Paris (dpa) - 25. September 2008
«Gute Ernte» auf Montmartre - Weinlese im Herzen von Paris
Wenige Schritte unterhalb der Pariser Basilika
Sacré-Coeur drängen sich etwa ein Dutzend Erntehelfer zwischen
Weinreben. Mit Gartenscheren kappen sie die violetten Trauben von den
Weinstöcken und werfen sie in ihre Weidenkörbe. Michel Colon hat sich
für die Weinernte am Montmartre fein gemacht, er trägt einen
schwarzen Anzug und einen breitkrempigen Hut, die Tracht des
Traditionsvereins «Compagnons de Montmartre». «Der Wein ist ganz eng
mit der Geschichte von Montmartre verbunden», sagt der freiwillige
Erntehelfer. Wo heute die Stadt Paris Wein produziert, kelterten im
Mittelalter bereits die Äbtissinnen von Montmartre.
Lustig soll es dort zugegangen sein, bevor der Hügel 1860 Teil der
Hauptstadt wurde. Weil die Einfuhr von Wein nach Paris strengen
Auflagen unterlag, entwickelte sich der Weinort Montmartre vor den
Toren der Stadt zum Ausgehdorf. Wer vom Montmartre-Wein trinkt,
springt wie ein Ziegenbock, lautet eine Redensart aus der Zeit.
Später zog Montmartre zahlreiche Künstler an, unter ihnen auch
Toulouse-Lautrec, der den Montmartre-Wein gerne in Gesellschaft der
Tänzerinnen des Kabaretts «Moulin Rouge» trank.
«Die Lese ist der Höhepunkt eines ganzen Jahres harter Arbeit»,
stöhnt Chefgärtnerin Irène Henriques. «Die Reben sind wuchernde
Lianen, die ständig beschnitten werden müssen», erklärt sie. Die
Gärtner behandeln die knapp 1800 Reben gegen Mehltau und Pilze nur
mit natürlichen Substanzen wie Kupfer und Schwefel. Auf dem Weinberg
von Montmartre wachsen 27 verschiedene Rebsorten, vor allem Gamay und
Pinot Noir. Er gehört zu den zwölf von der Stadt bewirtschafteten
Weinbergen, die von den städtischen Gärtnern gepflegt werden.
Am Maschendrahtzaun, der die Reben von den steilen Gassen des
Viertels trennt, beobachten erstaunte Touristen die Weinlese an dem
sonnigen Septembermorgen. Fast 1200 Kilogramm rote Trauben bringt der
Kleintransporter schließlich zur Kellerei im Rathaus des 18. Pariser
Arrondissements. «Eine gute Ernte», meint Henriques, nachdem alle
Körbe einzeln gewogen wurden.
Das Kellergewölbe ist das Reich des Önologen Francis Gourdin. Seit
Jahren betreut er den Weinberg vom Ausarbeiten des Düngeplans bis zum
Binden der Rebstöcke. «Ich möchte einen genießbaren Wein herstellen,
der den Namen Montmartre verdient», sagt er. Die Lage am Nordhang
erschwert dem Weinexperten die Arbeit noch mehr als die
Luftverschmutzung über der Hauptstadt. «Ich muss sehr gewissenhaft
arbeiten», erklärt Gourdin. Schließlich sei die Ernte so gering, dass
er sich keine Experimente erlauben dürfe. Im vergangenen Jahr betrug
die Ausbeute 760 Liter. Vor vier Jahren hatte ein Hagelschauer die
Ernte am Montmartre vollständig zerstört.
In den vergangenen Jahren hat sich die Qualität des Montmartre-
Weins deutlich verbessert. «Es ist ein hübscher kleiner Tafelwein»,
meint Gourdin. «Der Wein schmeckt anfangs säuerlich, aber dann
entwickelt er das Aroma roter Früchte», erläutert er. Die Teilnehmer
einer Weinprobe in einer berankten Laube inmitten der Reben sind
nicht alle begeistert. «Diesen Fusel würde ich nur jemandem schenken,
dem ich Schlechtes wünsche», meint der französische Hobbywinzer Garry
Robert.
Doch bei Sammlern und Touristen ist der Wein durchaus beliebt. Die
Halbliterflasche «Clos de Montmartre» kostet immerhin 40 Euro. Die
Stadt finanziert damit Aktivitäten für Kinder. Der 2007er Jahrgang
ist längst ausverkauft. Wer probieren mag, muss sich gedulden, bis
Winzer Gourdin im Frühjahr den 2008er Jahrgang abgefüllt hat.
|