Porto (dpa) - 27. August 2008
Kühle Keller und schräge Gärten: Portugals Norden wird unterschätzt
Der Norden Portugals hat es bei Urlaubern nicht
ganz leicht. Viele Touristen zieht es vor allem an die Algarve und in
die Hauptstadt Lissabon. Dann kommt lange Zeit gar nichts mehr - und
erst sehr viel später die Atlantikküste, Porto und das Dourotal.
Dabei hat auch der Norden starke Seiten, und Porto ist für eine große
Hafen- und Industriestadt sogar ausgesprochen schön. Viele Häuser
sind hier zwar nicht auf Hochglanz saniert. Aber das hat die Unesco
nicht davon abgehalten, die Altstadt auf die Liste des
Weltkulturerbes zu setzen - und das war auch richtig so.
Vila Nova de Gaia liegt südlich des Rio Douro. Während Porto in
den vergangenen 25 Jahren rund 100 000 Einwohner verloren hat und
heute nur noch rund eine Viertelmillion zählt, hat der Vorort ständig
zugelegt. Dort gibt es am Fluss viele Restaurants, und dort haben
traditionell auch die großen Portwein-Kellereien ihren Sitz.
Nach Vila Nova de Gaia kam auch Adriano Ramos Pinto im Jahr 1908,
um seine eigene Kellerei zu bauen. Mit 21 Jahren hatte er sich
selbstständig gemacht und hoffte nun auf gute Absatzchancen in
vielversprechenden neuen Märkten wie Brasilien. Der Kunstliebhaber
und Lebemann kultivierte seinen eigenen Stil: Die Rezeption ließ er
mit Wandfliesen ausstatten, auf denen auch unbekleidete Schönheiten
posieren - skandalträchtig zu seiner Zeit. «Er liebte Kunst, Wein und
eben auch die Frauen», erzählt Leandra Ferreira bei einer Führung
durch die Kellerei. Ein Freund der Ehe war er nicht, «seine fünf
Töchter waren alle illegitim». In seinem Büro stehen noch ein
Sekretär, Stühle und sogar eine Schreibmaschine aus seiner Zeit.
In einer Vitrine sind Etiketten ausgestellt, Plakate, mit denen
Ramos Pinto für seine Weine warb, und natürlich Portweinflaschen aus
den Jahren, als der Firmenchef regelmäßig selbst ein Schlückchen
nahm. Wichtige Kunden nahm Ramos Pinto immer zu sich ins Büro, wo sie
auf einem Stuhl Platz nehmen durften, der an einen Thron erinnert.
Im Keller hängt ein Hauch von Port in der Luft - wahrscheinlich
müsste man nur lange genug tief inhalieren, um angetrunken zu werden.
Riesige Fässer stapeln sich dort übereinander. Die Trauben kommen aus
dem Dourotal östlich von Porto. Geerntet werden sie von Ende August
bis Oktober. Der Wein reift dann in den kühlen Kellern von Vila Nova
de Gaia und wird dort auch abgefüllt und verkauft. Ruby heißt der
fruchtige rote, Tawny der eher nussige bräunliche Port. «Tawny trinkt
man gerne nach dem Essen zum Dessert», erklärt Leandra Ferreira. Und
es gibt ihn in unterschiedlichsten Abfüllungen, 4 oder 10, aber auch
30 oder 40 Jahre alt und dann entsprechend teuer.
Ein Besuch in der Kellerei von Ramos Pinto wäre nur halb so
interessant, wenn man die Portweine dort nicht auch probieren könnte.
Schließlich ist die Vielfalt groß: Es gibt zum Beispiel auch weißen
Port und Vintage genannte Jahrgangsweine. Ramos Pinto ist nur eine
von rund 80 Portweinkellereien. Die in Deutschland bekannteste dürfte
Sandeman sein. In den Schaufenstern der Geschäfte in der Innenstadt
ist die Auswahl riesig. Oft reichen die Flaschenregale vom Boden bis
zur Decke. Ältere Vintage-Abfüllungen kosten leicht mehrere 100 Euro.
