Mainz (dpa) - 15. August 2008
Auf deutschen Weingütern werden Leerflaschen knapp - Frühe Order
Auf deutschen Weingütern werden die Leerflaschen
knapp. Nach Erfahrungen mit teils gravierendem Flaschenmangel in den
vergangenen Jahren kümmern sich viele Winzer inzwischen bereits
Monate im Voraus um ihr Glas für die nächste Abfüllung - um nicht am
Ende ohne dazustehen. «Die Glasbeschaffung ist derzeit ein sehr, sehr
großes Problem», meint Gerhard Schwinghammer vom Weinbauverband
Württemberg in Weinsberg. «Viele Winzer lassen keine Gelegenheit aus,
um Flaschen auf Lager zu nehmen für spätere Bestellungen.»
Auch nach den Erfahrungen von Klaus Rückrich, Referent beim
Deutschen Weinbauverband in Bonn, bevorraten sich inzwischen viele
Winzer mit Flaschen. «Es sind Auswüchse der Glasknappheit, dass man
sich zu Hause den Hof voll stellt.» Auch die Rücknahme des
gebrauchten Glases, das gespült wieder befüllt wird, werde für einige
wieder interessanter. «Wir haben das bislang hauptsächlich aus
Umweltschutzgründen gemacht», sagt ein rheinhessischer Winzer. «Wenn
es so weitergeht, lohnt es sich bald auch wirtschaftlich.»
Der Glasmangel hat auch Einfluss auf die Terminkalender der
Weingüter: «Wir haben bereits Anfang des Jahres unseren Jahresbedarf
geordert, in der Vergangenheit war dies nicht nötig», meint der
Geschäftsführer der Dernauer Winzergenossenschaft an der Ahr,
Friedhelm Nelles. Für kleinere Weingüter könnte es jedoch schwierig
werden - vor allem wenn kurzfristig eine Extra-Charge abgefüllt
werden muss. Auch bei der Winzergenossenschaft sei es in der
Vergangenheit mal so knapp geworden, dass Rotwein in Weißglasflaschen
abgefüllt werden musste - statt wie üblich in Grünglas.
«Wir bestellen und bezahlen schon im Oktober, um im Frühling
abfüllen zu können», sagt der Winzer aus Rheinhessen. Das sei in der
Vergangenheit erheblich flexibler möglich gewesen. Zudem sei Glas in
den zurückliegenden drei bis vier Jahren jeweils rund 15 Prozent
teurer geworden. Für den Winzer, der nicht namentlich genannt werden
möchte, steckt eine «künstliche Verknappung» hinter den
Lieferproblemen und rasant steigenden Preisen. Wenige Glashütten
weltweit gäben die Preise vor. «Fordert man drei Angebote an, bekommt
man dreimal den gleichen Preis genannt. Da gibt es doch keinen
richtigen Markt mehr.»
Ähnliche Kritik kommt vom Badischen Weinbauverband: «Die
Glasfabriken haben sich zusammengerottet und legen jetzt die Preise
fest», schimpft Verbandspräsident Gerhart Hurst. Im Streit um die
Glaskosten haben die badischen Winzer daher im vergangenen Frühjahr
eine Anfrage an die EU wegen kartellrechtlich bedenklichen Verhaltens
gestellt. Eine Antwort aus Brüssel steht allerdings noch aus.
Nach den Worten des Geschäftsführers des Bundesverbandes der
deutschen Glasindustrie (BV Glas/Düsseldorf), Johann Overath, wird
derzeit «genügend produziert». Die Klagen der Winzer seien ihm nicht
neu - allerdings habe die Industrie inzwischen reagiert und die
Produktion um rund fünf Prozent gesteigert.
Die klassische Abfüllzeit vor allem bei kleinen und mittleren
Gütern ist das Frühjahr. In Großbetrieben wird jedoch das ganze Jahr
über Wein von den Fässern auf Flaschen gefüllt. Die Nachfrage nach
Glas sei europaweit gestiegen, sagt Referent Rückrich - egal «ob bei
Gurken- oder Getränkegläsern». In der Folge hätten auch die Preise
kräftig angezogen, laut Glaspreisindex des Statistischen Bundesamtes
zwischen den Jahren 2000 und 2007 um mehr als 20 Prozent.
Rückrich rät den Betrieben, frühzeitig Flaschen zu bestellen.
«Besonders bei Spezialwünschen kann es sonst schwierig werden, seine
Ware rechtzeitig zu bekommen.» Nach seinen Schätzungen werden im
deutschen Weinbau rund 200 bis 300 verschiedene Flaschen
unterschiedlichster Farben und Formen eingesetzt.
Eine standardisierte Weinflasche ist daher nahezu undenkbar, denn
die regionalen Besonderheiten drücken sich beim Wein eben auch in der
Flaschenform aus. Da gibt es den typischen Bocksbeutel der Franken
oder die grüne Rheingau-Flöte. Weit verbreitete Flaschenformen in den
13 deutschen Anbaugebieten sind Bordeaux- oder Burgunderflaschen für
Rotwein und die schlanken Hoch- oder Schlegelflaschen für Weißwein,
die an der Mosel meist grün und im Rheingau oft braun sind. Zudem
variieren die Flaschenhälse je nach Verschluss. «Man will mit
bestimmten Flaschenformen Aufmerksamkeit erzeugen und die Tradition
ein bisschen hochhalten», erklärt der badische Winzerpräsident Hurst.
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