Zabljak/Kolasin (dpa) - 08. August 2008
Schluchten und Urwald: Wandern im Land der schwarzen Berge
Die montenegrinische Adriaküste mag
manch Reisendem noch ein Begriff sein: An ihr liegen die fjordartige
Bucht von Kotor mit italienischem Flair, Hafenstädte wie Petrovac,
Bar, Budva oder das Inselkleinod Sveti Stefan. Bekannt ist vielleicht
auch der seerosenbedeckte Shkoder-See im Südosten, das größte
Binnengewässer des Balkans, das bis nach Albanien hineinreicht. Doch
das Land der schwarzen Berge (Crna Gora) würde seinen Namen nicht
verdienen, gäbe es im Norden nicht erhabene Gebirge. Vor allem in den
Nationalparks Durmitor und Biogradska Gora finden Wanderer
wunderschöne Reviere, die sie meist ganz für sich alleine haben.
Die Stadt Zabljak ist ein guter Ausgangspunkt für Bergtouren durch
Durmitor. Mit dem Auto auf die ausladende Hochebene zu finden, an der
sich die Berge bis zu 2500 Meter hoch erheben, ist jedoch nicht ganz
einfach. In den oft einspurigen Straßen lauern tiefe Schlaglöcher,
Schilder haben Seltenheitswert. Zwischen den Serpentinen, die sich
die Karsthänge hochschrauben, lodern von Zeit zu Zeit Unterholzfeuer.
Der wunderbare Blick über das baumlose und im Frühling sattgrüne
Plateau auf 1400 Metern Höhe entschädigt schließlich für die
beschwerliche Anreise.
Im Winter ist Zabljak das Skizentrum des Landes. Auch die
betonierten Bettenburgen der sozialistischen Ära werben noch um
Gäste. Doch wer nicht gezielt den eigenwilligen Charme der unter
Renovierungsstau leidenden ehemaligen Staatsbetriebe sucht, kommt in
kleineren Häusern und Pensionen besser unter.
Alle Wanderwege starten am Eingang des Nationalparks am mythisch
anmutendem Crno Jezero, dem Schwarzen See, der zu Fuß zehn Minuten
von Zabljak entfernt ist. Mit der am Ort erhältlichen Wanderkarte
fällt die Orientierung nicht schwer, die Wegmarkierungen sind sehr
gut. Bereits nach 500 Höhenmetern Aufstieg ist der Ausblick auf das
Durmitor-Plateau ein Ereignis und die tiefe Stille beinahe meditativ.
Am Wegesrand blühen Silberdisteln, Schneefelder locken weiter in das
alpine Massiv hinein, wo kleine Gletscherseen und die ein oder andere
Klettereinlage auf den Wanderer warten. Wer früh aufsteht, schafft es
bis zum Bobotov Kuk, dem 2523 Meter hohen König der Gipfel, und kann
sich unterwegs auch noch die Tropfsteinhöhle Ledena Pecina anschauen.
Nach dem Wandern darf die deftige einheimische Küche nicht zu kurz
kommen. Unter den Fleischspezialitäten sticht in Durmitor besonders
das Lamm hervor, dem die Wildkräuter der Umgebung eine besondere Note
verleihen. Schmackhaft ist auch Cicvara, die traditionelle
montenegrinische Polenta-Variante aus Mais, Grieß und Käse. Dazu
trinkt man das Pivo aus Niksic oder einen einheimische Wein,
beispielsweise den roten Vranac oder den weißen Krstac. Immer und
überall präsent ist der Schnaps. Zu den wichtigsten der ungezählten
Varianten gehören der Traubenbranntwein Rakija oder Birnenschnaps.
Hochprozentiges wird auch gereicht, bevor Touristen auf die selbst
gezimmerten Flöße oder in die Rafting-Schlauchboote steigen, um die
in ihrem Verlauf immer wilder werdende Tara in der gewaltigen
Schlucht zu bezwingen. Der Fluss gehört zum Durmitor-Nationalpark,
doch auf mehr als 80 Kilometern Länge gibt es nur ganz wenige
Möglichkeiten, ans Ufer des sich oft in Hunderten Metern Tiefe
windenden Flusses vorzudringen. Gelegen kommt da die 1941 erbaute
fünfbögige Tara-Brücke, die in 150 Metern Höhe Einblick in die
Schlucht gewährt, durch die das klare grün-blaue Wasser strömt.
An der Tara geht es entlang steil ansteigender Felsmassive in
Richtung Südosten bis Kolasin am Crkvine-Pass auf knapp 1000 Metern
Höhe. Eine Brücke führt über die Schlucht in die Bergstadt hinein. In
den 1980er Jahren gab es Pläne, die Tara in ihrer Schlucht
aufzustauen. Kolasin wäre versunken. Inzwischen ist der Marktplatz
mit EU-Geldern neu gestaltet worden. Ihn säumen Bürgerhäuser aus
gelbem Tuffstein. Vom Platz geht eine platanenbestandene
Fußgängerzone ab, die mit ihren Cafés abends zur Flaniermeile des
Ortes wird.
Von Kolasin aus ist der bereits 1952 gegründete Nationalpark
Biogradska Gora, der zu 80 Prozent von Urwald bedeckt wird, in kurzer
Zeit erreichbar. Die Bäume im Park bleiben sich selbst überlassen,
rund 90 Arten neben 2000 Pflanzenarten sind hier beheimatet.
Ausladende Höhenwege mit weiten Ausblicken führen um die «grüne
Hölle» herum, vorbei an Almen, Gipfeln jenseits der 2000 Meter,
kleinen Bachläufen und den schindelgedeckten Hütten der Schäfer.
Die gut markierten Wege beginnen am Bergsee Biogradsko mit seinem
ausladenden Delta, in das der gleichnamige Gebirgsfluss mündet. An
ihm entlang führt ein Ökologiepfad. Auf knapp zehn Kilometern Länge
folgt der Wanderer dem Flusslauf des Biogradska Rijeka. Wo entlang,
bleibt ihm überlassen, weil es keinen Weg gibt. Ein Wanderstock
hilft, sich eine Schneise durch Unterholz und Farne zu bahnen. Oft
versperrt Totholz den Weg, umgestürzte Baumriesen werden zu Brücken,
wenn es an einem Flussufer kein Weiterkommen mehr gibt. Weil das
besonders empfehlenswerte Urwald-Abenteuer mehr Kraft und Zeit kostet
als das Einschlagen eines gewöhnlichen Pfades, eignet sich die Route
besser für den Abstieg.
INFO-KASTEN: Montenegro
REISEZIEL UND FORMALITÄTEN: Montenegro ist mit knapp 14 000
Quadratkilometern etwa so groß wie Schleswig-Holstein. Das seit
Sommer 2006 unabhängige Land gehört zwar noch nicht zur EU,
offizielles Zahlungsmittel ist aber der Euro. Für einen Aufenthalt
von bis zu 30 Tagen genügt ein sechs Monate gültiger Reisepass.
|