Rom/Prato (dpa) - 01. Oktober 2008
Der Siegeszug der Cantucci - 150 Jahre «Mandelkeks im Süßwein»
Eine laue Sommernacht, ein Dinner mit viel Pane
und Pasta unter dem funkelnden Sternenhimmel und zum Abschluss: Vin
Santo und Cantucci. Das ist ein Stück italienischer Lebensart. Wenn
die herzhaften Mandel-Kekse in den Süßwein getunkt werden und sich
mit dessen weichem Geschmack mischen, geht Feinschmeckern in aller
Welt das Herz auf. Jetzt feiern die Cantucci aus der toskanischen
Stadt Prato ihren 150. Geburtstag - und zwei Tage lang wird sich im
ganzen Ort alles um das köstliche Süßgebäck drehen.
Es war der 29. September 1858, als der Bäckermeister Antonio
Mattei in der Via Ricasoli 22 das Rezept für die «Biscotti di Prato»
- so der Originalname - erfand. Von da an traten die harten Kekse
unaufhaltsam ihren Siegeszug um die Welt an. Die Plätzchen wurden
prompt mit Preisen überhäuft, so bereits 1861 bei der «Esposizione
Italiana» in Florenz und 1867 bei der Weltausstellung in Paris. Und
Hermann Hesse schwärmte Anfang des 20. Jahrhunderts bei einer
Italienreise in einem Brief: «Dieses Gebäck bringt mich nach einem
traurigen Tag in eine fröhliche Stimmung.»
Doch nicht nur bei feinsinnigen Dichtern erfreuen sich die
Cantucci großer Beliebtheit, sondern auch bei hartgesottenen
Politikern: Bill Clinton und der frühere italienische Staatspräsident
Carlo Azeglio Ciampi sollen zu den erklärten Anhängern gehören. Papst
Benedikt XVI. bekommt Berichten zufolge sogar einmal im Jahr von
einer Delegation aus Prato einen Vorrat geschenkt, während
Modeschöpfer Giorgio Armani die knusprige Delikatesse den Gästen
seines Mailänder Show Rooms vorsetzt.
Das Geheimnis der Cantucci - die auch liebevoll «Cantuccini»
genannt werden, wobei niemand mehr so genau weiß, woher diese Namen
eigentlich kommen - liegt in der einzigartigen Zubereitung: Wie
Zwieback werden die Plätzchen zweimal gebacken. Zunächst wird der
Teig wie ein kleiner Brotlaib geformt und ein erstes Mal in den Ofen
geschoben. Ihre Haltbarkeit von drei Monaten erhält die Spezialität
dann, indem sie von Hand in Scheiben geschnitten und ein zweites Mal
gebacken wird. Die Zutaten sind dabei äußerst simpel: Mandeln,
Pinienkerne, Zucker, Eier, Mehl und ein Hauch von Zitronenschale.
«Ich finde die Biscotti aus Prato einfach himmlisch, gerade weil
sie hart sind und sowohl in Kaffee als auch in Süßwein gestippt
hervorragend schmecken», sagt eine deutsche Cantucci-Liebhaberin.
Tatsächlich passen die Mandel-Scheibchen nicht nur zu Vin Santo,
sondern auch zu anderen Süßweinen wie dem Passito di Pantelleria oder
dem Moscato.
Bereits seit 1908 wird die Backstube in der Via Ricasoli von der
Familie Pandolfini geleitet, die das Traditionsunternehmen nun
bereits in dritter Generation führt. Der Name «Biscottificio Antonio
Mattei» ist zu Ehren des Erfinders jedoch erhalten geblieben. Berühmt
ist auch die himmelblaue Originalverpackung der Keksfabrik. Die Marke
steht für pure Qualität: Sorgfältig wählt die Firma ihre Kunden aus
und verkauft ihre Ware dabei nicht an jeden x-beliebigen Laden. Neben
den Verkaufsstellen in Italien finden sich die Original-Cantucci
unter anderem in größeren Städten in Deutschland, Frankreich,
Österreich und der Schweiz ebenso wie in exklusiven
Gastronomie-Tempeln in New York und Tokio.
Der Erfolg gibt dem Unternehmenskonzept recht: «Allein zwischen
2006 und 2007 ist unser Export um 15 Prozent gestiegen», erklärte
Francesco Pandolfini, einer der vier Brüder, die die Firma heute
leiten. Bäckermeister Mattei hatte den Erfolg vorhergesehen und nicht
umsonst seinem Sohn Emilio ein «spirituelles Testament» hinterlassen,
mit dem ausdrücklichen Wunsch, dass «das Rezept seiner geliebten
Kreaturen unverändert bleiben muss».
|