Reit im Winkl (dpa) - 22. August 2008
Von Weltplanern vergessen und von Touristen entdeckt: Reit im Winkl
Reit im Winkl liegt ziemlich versteckt -
eben im hintersten «Winkl» Oberbayerns. So versteckt, dass sich sogar
eine Sage darum rankt, warum der Höhenluftkurort mit seiner bekannten
Winklmoosalm zu Deutschland gehört - und nicht zu Österreich. Reit im
Winkl sei wegen seiner abgelegenen Lage schlicht vergessen worden,
als es 1815 beim Wiener Kongress um die Neuverteilung der Länder
Europas nach den Wirren der napoleonischen Kriege ging, heißt es.
Die Landesherren von Bayern, Salzburg und Tirol entschlossen sich,
den Ort ganz unbürokratisch zu vergeben - statt einen neuen Krieg um
das grüne Fleckchen in den Alpen zu führen, spielten sie Karten. Bei
diesem Spiel soll der Bayernkönig Max Josef I. den letzten und
entscheidenden Stich mit dem Trumpf Schellunter gemacht und Reit im
Winkl damit für Bayern gewonnen haben. Die Kartenfarbe Schellen - im
französischen Blatt das Karo - gilt noch heute als das heimliche
Wappen des Ortes. «Wie viel an dieser Geschichte dran ist, wissen wir
nicht», sagt Florian Weindl, Tourismuschef des Ortes. Fest verankert
in den Köpfen der rund 2500 Bewohner ist sie in jedem Fall.
Die Geschichte des Ortes, der bei seiner Gründung vor mehr als 800
Jahren «St. Pankraz am Eck» geheißen haben soll, reicht weit zurück
und ist abenteuerlich. Denn Reit im Winkl liegt tatsächlich im
allerletzten Winkel der Republik. Kaum ein paar Meter hinter den
letzten Häusern der Hauptstraße, den Berg hinunter, schließt sich das
österreichische Bundesland Tirol an - Kössen und der Walchsee sind
nur einen Katzensprung entfernt.
Diese grenznahe Lage beschert Golffreunden in der Region ein
spezielles Erlebnis - denn sie können auf Europas erstem und einzigem
grenzüberschreitenden Golfplatz ihre Runden drehen. Sechs Löcher in
Tirol und zwölf auf deutschem Boden - 750 Meter über dem
Meeresspiegel erstreckt sich auf 70 Hektar die Golfanlage mit
imposantem Blick auf die Chiemgauer Alpen und das Kaisergebirge.
Dieser Golfplatz ist eine der neuesten Errungenschaften des
kleinen Ortes, der schon lange den Tourismus als Einnahmequelle hat.
Alles fing an mit einem Besuch Maximilians II., der 1858 eine Reise
durch sein Bayernland unternahm und in Reit im Winkl haltmachte. Zwar
waren auch vorher schon Adlige zur Sommerfrische in den idyllisch
gelegenen Ort gekommen, doch mit dem Besuch des Königs ging der
Fremdenverkehr so richtig los.
Die Oberbayern gründeten einen Verschönerungsverein, damit es die
Prominenz, die sich in die Alpen aufmachte, komfortabel hatte. Sogar
einen eigenen Bahnhof bekam das Dorf; die Waldbahn verkehrte zwischen
1923 und 1931 zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl. Nach dem Zweiten
Weltkrieg boomte das Örtchen regelrecht - sowohl bei Sommergästen als
auch bei Wintersportlern waren die Wiesen und Berge, die Winklmoosalm
und die Steinplatte äußerst beliebt.
Die Gemeinde im Chiemgau brachte ihre eigene Prominenz hervor -
sowohl künstlerisch als auch sportlich. Maria und Margot Hellwig
wissen mit Volkstümlichem noch heute ihr Publikum zu begeistern. Und
«der Rosi», die «nach Garmisch geheiratet hat», trauert so mancher im
Ort nach. Doch das Haus Mittermaier, gleich gegenüber der Pension
Hellwig, gibt es auch heute noch - hübsch gelegen, oberbayerisch
verziert mit Blick über satte, grüne Wiesen Richtung Alm, dem zahmen
und dem wilden Kaiser.
Dass Rosi Mittermaier, genau wie ihre beiden Ski laufenden
Schwestern Heidi und Evi, auf Skiern aufwuchsen, ist bei den
Gegebenheiten kein Wunder. «Wir sind hier in einem Schneeloch», sagt
Weindl. Denn Reit im Winkl liegt in einem Tal, im Süden, Osten und
Norden eingekesselt von Bergen. Im Winter stauen sich dort die
Wolken, und es ist schneesicher. Reit im Winkel, mit 700 Metern lange
nicht der höchstgelegene Ort Deutschlands, kann alljährlich mit dem
meisten Schnee in den Alpen aufwarten.
Auch das alpine Reizklima hat seine Vorteile - für
Leistungssportler ebenso wie für wandernde, radelnde oder walkende
Touristen. Studien belegen, dass die Höhenluft besonders bei
sogenannten zivilisationsbedingten Krankheiten hilft.
Dass es mit schlichtem Wandern nicht getan ist zeigt schon die
Beschilderung - auf der Winklmoosalm wurde vor einigen Jahren
Deutschlands erste High Walking Arena eröffnet, für Mountainbiker
sind Wege ausgewiesen. Auch die Besucher, die zwar gern Rad fahren,
aber nicht mit 30 Gängen über Stock und Stein rasen müssen, kommen in
und um Reit im Winkl auf ihre Kosten. Fahrräder mit Elektrobatterien,
sogenannte Movelos, geben an steilen Stellen den nötigen Schub.
Informationen: Tourist-Information, Rathausplatz 1, 83242 Reit im
Winkl (Tel.: 08640/800 20, Internet: Link: www.reitimwinkl.de).
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