Frankfurt/Main (dpa) - 07. August 2008
Apfelweinkongress auf der Suche nach dem Megatrend
Die Verknüpfung von «Megatrend» und
«Apfelwein» scheint mutig. Der zweite Deutsche Apfelweinkongress, zu
dem sich die Branche am Mittwoch in Frankfurt traf, hatte das Motto
«Megatrend Heimat: Unsere Zukunft wird regional». Dieser Trend stärke
regionale Produkte und damit auch das hessische Traditionsgetränk,
sagte Hessens Europaminister Volker Hoff (CDU). «Zu wissen, wo man
hingehört, ist in der globalisierten Welt besonders wichtig.»
Apfelwein sei für ihn ein Stück Heimat wie Handkäs' oder Frankfurter
grüne Soße, bekannte Hoff, der in Frankfurts Apfelweinviertel
Sachsenhausen geboren und aufgewachsen «und von daher fast schon mit
einer naturgegebenen Verbindung zum Apfelwein gesegnet» ist.
Trendforscher haben allerdings Zweifel, ob «Heimat» das richtige
Zukunftsmotto ist.
Nach schwierigen Jahren sucht die kleine, auf das Rhein-Main-
Gebiet konzentrierte Branche neue Impulse, um das «Stöffche» der
jungen Generation schmackhaft zu machen. Derzeit liegt die
Jahresproduktion bei rund 40 Millionen Litern Apfelwein, 1990 waren
es noch 60 Millionen Liter. 53 Keltereien gehören dem Verband der
hessischen Fruchtsaft- und Apfelweinkeltereien mit schätzungsweise
400 Beschäftigten an. Die meisten Mitglieder sind Kleinbetriebe, die
drei größten - Possmann, Rapps/Höhl und Heil - machten im vergangenen
Jahr rund 80 Prozent des Umsatzes von 28 Millionen Euro.
Trendforscher empfehlen, das verstaubte Image abzulegen und nicht
länger der vor Jahrzehnten erfolgreichen TV-Unterhaltung im «Blauen
Bock» nachzutrauern. «Man muss aus der Traditionsecke heraus», rät
Andreas Haderlein vom Zukunftsinstitut Kelkheim. Einen allgemeinen
Trend zur Heimat sieht er nicht, vielmehr sei die «Neo-Ökologie»
stark im Kommen: Eine wachsende, sehr kaufkräftige Schicht entscheide
sich frei von jeder Ideologie für Produkte, die ökologisch und sozial
sauber produziert werden. Die Zukunftsforscher nennen das «LOHAS»:
«Lifestyle of Health and Sustainability» (etwa: Von Gesundheit und
Nachhaltigkeit geprägter Lebensstil). In den USA mache diese
Käuferschicht schon etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, in
deutschen Ballungsgebieten 20 Prozent.
Um bei diesen Verbrauchern Interesse an Apfelwein zu wecken, sei
mehr Zusammenarbeit und intelligentes Online-Marketing nötig, meint
Haderlein. Das Zeug zu einem internationalen Kassenschlager habe
Apfelwein aber nicht, sondern der Schwerpunkt werde die Region
bleiben. Der regionale Tourismus und die gehobene Gastronomie müssten
mehr zusammenarbeiten. Durchaus geeignete Angebote wie eine
Streuobstwiesenroute, Fahrradwege oder Prüfsiegel der
Marketinggesellschaft «Gutes aus Hessen» liefen nebeneinanderher,
seien unübersichtlich und wenig koordiniert. «Alle müssen an einen
Tisch», sagte Haderlein. Immerhin seien Anfänge in einigen Top-
Restaurants gemacht, die Apfelweinspezialitäten auf der Karte hätten.
Rohstoff für das «Stöffche» gibt es in diesem Jahr reichlich. Die
Bäume auf den Streuobstwiesen hingen so voll, dass die Äste teilweise
gestützt werden müssten, sagte Günther Possmann beim Apfelwein-
Kongress. Der Preis werde stabil bleiben. Possmann verarbeitet in
diesem Jahr 10 000 Tonnen Äpfel, 80 Prozent von Streuobstwiesen rund
um Frankfurt. 6,5 Millionen Liter Apfelwein macht das Unternehmen
daraus. Auch Martin Heil, Chef der gleichnamigen Kelterei in Laubus-
Eschbach im Taunus, setzt auf heimisches Obst von Streuobstwiesen,
das die erforderliche Säure hat: «Italienische Äpfel sind zu süß.»
Beide Kelterer beklagen sich, dass die Streuobstwiesen nicht genug
gepflegt werden. Für guten Ertrag müssten die Bäume regelmäßig
geschnitten werden, das bleibe häufig aus Kostengründen aus.
[Veranstaltungsort Deutscher Apfelweinkongress]: Helaba Landesbank
Hessen-Thüringen, Main Tower, Neue Mainzer Straße 52-58, Frankfurt am
Main
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