Porto ist zwar eher eine Metropole der Industrie als der Kunst,
doch 2001 war es europäische Kulturhauptstadt. Und tatsächlich gibt
es viel zu sehen, schon was die Architektur angeht. Die Kathedrale
gehört natürlich dazu, die auf das frühe 12. Jahrhundert zurückgeht
und immer noch ein Hingucker ist; und auch der Palácio da Bolsa, der
Börsenpalast aus dem Jahr 1844, in dem heute die Handelskammer
untergebracht ist. Der Aktienhandel ist hier zwar Geschichte. Das
Granitportal im ersten Stock, an dem Steinmetze jahrelang gewerkelt
haben oder der «arabische Saal», der an die Alhambra von Granada in
Südspanien angelehnt gestaltet wurde, beeindrucken aber noch immer.
Sehenswert ist auch der Bahnhof S. Bento aus dem Jahr 1900, der an
der Stelle eines Klosters gebaut wurde. Die hohe Bahnhofshalle ist
mit Wandbildern aus Kacheln dekoriert. Zu sehen sind Szenen aus der
Geschichte Portugals und zum Beispiel aus dem Weinbau. Nicht weit
entfernt steht die barocke Clérigos-Kirche, deren Turm mit 78 Metern
so hoch ist, dass Seeleute ihn vom Atlantik aus sehen konnten. Er
gilt als der höchste Portugals. Und wer die rund 200 Stufen bis ganz
oben auf sich nimmt, wird mit frischem Wind und einem hervorragenden
Blick auf die Altstadt, die Kathedrale und den Douro belohnt, auf dem
tagsüber fast immer auch Ausflugsschiffe unterwegs sind.
Nicht nur für Literaturfreunde ist die Libreria Lello in der Rua
Carmelitas ein lohnender Abstecher. Die helle, neugotische Fassade
der schönsten Buchhandlung Portugals von 1906 fällt schon von weitem
auf. «Sie steht heute unter Denkmalschutz», erzählt Stadtführerin
Luisa Cunha. Auch die vom Jugendstil inspirierte Inneneinrichtung
fasziniert: Die Regale sind aus dunklem Holz, die Decke ebenfalls.
Eine Wendeltreppe führt ins obere Stockwerk, wo Bücherwürmer in einer
Leseecke Kaffee trinken können. Wer sterile Kettenbuchhandlungen
gewohnt ist, möchte sich am liebsten gleich dazusetzen.
Porto ist auch ein idealer Ausgangspunkt für Expeditionen in den
portugiesischen Norden - nach Braga zum Beispiel, Erzbischofs-Sitz
und religiöses Zentrum, oder nach Ponte de Lima, einem ausgesprochen
hübschen kleinen Ort mit gerade 3000 Einwohnern. Seinen Namen hat er
von der Brücke über den Rio Lima, die schon aus römischer Zeit
stammt. Und weil Ponte de Lima bereits 1125 die Stadtrechte bekam,
darf sie sich nun «älteste Stadt Portugals» nennen. Aus dem
Mittelalter sind noch Teile der Stadtmauer und Wehrtürme erhalten.
Viele Besucher gucken sich allerdings etwas ganz anderes an: die
Gärten von Ponte de Lima, die auf den ersten Blick zugegebenermaßen
etwas schräg wirken. Denn wenn anderswo Blüten in Reih und Glied
stehen oder Buchsbäume in strenge Form geschnitten werden, zählt hier
vor allem der originelle Einfall. Mitten in der Stadt am Südufer des
Flusses ist das Gelände des «International Garden Festivals», bei dem
Gartenkünstler ihrer Fantasie freien Lauf lassen können.
In einem der Gärten sind lauter Papierkörbe aufgestellt, aus denen
nun Blumen wachsen - es gibt einen Korb für jedes Land Europas. Und
davor steht die Figur eines Fußballers, der offenbar gerade abziehen
und den Ball in die Blumen kicken will. Ein paar Schritte weiter gibt
es ein Labyrinth aus riesigen Hortensien, dann wieder eine Pergola,
bei der die Äste von Zitronenbäumen über den Köpfen der Besucher
zusammenwachsen. In einem anderen Beet sind leere Wein- und
Eistee-Flaschen versammelt, gleich neben blühendem Salbei. Im Sand
verborgen, über den die Besucher laufen, sind ebenfalls leere
Plastikflaschen - unter dem Garten liegt der Müll.
