Charleston (dpa) - 09. September 2008
Wo rosa Schweinchen vom Himmel fallen: «Bridge Day» in West Virginia
Einmal im Jahr ist ganz West Virginia im
Ausnahmezustand. Der vom Appalachen-Gebirge geprägte US-Bundesstaat
ist zwar nicht gerade für ein ausschweifendes Partyleben oder für
eine Ansammlung berühmter Museen bekannt - West Virginia ist eher
eine herbe Schönheit voll unberührter Natur mit Wäldern, Flüssen,
Golfplätzen im Sommer und Skihügeln im Winter. Am dritten Samstag im
Oktober allerdings steppt in West Virginia der Bär - denn an jenem
Samstag feiert der flächenmäßig kleine Bundesstaat ganz groß den
«Bridge Day».
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)/ In diesem Jahr wird es am 18. Oktober wieder dazu kommen, dass
sich Hunderte «Basejumper» an der Brücke über der Schlucht des New
River versammeln, um sich mit ihren Fallschirmen fast 300 Meter in
die Tiefe zu stürzen. Einige Sekunden im freien Fall - dann ziehen
sie die Reißleine und schweben einem roten Punkt am Ufer des Flusses
entgegen. Dort angekommen, raffen die meisten Sportler alles zusammen
und eilen wieder auf die Brücke - denn ihr Ziel ist es, in den sechs
Stunden zwischen 9.00 und 15.00 Uhr so oft wie möglich zu springen.
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)/ Miles Daisher ist einer der Springer und dazu sogar aus dem fernen
Bundesstaat Idaho angereist. Er beschreibt die Faszination in
einfachen Worten: «Ich will sehen, was geht - wo meine Grenzen sind».
Kristen Kelsy, eine der wenigen Frauen, die mitmachen, sagt: «Dazu
wird man einfach geboren». Heather Loughlin, die aus Vermont in
Neuengland hierhergekommen ist, sieht das ähnlich: «Es ging hoch und
runter, ich habe die Wolken geküsst. Es war traumhaft, perfekt.»
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)/ Den Landekreis am Ufer haben alle fest im Blick, die sich von der
Plattform auf dem Brückengeländer fallenlassen - doch einigen macht
der Wind einen Strich durch die Rechnung: Sie landen im Wasser. Das
gefällt niemandem, denn im Fluss verknoten alle Leinen am Fallschirm.
Es dauert dann wesentlich länger, ihn wieder zusammenzulegen und zum
nächsten Sprung anzusetzen.
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)/ Doch nicht alle «Basejumper» sind darauf aus, 5, 10 oder 20 Mal zu
springen. Larry Lemaster aus dem Nachbarstaat Ohio hat ein anderes
Ziel: «Ich liebe es, zum "Bridge Day" hierherzukommen. Wir verkleiden
uns und wir haben einfach nur Spaß.» Lemasters Aufzug ist vielleicht
nicht der windschnittigste, aber er fällt auf: Der nicht mehr ganz
junge Mann fällt als rosa Schweinchen verkleidet von der Brücke.
/(
)/ Die Springer lassen sich in die Tiefe fallen, machen Kunststücke
in der Luft - und manche geben sich sogar auf der schmalen Plattform
in fast 300 Metern Höhe das Jawort, um sich gleich danach gemeinsam
in die Tiefe zu stürzen. Im Jahr 2007 traten insgesamt 377 Männer und
Frauen auf der Brücke an, 876 Sprünge zählten die Veranstalter dabei.
Beobachtet wurden die Mutigen von mehr als 150 000 Besuchern, die
jeden Springer mit dem Satz «Three, two, one, see ya!» anfeuerten.
