Rom (dpa) - 16. September 2008
Im Schatten Roms: Das «Aschenbrödel» Latium zeigt seine Reize
Alle Straßen führen nach Rom - aber auch aus der
italienischen Hauptstadt wieder aufs Land hinaus. Römische
Villen und antiker Zauber, prächtige mediterrane Natur mit sanften
Hügeln und versteckten Seen, dazu die geheimnisvollen Spuren der
Etrusker und das einladende Meer: Das alles ist Latium vor den Toren
der Ewigen Stadt, das weniger bekannte und doch geschichtsträchtige
und einnehmende Bindeglied zwischen der stolzen Toskana im Norden und
dem süditalienischen Kampanien mit dem wuseligen Neapel und der
berühmten Amalfi-Küste. Bald zwei Jahrhunderte ist es her, dass
deutsche Künstler hier zuhauf aufs Land zogen, weil sie ein stilles
Paradies gefunden zu haben glaubten. Was aber ist davon geblieben?
Auf keinen Fall will die mittelitalienische Region ein Stiefkind
sein, das sich recken muss, um auch mal aufzufallen, und auch kein
«Aschenbrödel» oder die leichte Wochenendbeute gestresster Römer. Das
in der Vergangenheit so magische Ziel Italien-süchtiger Maler und
Dichter, die - wie allen voran Goethe - dort Motive, Beschaulichkeit
und Anregung in der Campagna suchten als Kontrast zur Fülle der
Kirchen und Denkmäler in Rom, glänzt noch immer durch Vielfalt. Es
ist ein Reichtum nicht zuletzt auch kulinarischer Art: Das Land
schüttet nicht nur im sprichwörtlichen Sinne dem Besucher ein
Füllhorn aus, so dass jeder bei seinen Entdeckungstouren etwas finden
kann.
Es müssen also nicht immer Petersdom und Vatikanische Museen,
Trevi-Brunnen und Spanische Treppe sein. Ein Beispiel dafür ist die
eher gemächliche Zugfahrt nach Frascati und zu den Albaner Bergen mit
der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo und den still ruhenden
Vulkanseen. Sicher, die zersiedelten Vororte von Rom müssen erst
einmal hinter einem liegen. Doch dann öffnet sich nur etwa 20
Kilometer südöstlich der Hauptstadt der Panoramablick über die
Campagna. Auf den Tischen vor den Bars steht jener süffig-leichte
Weißwein, für den Frascati weltweit bekannt ist. Vor den kleinen
Marktständen bilden sich Trauben, angezogen vom Duft einer anderen
Spezialität dieser Region - leckere Scheiben «porchetta», Spanferkel
also. Da ist das quirlige Rom rasch vergessen, auch wenn die Kapitale
ganz in der Ferne im flirrenden Sonnenlicht doch noch durchschimmert.
Bereits Cicero und Lukullus liebten die anmutigen Castelli Romani
mit den Orten Frascati, Grottaferrata und Marino sowie das schöne
Arricia. Der Schriftsteller wollte in der Landschaft seine Gedanken
speisen, der andere brauchte nach dem Festmahl etwas Bewegung. Eine
Kette erloschener Vulkane bilden das Gerüst für einen Naturpark, der
mit dem Albaner See und dem kleineren, auch «Auge der Diana»
genannten Nemi-Vulkansee magische Anziehungspunkte bietet und
auch zum Baden einlädt.
Wer sich in Frascati bei dem Spanferkel zurückgehalten hat, kann
ganz in der Nähe der Sommerresidenz von Papst Benedikt XVI. hoch über
dem Albaner See gemütlich zu Mittag speisen - und sich die Frage
stellen: Isst das katholische Kirchenoberhaupt, das sich gern in
Castel Gandolfo aufhält, vielleicht hinter der dicken Mauer seiner
Residenz auch gerade sein sicherlich leichtes mittägliches Menü?
