Würzburg (dpa) - 02. Oktober 2008
Holzfass ade: Fränkische Winzer experimentieren mit «Betoneiern»
Bei der Lagerung des Weins zeigen sich einige
fränkische Winzer heuer besonders experimentierfreudig und mutig.
Nicht nur in Holzfässern und Edelstahlbehältern, sondern auch in
tonnenschweren Beton-Gefäßen soll der beliebte Silvaner bis zum
kommenden Jahr ruhen - zumindest der von den Hängen der beiden Winzer
Ludwig Knoll aus Würzburg und Rainer Sauer aus Escherndorf an der
Mainschleife. Erstmals in Deutschland werden sie Weißwein in
unausgekleideten, eiförmigen Betonbehältern vergären lassen. Ziel
seien intensivere Aromen, sagen sie. Ein Ei bringt gut 1,8 Tonnen auf
die Waage und hat ein Fassungsvermögen von etwa 900 Litern.
«Durch den Beton gelangt Sauerstoff an den Wein, was zu einer
besseren Reifung führt», erläutert der Önologe Hermann Mengler. Als
Fachberater für Kellerwirtschaft- und technik des Bezirks
Unterfranken hat er zuvor den Anstoß für die innovative Lagertechnik
gegeben, die seinen Worten nach zum ersten Mal in Deutschland
angewandt wird. Sauerstoff durchdringe zwar auch Holzfässer, jedoch
bleibe so oft der unliebsame Holzgeschmack erhalten. In den
Edelstahlbehältern wiederum sei relativ wenig Reifung möglich. Die
neutralen «Betoneier» dagegen sind Mengler zufolge für die
Mikrooxidation (Sauerstoffzugabe) auch wegen der Eiform, die überall
einen gleichmäßigen Sauerstoffeinfluss ermöglicht, besser geeignet.
Die Idee für die ungewöhnliche Weinlagerung stammt aus Frankreich.
Dort und in Spanien sind die «Betoneier» schon jetzt weit verbreitet
- allerdings nur bei der Rotweinproduktion. «Mir ist keine Lagerung
von Weißwein in solchen Behältern bekannt», sagt Mengler, der in der
internationalen Weinszene vor zwei Jahren auf die sonderbaren Gefäße
aufmerksam wurde. «Es ist eben ein Experiment.»
Wie riskant dieses Experiment für die Qualität des Weißweins ist,
weiß niemand so genau. Auch Experten der Bayerischen Landesanstalt
für Weinbau und Gartenbau (LWG) aus Veitshöchheim nahe Würzburg, die
die Lagerung ebenfalls testen, haben so ihre Zweifel. «Ich bin extrem
skeptisch, dass durch die dicke Betonschicht genügend Sauerstoff
dringen kann», sagt LWG-Önologe Hans Jürgen Köhler. Für
aussagekräftige Vergleiche lagert die LWG deshalb den aktuellen
Jahrgang in den «Betoneiern» und parallel auch in Glas-, Kunststoff-
und Edelstahlbehältern. «Gerade weil der Beton unbehandelt ist,
könnte es sein, dass die Weinsäure das Material angreift und es
dadurch zu vermehrter Kalziumaufnahme des Weins kommt», warnt Köhler.
Um dem vorzubeugen, wollen die Weinbauern Knoll und Sauer ihre je
3000 Euro teure Investition zunächst mit einer Weinsäurepaste
behandeln, bevor sie mit der Lagerung beginnen. Skeptisch sind sie
nicht: «Es ist halt ein Abenteuer», sagt Sauer, und Knoll fügt hinzu:
«Je länger ich mich mit der Technik befasse, umso begeisterter bin
ich.»
Ob der Wein genießbar ist oder nach Zement schmeckt, wird sich
frühestens im Sommer 2009 zeigen. Aber selbst wenn Verkoster
begeistert sind - eine flächendeckende Verbreitung der
außergewöhnlichen Lagergefäße schließt Weinfachmann Mengler aus: «Es
geht nicht darum, die weit verbreiteten Edelstahlbehälter zu
ersetzen.» Die Lagerung in den «Betoneiern» diene ausschließlich der
Verbesserung ausgewählter Spitzenweine. So soll etwa deren
Langlebigkeit durch die Sauerstoffzufuhr gesteigert werden.
Sollte der Silvaner beim Geschmackstest im kommenden Jahr ein
nachweisbar fruchtigeres und intensiveres Aroma entwickelt haben,
wollen die Weinbauern ihren Testwein auch etwas teurer verkaufen.
Mengler warnt jedoch vor überzogenen Erwartungen: «Zunächst müssen
wir sehen, was überhaupt aus dem Ei schlüpft.»
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