvaner, Rivaner und Weißburgunder einen
guten Auftritt unter freiem Himmel zutraut. Sautter schlägt
gleichfalls Riesling vor, sieht zudem generell leichte, trockene
Moselweine oder bekannte Schätze von der Loire wie einen Sancerre und
Pouilly-Fumé als hervorragende Alternativen: «Letztere sind etwas
betonter in der Säure und haben pflanzlich-vegetative Aromen, die zum
Glas im Grünen besonders gut passen.»
Ein großes Thema im Sommer sind Rosés. Sie machen acht bis zehn
Prozent des Weinabsatzes in Deutschland aus. Mancherseits wird ihnen
vorgeworfen, weder «Fisch noch Fleisch» zu sein, also kein richtiger
Weißer und schon gar kein richtiger Roter.
«Solche Vorurteile sollte man über Bord werfen», sagt Ernst
Büscher, der gern einen leichten, gut gekühlten Rosé trinkt. «Wenn er
gut gemacht ist, hat er eine schöne frische Frucht, ist aber etwas
herzhafter als ein Weißwein.» Dadurch passe Rosé gut zu Gerichten,
die man vor allem in der warmen Saison isst: Fisch, Salate,
Gegrilltes. Leichte Weißweine müssen bei Gegrilltem dagegen die
Waffen strecken: Gegen die Röstaromen kommen sie nicht an.
Sautter empfiehlt Rosés aus Italien und der Provence, aber auch
Weißherbst aus Deutschland. Von der vermeintlich falschen Jahreszeit
im Namen des lachsroten Deutschen sollte man sich nicht irritieren
lassen: Das Wörtchen «Herbst» kommt in diesem Fall von «herbsten»,
der badischen Bezeichnung für keltern. Italien ist auch der erste
Gedanke Christina Fischers: Eine ihrer Lieblingskombinationen ist ein
italienischer Rosé zu einem Salat Nicoise mit Thunfisch und schwarzen
Oliven oder schlicht zu einem deftigen Schinkenbrot. Aber auch Rosés
aus Spanien schließen wieder auf, findet sie.
Was die Kühlung angeht, fordern Rosés und Weiße im sommerlichen
Einsatz Gleichbehandlung. «Kühlschrankkalt um sieben Grad», rät Ernst
Büscher. Bis der Wein im Glas ist, hat er die ideale, erfrischende
Trinktemperatur von neun Grad erreicht.
Es spricht nichts dagegen, auch einmal einen leichten Roten ins
laue Freie zu bringen. Einen Portugieser aus der Pfalz oder
Rheinhessen und einen Württemberger Trollinger kann sich Büscher gut
vorstellen. Der Rote sollte aber nicht zu viele Gerbstoffe enthalten
und ebenfalls kühler als gewöhnlich kredenzt werden, etwa zwischen 11
und 13 Grad.
Auch wenn es sich lohnt, an einen Terrassenwein Ansprüche zu
stellen, übertreiben muss man es nicht. «Einen komplexen Bordeaux an
einem Sommerabend auf dem Balkon zu trinken, wäre mir viel zu
anstrengend», sagt Christina Fischer.
Und vor einer weiteren Enttäuschung warnt die erfahrene
Sommelière: Urlaubslieblinge lassen sich nur schwerlich verpflanzen.
Wer den in Südfrankreich oder der Toskana enthusiastisch getrunkenen
Rosé mit nach Hause nimmt, wundert sich oft, dass der Tropfen dann
nichts mehr mit dem Erlebnis unter der Mittelmeersonne zu tun hat.
«Wein ist eben ein Genussmittel, er schmeckt in jeder Umgebung
anders», erklärt sie.
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