Klassischer ist der Sprung nach Tivoli, mit dem man auch schon
die Strecke in die Antike zurücklegt. Etwas außerhalb des Städtchens
30 Kilometer östlich von Rom liegt die Hadrians-Villa des genialen
Kaisers. In einem Monumentalkomplex ließ der weit gereiste Hadrian
hier seine Erinnerungen an Syrien, Ägypten oder Griechenland in Stein
hauen und zu einer Traumresidenz zwischen Pinien, Zypressen und
Eichen ausbauen. Der Kaiser, Weltreisende und Philosoph (76 bis 138
nach Christus) mit Hang zum Geldausgeben und zu schönen
Jünglingen, hatte sich eine Art frühe Weltausstellung
mit Wasserbecken, Seetheater und allem drum herum gewünscht. Heute
ist es Unesco-Weltkulturerbe.
Das gilt auch für eine der Attraktionen in Tivoli selbst: Der
Kardinal und Papst-Rivale Ippolito d'Este hat in seiner Villa - und
vor allem mit dem prächtigen Garten - seinem ehrgeizigen Machtstreben
ein Denkmal gesetzt, nachdem er im Vatikan ausgebootet worden war.
Nicht selten bringen solche «Ersatzhandlungen» einzigartige Kultur
hervor. Der 35 000 Quadratmeter große Renaissance-Garten der Villa
d'Este ist aber vor allem ein erstaunliches Gesamtkunstwerk aus
Wasserspielen dank raffinierter Hydraulik, vielfältiger Perspektiven
und mythologischer Anspielungen. Ein 600 Meter langer Kanal lieferte
bereits im 16. Jahrhundert pro Sekunde 600 Liter Wasser aus dem Fluss
Aniene. Während die Nachwelt das alles bewundern kann, blieben dem
unglückseligen Kardinal dafür nur einige Jahre bis zum Tod 1572.
Ein neuer heißer Tipp in Tivoli ist die Villa Gregoriana, die so
ganz anders ist als die beiden Aushängeschilder. Klar, scharenweise
peilen Touristen in Tivoli die Villa d'Este und die Hadrians-Villa
an, und die meisten gehen an der urwüchsigen Villa Gregoriana vorbei.
Ein Umweltverband hat das Gelände mit seinen Grotten, einem kleinen
See, einem Wasserfall und rauen Tuffsteinwänden vor Jahren aber auf
Vordermann gebracht - es bietet damit ein bizarr-romantisches und
erholsames Kontrastprogramm an.
Entspannend ist es auch, ein paar Kilometer abseits des
Strandrummels die antike Hafenstadt Ostia Antica an der Mündung des
Tiber zu durchwandern. Weil über die Jahrhunderte in Vergessenheit
geraten, gilt dieses weitläufige Kleinod der antiken Kultur als
erstaunlich gut erhaltenes Zeugnis römischer Baukunst - und vor allem
des Alltags in der einst blühenden Handelsstadt mit den verzweigten
Speichern für das Öl, den Wein und das Getreide, wie es das verwöhnte
Rom täglich frisch brauchte. Dreistöckige Wohnhäuser wurden nach der
Wiederentdeckung Ostia Anticas aus dem Dunkel der Vergangenheit
geholt, Latrinen mit Marmorsitzen und Wasserkanälen als Spülung
darunter, aber auch antike Imbissstuben für die Eiligen.
Vor allem aber ist dies wieder so ein idealer Ort, der zum
Flanieren auf antiken Wegen einlädt, zum Verweilen etwa in der Nähe
des Kapitols oder dort, wo die einst stolze Hafenstadt Roms in die
weite Landschaft übergeht. Während die Zikaden unermüdlich im Chor zu
zirpen scheinen, machen sich ausländische Studiengruppen im Rund des
Amphitheaters aus der Zeit des Kaisers Augustus breit. Das für
Tausende von Besuchern errichtete Theater im Herzen von Ostia Antica
ist so gut erhalten, dass es auch heute noch als Schauplatz für
Konzerte im Freien dient. Für ein Picknick, was sich hier aufdrängt,
zieht sich der Wanderer in der antiken Welt allerdings besser unter
eine der Schirmpinien zurück. Diese bieten Schatten, erlauben aber
den ungestörten Blick über die Ruinenlandschaft. Schön wäre es schon,
wenn im antiken Imbiss nebenan noch ein Grillfeuer brennen würde.
