Hitzacker (dpa) - 15. September 2008
Wein aus der Elbtalaue: Hitzacker kelterte schon zu Luthers Zeiten
Wein aus Norddeutschland, und dann noch von der
Elbe? Önologen mögen angesichts dieses scheinbaren Widerspruchs die
Stirn runzeln. Doch das niedersächsische Städtchen Hitzacker belehrt
sie mit 99 Reben, die in 70 Metern Höhe bei viel Sonne am Elbhang
gedeihen, eines Besseren. Der kleine Weinberg im Wendland ist einer
der nördlichsten Deutschlands und wirft immerhin so viele Trauben ab,
dass jährlich rund 50 Flaschen «Hidesacker Weinbergströpfchen»
abgefüllt werden können.
Verkäuflich ist der trockene Weißwein nicht. Kredenzt wird er zu
besonderen Anlässen, zum Beispiel wenn die niederländische Königin
Beatrix zu Besuch in der Geburtsstadt ihres verstorbenen Mannes Prinz
Claus weilt. Einige Flaschen werden aber auch zum Weinfest entkorkt,
das jedes Jahr Anfang Oktober zur Traubenlese stattfindet. «Dann
kommt jeder in den Genuss, ihn zu probieren», verspricht Melanie
Baron von der Stadtverwaltung, die das Fest organisiert. Dabei darf
natürlich auch die Wahl einer Weinkönigin nicht fehlen.
1980 hatte Hitzacker die Reben gepflanzt, drei Jahre und gute 5000
Sonnenstunden später stand bereits die erste Lese an. Mehr als 99
Reben sollen es aber nicht werden. Denn bei nur einer Pflanze mehr
muss ein Winzer seine Produkte amtlich prüfen lassen. Trotzdem ist
der Weinberg mehr als nur ein Marketing-Gag, der Touristen das gute
Klima des Elbestädtchens vor Augen führt und Hochzeitspaaren eine
wildromantische Kulisse für das Jawort bietet.
Ein Blick in die Chroniken zeigt, dass der Weinbau eine lange
Tradition in Hitzacker hat. «1521 ist erstmals unter Herzog Ernst dem
Bekenner Wein angepflanzt worden, 1713 hat dann ein verheerender
Hagelsturm alle Reben vernichtet», erzählt Melanie Baron. Der Wein
aus Hitzacker ist seinerzeit an der herzoglichen Tafel genossen
worden. Gut möglich, dass auch Martin Luther, ein Freund Ernst des
Bekenners, den Tropfen gekostet hat. Immerhin soll der Wein von
«geziemender» Qualität gewesen sein, wie der Kupferstecher und
Verleger Matthäus Merian 1654 in seiner Topographia Germaniae
berichtete.
«Er ist trocken-süffig, passt schön zum Essen», charakterisiert
Fritz Melsheimer das Weinbergströpfchen von heute. Der Mosel-Winzer
aus Maring-Noviand (Rheinland-Pfalz) hat jedes Jahr die Aufgabe, den
Elbe-Cuvée aus den verschiedenen Rebsorten, die in Hitzacker am Hang
wachsen, zu kreieren - das sind überwiegend Müller-Thurgau, Ortega,
Kerner und Albalonga, aber auch Frühburgunder, Riesling und Silvaner.
«Um die 11 Volumenprozent Alkohol hat der Wein», sagt Melsheimer.
Wenn er kurz vor der Traubenlese am Elbe-Weinberg einen Tropfen Most
in seinem Refraktometer betrachtet, bestimmt er gewöhnlich einen
Zuckergehalt der Trauben von 70 bis 75 Grad Öchsle - ein für deutsche
Gefilde guter Durchschnittswert.
Alle zwei Monate ist Melsheimer in Hitzacker, um den Stadtgärtnern
Ratschläge zur Pflege des Weinbergs zu geben. Es gilt, die
Seitentriebe der Reben zu stutzen, gierige Vögel von der süßen
Rebenlast fernzuhalten oder den von Natur aus wenig kalkhaltigen
Boden optimal zu düngen. Die Lage indes könnte besser nicht sein.
«Hangneigung Süd-Südost», stellt Melsheimer anerkennend fest. «Da
gibt es nichts zu meckern.»
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