Fulda (dpa) - 04. September 2008
Klassik-Konzerte für Wurst - Modellprojekt ist Experten ein Rätsel
Üblicherweise spielen die «Fuldaer Stadtstreicher»
bei ihren Auftritten vor lebendigem Publikum. Ein bis zweimal pro
Monat begeben sich die vier jungen Musiker aus Osthessen jedoch
sonntags in eine Fabrik. Dann ziehen sie der Hygiene wegen weiße
Schutzkleidung an, packen ihre Instrumente aus und bearbeiten mit
Inbrunst die Saiten. Applaus dürfen sie aber nicht erwarten: Das
Quartett spielt für Wurstwaren. Das Auditorium besteht zum Beispiel
aus Blutwurst und diversen Schinken-Sorten, die auf Rollwagen vor
sich hin reifen und trocknen.
Unter dem Einfluss von klassischer Musik soll dieser Prozess
besser vonstattengehen. Davon ist Wolfgang Gutberlet überzeugt. Er
ist der Chef der in Fulda ansässigen, auf Bio-Lebensmittel
spezialisierten Supermarktkette tegut - und griff die Idee zu dem
unkonventionellen Modellprojekt auf.
«Es mag spektakulär wirken. Aber wir haben schon immer versucht,
neue Wege zu gehen. Als wir damals mit Bio angefangen haben, haben
auch viele Leute mit dem Kopf geschüttelt. Wir halten das gut aus,
sollten wir belächelt werden», sagt der bekennende Technik-Fan
Gutberlet, der im vergangenen Jahr als deutscher Unternehmer des
Jahres in der Sparte Handel ausgezeichnet wurde. Die Handelskette
tegut, die in Hessen, Thüringen, Bayern und Niedersachsen vertreten
ist, hat heute mehr als 300 Supermärkte, knapp 6200 Mitarbeiter und
erwirtschaftet einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro.
In der Vergangenheit wurden bereits im In- und Ausland Weinberge
mit Musik beschallt, um einen womöglich besseren Tropfen zu gewinnen.
«Ob das schon andere bei Wurst gemacht haben, habe ich nicht
erforscht», sagt Gutberlet. Er habe aber von vielen Versuchen
gelesen, die bestätigten, dass klassische Musik Wachstum beeinflussen
könne. Ob diese Klänge auch den Reifeprozess der beschallten Wurst
fördern, kann er nicht belegen. «Wir können das nicht physikalisch
oder sonst wie messen», stellt der tegut-Chef klar. Seine Mitarbeiter
in der wohl musikalischsten Wurstfabrik Deutschlands sollten viel
mehr darauf achten, «durch Anschauen, Riechen und Anfassen zu prüfen,
ob der Prozess zum Erfolg führt». Das sei eine «rein subjektive
Wahrnehmung».
Klassische Konzerte für bessere Wurstreifung - das sei eine
«obskure Geschichte», findet der Leiter für Sicherheit und Qualität
bei Fleisch am Max-Rubner-Institut im fränkischen Kulmbach, Prof.
Klaus Troeger. «Ich sehe da keinen Zusammenhang. Das ist für mich
nicht erklärlich.» Obgleich es möglich sei, dass Schallwellen
physikalische und chemische Prozesse auslösen können. Bei Kühen sei
zum Beispiel bekannt, dass sie mehr Milch geben, wenn sie mit Klassik
verwöhnt werden - wegen einer verstärkten Hormon-Ausschüttung.
Auch ein anderer Experte kann sich für das von tegut angestrebte
Phänomen «keine naturwissenschaftliche Erklärung zusammenreimen».
Prof. Friedrich-Karl Lücke vom Fachbereich Oecotrophologie an der
Hochschule Fulda sagt: «Mir ist diesbezüglich kein Effekt auf
Mikroorganismen bekannt.» Um dies zu erklären, bedürfte es
Forschungen mit größerem Aufwand. Lücke, der Mikrobiologie und
Lebensmittel-Technologie lehrt, will die Arbeit im Wurstwerk aber
nicht als Hirngespinst abtun. In der Homöopathie sei auch nicht alles
erklär- und belegbar.
Wurst-Liebhaber und tegut-Chef Wolfgang Gutberlet verlegt sich
ebenso wie einer der Musiker auf den Geschmackstest. «Der Schinken
schmeckt sehr gut, und wir hoffen, dazu einen Teil beitragen zu
können», sagt Karsten Aßmann, der mit drei weiteren Freizeit-Musikern
seit 2006 die Wurst-Konzerte gibt und dabei die zweite Geige spielt.
Der 30 Jahre alte Rechtsanwalt gibt zu: «Am Anfang war es
ungewöhnlich, vor Fleischwaren zu spielen. Das ist für uns Neuland.
Aber wir verfolgen das Projekt mit Interesse.»
Mit seinen Mit-Streichern gibt der Musiker vorzugsweise Mozart und
Bach bei den mehrstündigen Auftritten. Das soll aufgrund der
perfekten Kompositionen besonders vorteilhaft sein. tegut-Chef
Gutberlet sagt, Klassik-Musik habe im Lauf der Jahrhunderte der
natürlichen Auslese getrotzt und sich bis heute gehalten. Deswegen
lässt er keine Rock- oder Technomusik an seine Würste ran. Die seien
nämlich sehr empfindlich.
Verwundert und begeistert hat Musiker Aßmann die besonders gute
Akustik in der Fleisch-Halle: «Die ist vergleichbar mit einer
Kirche.» Teurer ist die Wurst der Marke «Rhöngut» trotz des edlen
Unterhaltungsprogramms für den Verbraucher angeblich nicht. Ein
Hinweis auf die Sonderbehandlung fehlt auf den Verpackungen. «Wir
würden nie mit so etwas werben», wehrt Gutberlet ab. «Es wäre wohl
auch schwierig, das der Allgemeinheit verständlich zu machen, sagt
eine Unternehmenssprecherin.
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