Und wem dies alles noch nicht genug ist, weil er Appetit bekommen
hat, der macht sich auf den Weg nach Cerveteri nordwestlich von Rom,
um die berühmten Nekropolen der von den Römern verdrängten Etrusker
zu bestaunen. Er nimmt ein Bad im Bolsena-See mit seinen Inseln und
dem hübschen gleichnamigen Städtchen nahe der Grenze zu Toskana und
Umbrien. Oder auch in dem näher an der Ewigen Stadt gelegenen Lago di
Bracciano - doch Vorsicht, denn dies ist an den Wochenenden ein
bevorzugter Tummelplatz der Römer. Aber Latium ist reich an Seen und
an Sehenswürdigkeiten, man kann immer noch ausweichen.
Und wenn dann doch wieder alle Wege zurück in die laute Hauptstadt
von «Bella Italia» führen, so hallen doch die Erinnerungen an die
Stunden in weitläufigen Gärten oder auf Panorama-Terrassen nach, oder
auch jener gefühlte halbe Tag bei einem ausgiebigen Mittagessen im
kühlenden Schatten von ein paar Baumriesen. Vielleicht schmunzelt man
auch darüber, dem Papst so nahe gewesen zu sein.
Man hatte einen Gang zurückgeschaltet oder gleich den bequemen
Regionalzug genommen, in jedem Falle jedoch beim Blick auf
Schirmpinien und Zypressen jene Leichtigkeit aufgesogen, wie sie
Johann Sebastian Bach im «Italienischen Konzert» auf das Notenpapier
gezaubert und Klaviervirtuose Alfred Brendel in hörbare «Leggerezza»
verwandelte. Das passt zu den abwechslungsreichen Landstrichen, die
eben mehr sein wollen als nur Vorgärten der Hauptstädter.
INFO-KASTEN: LATIUM
REISEZIEL: Latium ist die mittelitalienische Region mit fünf
Provinzen um die Hauptstadt Rom herum. Sie ist von der Toskana im
Norden bis Kampanien im Süden von fünf anderen Regionen umgeben.
ANREISE UND FORMALITÄTEN: Die großen Fluggesellschaften, aber auch
eine ganze Reihe von Billig-Airlines fliegen von Deutschland aus die
Flughäfen Roms an. Im EU-Land Italien ist ein Reisepass nicht nötig,
ein Ausweis empfiehlt sich jedoch wie bei jeder Reise ins Ausland.
Man kann Latium zwar mit dem Auto erkunden, der Weg aus und nach Rom
ist jedoch chaotisch. Die Region verfügt über ein hervorragendes und
preisgünstiges Netz an Regionalzügen und -bussen. Fahrkarten gibt es
in den Endbahnhöfen.
UNTERKUNFT: Rom bietet sich als Ausgangspunkt für Tagestouren an.
Hotels aller Preisklassen sind dort zahlreich vorhanden, es gibt auch
immer mehr «Bed & Breakfast»-Unterkünfte. In der Hauptreisezeit vom
Frühjahr bis zum Frühherbst ist eine Vorausbuchung ratsam.
KLIMA UND REISEZEIT: Mediterranes Klima, in den Sommermonaten weit
über 30 Grad. Für die Erkundungstouren auf dem Land bieten sich eher
das Frühjahr sowie der Herbst mit Wein- und anderen Festen an.
SPRACHE: Italienisch, in Touristenorten auch Englisch und mit
etwas Glück Deutsch. Die Speisekarten sind meist mehrsprachig.
WÄHRUNG: In Italien wird mit Euro bezahlt. Das Zahlen mit
Kreditkarten ist vielerorts in Hotels und Geschäften möglich.
INFORMATIONEN: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Neue
Mainzer Strasse 26, 60311 Frankfurt (Tel.: 069/23 74 34).
INTERNET: Link: www.enit-italia.de.
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