/(
)/ Damit gilt der «Bridge Day» als eine der größten Veranstaltungen
für Extremsportler weltweit. Und idyllisch ist das Ganze noch dazu:
«Im Oktober ist der Staat besonders schön. Die Blätter färben sich,
aber das Wetter ist noch schön warm», sagt Gayle Manchin, die Frau
von West Virginias Gouverneur Joe Manchin. Was in Neuengland «Indian
Summer» heißt, wird hier «Fall Foliage» genannt - und das
Naturschauspiel ist in dem Bergstaat, der zu 75 Prozent bewaldet ist,
ebenso eindrucksvoll. In Gelb, Orange und Rot leuchten die Bäume von
Ende September bis Ende Oktober, meist noch im warmen Sonnenlicht.
/(
)/ «Der Wald und die Berge sind wohl auch das, von dem die Menschen
gehört haben, die noch nie in West Virginia waren», sagt die First
Lady. Dafür habe allein schon der Liedermacher John Denver in den
70er Jahren mit seinem Song «Take me home, Country Roads» gesorgt, in
dem er von den einsamen Straßen singt, den Blue Ridge Mountains und
dem Shenandoah-Fluss, der sich durch den Staat schlängelt. «Und das
alles, ohne dass er vorher mal hier war.»
/(
)/ West Virginia ist ein Staat für Leute, die viel vorhaben - die
wandern wollen, klettern, golfen oder fischen. Oder eben die zum
Fallschirmspringen anreisen - auch wenn das von der Brücke über die
Schlucht am New River nur an einem Tag im Jahr legal ist. In der
restlichen Zeit ist es eher der Fluss, über dem sich die imposante
Brücke erstreckt, der Abenteurer anzieht. Auf einer der schönsten
Strecken über den New River müssen Rafter auf ihrer 23 Kilometer
langen Tour ein Gefälle von fast 100 Metern überwinden - und sie
rauschen dabei auch durch eine 300 Meter tiefe Sandstein-Schlucht,
die die Einheimischen den «Grand Canyon der Ostküste» nennen.
/(
)/ Dieser New River ist ohnehin ein besonderer Fluss: «Obwohl sein
Name das nicht vermuten lässt, gilt er bei den meisten Geologen als
einer der ältesten Flüsse der Welt», sagt John, der auf dem Fluss
Rafting-Touren leitet. Die Altersangabe schwankt zwischen 10 und 360
Millionen Jahren, «das ist bei Flüssen schwierig festzustellen.» Das
rund 515 Kilometer lange Gewässer durchquert North Carolina, Virginia
und West Virginia und bietet eine Besonderheit: «Der New River fließt
von Süden nach Norden - und damit quasi gegen den Strom.» Denn fast
alle anderen Flüsse des Landes fließen in die andere Richtung.
/(
)/ Auch an Geschichte gibt es einiges zu entdecken: «West Virginia
ist der einzige Staat, der während des amerikanischen Bürgerkriegs
gegründet wurde», sagt Gayle Manchin. Denn bis 1862 war West Virginia
ein Teil des im Osten angrenzenden Gründerstaates Virginia. Doch die
Bevölkerung im westlichen Teil des Staates fühlte sich benachteiligt.
Das Streben nach einer eigenen Verwaltung wuchs - nicht zuletzt, weil
die westlichen Virginians seit Beginn des Bürgerkriegs gegen die
Abtrennung der Konföderierten Staaten von der Union kämpften.
/(
)/ West Virginia wurde schließlich ein eigener Staat - und schlägt
sich noch heute mit den Geistern des alten Südens herum. Es spukt
hier, vor allem im kleinen Örtchen Lewisburg. Mehrere Privathäuser
und Hotels haben dort ihre «Hausgeister» - ein kleines Mädchen im
weißen Nachthemd etwa, das verschiedene Gäste im «General Lewis Inn»
schon weinend auf ihrer Bettkante gefunden haben wollen. In einem
anderen Haus schluchzt dagegen nachts der Geist eines jungen
Südstaatenmädchens, das sich einst umgebracht hat, weil Familie und
Politik ihre Liebe zu einem Yankee aus dem Norden nicht zuließen.
