Berlin/Ingelheim (dpa) - 22. September 2008
In Berlin beginnt Weinlese - Teil der Weinreben stammt aus Ingelheim
Nicht nur an Rhein, Main und Mosel,
sondern auch auf kommunalen Rebäckern in Berlin kommt die Weinlese in
Gang. An diesem Montag werden dort Trauben am Stadion Wilmersdorf
eingebracht, wie Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD)
ankündigte. Gut eine Woche später beginnt voraussichtlich die Ernte
am bekanntesten Berliner Weinberg, dem Kreuzberg. Hier stammen die
Rebstöcke aus Ingelheim bei Mainz und aus Wiesbaden. Auf den 10.
Oktober ist der Lesetermin für den Humboldthain in Wedding
festgesetzt, wo Trauben auf ihre Versektung warten.
Der Rheingau-Winzer Wilhelm Nikolai aus dem hessischen Erbach am
Rhein gegenüber von Ingelheim erwartet einen guten Jahrgang in der
Hauptstadt - zumindest in Wilmersdorf, wo er sich in diesem Jahr um
die Ernte kümmert. «Es hat hier weniger geregnet als bei uns im
Rheingau. Die Qualität der Berliner Trauben ist sehr gut, jedenfalls
haben sie im Schnitt nicht weniger Oechsle (Zuckergehalt) als bei
uns», sagt Nikolai. Der Ernteertrag aus Wilmersdorf wird jedes Jahr
in den Rheingau gefahren und von dortigen Winzern gekeltert,
ausgebaut und abgefüllt.
Der Wilmersdorfer Rebacker wurde 1984 an den Tribünenhängen des
Stadions angelegt, auf mit Sand bedeckten alten Schutthalden. Winzer
aus dem hessischen Partnerkreis Rheingau-Taunus hatten dem Bezirk
seinerzeit 200 Rebstöcke geschenkt. Seither wurden jeden Herbst
durchschnittlich 250 Kilogramm Trauben der Sorten Riesling und
Ehrenfelser - eine Neuzüchtung aus Riesling und Silvaner - von den
Stöcken geholt. Das reichte für etwa 320 Halbliter-Flaschen. «Bei
Versteigerungen erzielte eine Flasche "Wilmersdorfer Rheingauperle"
schon Spitzenpreise über 50 Euro», erläutert Thiemen.
Auch die anderen Bezirke verlassen sich bei der Wein- und
Sektbereitung auf die Hilfe von Winzerprofis. Das Bezirksamt
Friedrichshain-Kreuzberg schickt sein Lesegut, das in der Regel gut
600 Flaschen roten und weißen «Kreuz-Neroberger» hergibt, zum Keltern
nach Ingelheim. Die Trauben vom Humboldthain, wo die Gärtner des
Grünflächenamtes Mitte rund 200 Stöcke Grauburgunder, Pinot Blanc,
Roten Malvasier und Perle von Czaba ziehen, kommen sofort nach der
Lese zur Winzergenossenschaft Achkarren am Kaiserstuhl. Die Badener
machen aus den Trauben Sekt. In normalen Jahren füllen sie rund 200
Flaschen «Humboldthainer» ab. Die Genossenschaft hatte den Berlinern
in den 1980er Jahren ebenfalls Rebstöcke geschenkt.
Um die Pflege der Weinstöcke am Kreuzberg kümmert sich neuerdings
der Weinjournalist Till Ehrlich. Der Vertrag mit der Kreuzberger
Firma Hofgrün, die sich lange Jahre um Riesling, Kerner und Müller-
Thurgau sowie die roten Sorten Blauer Portugieser, Dornfelder und
Spätburgunder auf dem Hang gekümmert hatte, wurde vom Bezirksamt im
letzten Frühjahr nicht verlängert.
Im Handel sind die Berliner Weine nicht zu kaufen. Zumeist knallen
die Korken, wenn die Flaschen an Jubilare oder Gäste der Bezirke
verschenkt werden. Gegen eine Spende ist die eine oder andere Flasche
aber auch in den Rathäusern zu haben - solange der Vorrat reicht.
Kreuzberg, Humboldthain und Stadion Wilmersdorf sind die
bekanntesten Berliner Weinberge, aber es sind nicht die einzigen. So
gibt es bereits seit 1973 in Neukölln ein Schulprojekt Weinbau. Hier
beackern Schüler der Carl-Legien-Oberschule 400 Rebstöcke. Am
Südosthang des Wasserturmplatzes in Prenzlauer Berg sind erst vor
drei Jahren Weinstöcke gepflanzt worden.
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