Daniel Campelo läuft federnd ein Stückchen und lächelt
verschmitzt. Der Bürgermeister von Ponte de Lima hat sich das alles
hier ausgedacht. Er hatte die Idee zu dem Gartenfestival der etwas
anderen Art, bei dem Umweltverschmutzung und Naturzerstörung
ausdrücklich ein Thema sind. «Die Gärten aller Teilnehmer für den
Wettbewerb bleiben für ein Jahr auf dem Festivalgelände, der des
Gewinners länger», erklärt Campelo.
Ännlich wie Campelo tickt auch Conde Francisco Calheiros, der in
der benachbarten Gemeinde wohnt, die ebenfalls Calheiros heißt.
Bürgermeister war er auch mal. Heute ist er in erster Linie Graf -
und Hausbesitzer. «Haus» ist dabei fast untertrieben, denn sein
Herrensitz erinnert von weitem an einen Flügel des Schlosses von
Versailles. Seine Familie lebt seit dem 12. Jahrhundert hier -
mindestens. Mit Campelo teilt er nicht zuletzt den Enthusiasmus, in
seinem Fall den für Solares. So heißt eine Vereinigung, die Calheiros
vor fast 25 Jahren mitgegründet hat. Sie ist ein Verband von
Menschen, die das Glück und die Bürde eint, in Portugal ein
Herrenhaus ihr eigen zu nennen.
«Meine Vorfahren haben sich diesen großartigen Platz hier
ausgesucht», sagt der Graf. «Das Haus stammt aus dem 17. Jahrhundert.
Es ist vor allem aus Granit gebaut, typisch für die Minho-Architektur
hier im Norden.» Die Einrichtung ist gediegen, das Wohnzimmer besitzt
Eichenholzstühle und eine Kastanienholzdecke, die Küche einen
riesigen alten Kamin. Im Garten auf dem insgesamt 40 000 Quadratmeter
großen Anwesen plätschert hier und da ein Springbrunnen - und schon
der Magnolienbaum lässt Pflanzenfreunde vor Neid erblassen.
Das Herrenhaus des Grafen ist nur eines von rund 100 historischen
Gebäuden, die zu Solares gehören und in denen Urlauber übernachten
können. Diese Luxusvariante von «Bed & Breakfast auf Portugiesisch»
gibt es zwar im ganzen Land, sagt Conde Calheiros. Aber in dieser
Hinsicht hat die Algarve dann doch einmal das Nachsehen: «Besonders
viele gibt es hier bei uns im Norden.»
INFO-KASTEN: Portugals Norden
REISEZIEL UND REISEZEIT: Porto ist die größte Industriestadt des
Landes und liegt an der Mündung des Douros-Flusses in den Atlantik.
Zum Hinterland gehört die Region Douro, die nicht zuletzt für den
Anbau der Trauben bekannt ist, aus denen Portwein hergestellt wird.
ANREISE: Die Anreise mit dem Auto braucht Zeit - bis Porto sind es
vom Süden Deutschlands aus rund 2000 Kilometer. Der Flughafen Porto
wird von Deutschland aus zum Beispiel von der Lufthansa angeflogen,
aber auch vom Billigflieger Ryanair, von der portugiesischen
Fluggesellschaft TAP über Lissabon und von Air Berlin über Mallorca.
KLIMA UND REISEZEIT: Als beste Reisezeit gilt die Zeit von Mai bis
Oktober. Auch im Hochsommer wird es nie so heiß wie in Süd-Portugal.
SPRACHE: Portugiesisch. In den touristischen Hauptorten wird auch
Englisch und Deutsch oft verstanden.
WÄHRUNG: In Portugal wird mit dem Euro bezahlt.
INFORMATIONEN: Portugiesisches Touristikbüro, Kaiserhofstraße 10,
60313 Frankfurt (Tel.: 0180/500 49 30 für 14 Cent pro Minute,
Internet: Link: www.visitportugal.com).
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