Negotin (dpa) - 19. August 2008
Alte Weinregion Ostserbien erwacht aus dem Dornröschenschlaf
Im Osten Serbiens, direkt an der Grenze zu
Bulgarien und Rumänien, ist schon seit Jahrhunderten Wein angebaut
worden. Doch ein halbes Jahrhundert Kommunismus und eineinhalb
Jahrzehnte Bürgerkriege auf dem Gebiet von Ex-Jugoslawien haben die
einst blühende Region in eine touristische und kulinarische Wüste
verwandelt. Jetzt soll das Gebiet im Dreiländereck zu neuem Leben
erweckt werden. Gerechnet wird mit dem Besuch von Weinliebhabern,
Touristen auf dem nahen Donauradweg und archäologisch Interessierten.
Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat
Entwicklungshilfe geleistet und vor zwei Jahren erstmals eine
Winzervereinigung in der Kreisstadt Negotin ins Leben gerufen. Die
rund 20 Mitglieder wollen inzwischen fast vergessene alteingesessene
Rebsorten wiederbeleben, sagt ihr Präsident Zoran Stevanovic im
Winzerdorf Rogljevo. Er selbst hat in den vergangenen fünf bis sechs
Jahren den elterlichen Betrieb auf Vordermann gebracht, erzählt er.
Die Weinbauern bewirtschaften vergleichsweise kleine Flächen von
zwei bis vier Hektar. «Wir mussten von null anfangen», erzählt
Stevanovic. Die Straßen waren ebenso in miserablem Zustand wie die
Familienbetriebe. Denn in kommunistischen Zeiten war die
Weinabfüllung zum Verkauf verboten - nur für den Eigenbedarf durfte
produziert werden. Auf der anderen Seite wurden die Bauern dazu
gezwungen, ihre Trauben zu Spottpreisen an die örtliche
Genossenschaft zu verkaufen. Das lohnte sich nicht mehr, und die
Weingärten verrotteten. Jetzt füllt Stevanovic wieder rund 15 000
Liter Wein jährlich in Flaschen ab, die er im Inland verkauft.
Rogljevo verfügt über einige Kellergassen, die zum größten Teil
verfallen sind. Zahlreiche Besitzer versuchen, die alten Weinhäuser
wieder Stück für Stück herzurichten - in der Hoffnung, dass in
Zukunft Touristen hier übernachten. In der Ortschaft Rajac gibt es
330 Wohnhäuser und die gleiche Zahl von Weinhäusern, die hier Pivnice
genannt werden. Sie stammen meist aus dem 19. Jahrhundert und sind
inzwischen zum größeren Teil von den Besitzern renoviert worden.
«In Rajac steht alles im Zeichen von Wein», beschreibt der
örtliche Weinführer Petar Paunovic die Lage. «Hier trinken selbst
Schwangere und Stillende. Den ersten kleinen Rausch haben wir schon
im Vorschulalter.» Ein Liter täglich sei die übliche Ration pro
Person, erzählt er. Vormittags heiße das Verhältnis von Wein zu
Wasser 2:1, am Nachmittag bei der Feldarbeit sei es dann umgekehrt.
In den Weinhäusern wird aber nicht nur das Genussmittel aufbewahrt -
einige sind auch zu einfachen touristischen Schlafstätten ausgebaut.
Der zugewachsene und teilweise verwilderte Friedhof in Rajac birgt
Grabstelen, wie sie sonst weit und breit nirgendwo zu sehen sind.
Auch wenn die Farben verblasst sind, zeugen sie doch vom Reichtum
einer vergangenen Epoche. Denn als im 19. Jahrhundert die Reblaus in
Westeuropa wütete und großflächig die Weinberge ruinierte, kamen die
große Stunde und das große Geschäft dieser Weinregion. Drei Millionen
Liter Wein wurden jährlich nach Westeuropa exportiert. An der
Qualität gab es auch für die verwöhnten Gaumen der Franzosen, Spanier
und Italiener nichts auszusetzen.
Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Jetzt muss die Region mit
kleinen mühsamen Schritten zurück ins Leben befördert werden. Dazu
gehört, dass etliche Familien hübsche kleine Hotels oder Pensionen
eröffnet haben, die eine Übernachtung in angenehmer Atmosphäre
ermöglichen. Doch nach wie vor verirrt sich kaum ein ausländischer
Gast hierher, obwohl die Gegend mit landschaftlichen Reizen punktet,
vor allem mit dem Donautal. Über fast 100 Kilometer zwängt sich der
mächtige Strom hier durch das enge Tal mit nur 200 Metern Breite. Der
Fluss ist hier sage und schreibe bis zu 90 Meter tief.
Wenn allerdings am Ausgang der Schlucht bei dem Ort Prahovo im
Sommer Niedrigwasser herrscht, gibt die Donau ein zweifelhaftes Erbe
aus dem Zweiten Weltkrieg preis: die Reste von Teilen der deutschen
Kriegsflotte, die hier auf dem Rückzug zerstört wurden. Noch heute
stellen die Wracks gefährliche Hindernisse für die vielen
Kreuzfahrtschiffe dar, die auf dem Weg von Passau ins Donaudelta
unterwegs sind. Weiter südlich lockt noch die in Westeuropa wenig
bekannte antike Ausgrabungsstätte Gamzigrad nahe der Stadt Zajecar.
Der spätantike römische Kaiserpalast wartet in großen Teilen immer
noch auf seine Ausgrabung - auch hier aber fehlt das Geld.
Informationen: Serbien unterhält in Deutschland kein Tourismusamt.
Auskünfte gibt es im Internet unter Link: www.serbia.travel,
Link: www.toon.org.yu und Link: whc.unesco.org/en/list/1253.
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