/(
)/ Schaurig, schön und geheimnisvoll sind auch die unterirdischen
Schätze des Staates: Mehr als 1500 Höhlen gibt es entlang seiner
Ostgrenze. Einige sind von Menschenhand gemacht, andere so, wie sie
die Natur geformt hat. Die «Lost World Caverns» etwa zeigen bei
konstanten zehn Grad Lufttemperatur 40 Meter unter der Erde den
«Snowy Chandelier»: einen schneeweißen, 30 Tonnen schweren
Stalaktiten, der über die Jahrhunderte die Form eines Kronleuchters
angenommen hat. Der fast zehn Meter hohe «War Club», ein Stalagmit,
kam zu Berühmtheit, als ein Mann namens Bob Addis fast 16 Tage lang
auf ihm saß. Weder er noch die Steinformation kamen zu Schaden, und
Addis findet sich seitdem im «Guinness-Buch der Rekorde» wieder.
/(
)/ Die vielen Höhlen sind wohlbekannt im Staat - ein echtes Geheimnis
allerdings lüftete ein US-Journalist vor knapp zwei Jahrzehnten:
Zwischen den Country Roads, Wäldern und Flüssen hatte der US-Kongress
während des Kalten Kriegs einen Bunker bauen lassen. Er liegt auf dem
Gelände des «Greenbrier Resort» in dem Örtchen White Sulphur Springs.
/(
)/ Kein Anwohner hatte eine Ahnung von dem, was da unter der Erde
entstand. Im Falle eines Nuklearangriffes, so die Planung, sollten
alle Abgeordneten mit ihren Familien dorthin gebracht worden, um die
Regierungsgeschäfte aufrecht zu erhalten. In dem luxuriösen Hotel
über der Erde ging währenddessen so mancher Präsident und Staatsgast
ein und aus. Die Präsidenten kommen noch immer - aber das Projekt
«Bunker» gehört der Vergangenheit an. Seit 1996 können sich Touristen
ansehen, wie die Politiker im Ernstfall unter Tage gearbeitet hätten.
/(
)/ INFO-KASTEN: West Virginia
/(
)/ REISEZIEL: Der Bundesstaat West Virginia liegt in der Region des
Appalachen-Gebirges im Osten der USA. Er grenzt an die Staaten Ohio,
Pennsylvania, Maryland, Virginia und Kentucky.
/(
)/ ANREISE UND FORMALITÄTEN: Mehrere Fluggesellschaften fliegen West
Virginias Hauptstadt Charleston an. Von Deutschland aus ist dabei ein
Umsteigestopp an der Ostküste erforderlich, etwa in Washington,
Atlanta oder Philadelphia. Sechs Interstate-Highways durchkreuzen den
Staat. Keine Visumspflicht besteht für Deutsche, solange sie maximal
90 Tage im Land bleiben. Benötigt wird ein maschinenlesbarer
Reisepass. Pässe, die nach dem 26. Oktober 2005 ausgestellt wurden,
müssen über biometrische Daten verfügen. Im Januar 2009 wird eine
Online-Reiseanmeldung unter Link: https://esta.cbp.dhs.gov verpflichtend.
/(
)/ KLIMA UND REISEZEIT: Die Jahreszeiten sind sehr ausgeprägt - im
Sommer herrscht Hitze, im Winter liegt hoch Schnee. Von März bis Juni
führen die Flüsse viel Wasser, Sommer und Herbst sind dann trocken.
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)/ SPRACHE: Englisch.
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)/ UNTERKUNFT: In West Virginia gibt es von einfachen Hotels und
Motels über idyllische Frühstückspensionen und Cottages bis hin zu
luxuriösen Golf-Resorts alle Arten von Unterkünften.
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)/ WÄHRUNG: Für einen Euro gibt es 1,46 Dollar (September 2008).
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)/ INFORMATIONEN: West Virginia Office of Tourism, c/o Kaus Media,
Luisenstraße 4, 30159 Hannover (Tel.: 0511/899 89 00); Internet:
Link: www.westvirginia.de, Link: www.wvtourism.com, Link: www.wvbridgeday.com.
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