Düssedorf (dpa) - 17. September 2008
Comeback für Sauerbraten und Ochsenschwanzsuppe - Hausmannskost ist wieder "in"
Ein Drittel der rund 30 000 konzessionierten Gaststätten im Land
hat über viele Jahre international gekocht: «Indonesische Reisgerichte, Spaghetti, Schwedenplatte - alles
durcheinander...» Jetzt fragen Gäste vermehrt nach Sauerbraten, Schweinsbäckle und Ochsenschwanzragout. Und die Branche
wird immer kreativer bei der Produktion von Spezialitäten wie
Hagebutten-Sherry und «schwäbischem Kir» aus heimischem Obst.
Dahinter steckt laut Experten eine Sehnsucht nach vertrauten
Werten und Geborgenheit. «Ich habe nichts gegen Parmaschinken!»,
ereifert sich Peter Schmid. Aber ach, der eigene luftgetrocknete
Schinken aus dem Ländle, die heimischen Obstbrände und Weine...- und
der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga)
Baden-Württemberg kommt ins Schwärmen über die Fülle regionaler
Spezialitäten. So wie ihm geht es heute immer mehr Menschen: «Wir
beobachten einen klaren Trend zur regionalen Küche», sagt Schmid. In unserem schnelllebigen Geschäftsalltag
habe in der Mittagspause niemand mehr Zeit, wie früher in eine
Gaststätte einzukehren, sagt Schmid. «Jeder geht dorthin, wo er was
in die Hand und in den Becher bekommt.» Zum Bäcker, zur Tankstelle,
zum Supermarkt. Die Restaurantbetreiber seien da gezwungen
mitzuhalten.
Deshalb bieten Gaststätten und Konditoreien immer öfter flexible
Gerichte zum Mitnehmen an - und das zu jeder Tageszeit. «Es ist ein
alter Zopf, dass die Küche nur von elf bis zwei geöffnet hat», sagt
Schmid. Auch viele Konditoreien haben nun neben Sahnetorten auch
Salate und herzhafte Snacks auf der Karte.
Das allein reicht allerdings nicht, um die heimische
Konditorbranche über Wasser zu halten. Hohe Mieten in den
Innenstädten und Cafébars wie Starbucks und Balzac, «die wie Pilze
aus dem Boden schießen», haben seit Ende der 90er jährlich rund
fünf Prozent der Konditoren zum Aufgeben gezwungen, sagt Robert
Widmann von der Landesinnung der Konditoren in Baden-Württemberg.
Die rund 3000 Handwerksbetriebe, die übrig geblieben sind, setzen
jetzt - genau wie viele Gastwirte - auf heimische Produkte. «Wir
haben den Schokoladenmarkt zurückgewonnen und auch Eis stellen
Konditoren wieder selbst her», sagt Widmann. In den 70er Jahren
hätten Großunternehmen wie Mövenpick und Schöller die Produkte aus
den heimischen Süßwarenwerkstätten verdrängt. Nun aber seien frische
Pralinés und selbstgemachte Eiskreationen wieder gefragt.
Selbst die Sahnetorte erlebt eine Renaissance. «Wir haben es mit
Müsli und Vollkorn versucht, aber das waren keine Renner. Wer in eine
Konditorei geht, der will schlemmen», sagt Widmann. Lediglich
abgespeckt habe man den Klassiker: Torten auf Joghurtbasis und mit
Mousse aus frischen Früchten hätten die alten Kalorienbomben ersetzt.
Eine tiefe Sehnsucht nach der Vergangenheit beobachtet auch Willy
Faber, Initiator des Wettbewerbs «Restaurantwelten der Zukunft».
Studenten der Fachhochschule Salzburg haben für den Wettbewerb
Modelle entworfen, die ebenso fantastisch wie bodenständig sind.
Unter den Preisträgern finden sich etwa ein Restaurant in Form einer
riesigen Seerose und ein «grüner Globus», eine über einem See
schwebende Glaskugel inklusive Dschungellandschaft.
Ruhe statt Reizüberflutung. Rückzug statt Fortschritt. «In der
Sehnsucht der jungen Leute nach der Natur steckt eine unglaubliche
Kraft», sagt Faber. «Wer das in der Industrie verschläft, der wird
ein großes Problem bekommen.»
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