Weingarten (dpa) - 08. Oktober 2008
Ortlieber und Honigler - Pfälzer Winzer baut bedrohte Rebsorten an
Weingarten (dpa/lrs) - Äußerlich unterscheidet sich der kleine
Weinberg am Rande der pfälzischen Gemeinde Weingarten nicht groß von
anderen. In Reih und Glied stehen hier die Rebstöcke, die Trauben hat
Andreas Schäffer in diesem Jahr bereits geerntet. Nur Experten
könnten wohl erkennen, dass hier etwas ganz Besonderes wächst. Der
Weinbautechniker Schäffer baut Rebsorten an, von denen einige - wie
etwa der Ortlieber oder der Honigler - in Deutschland vom Aussterben
bedroht sind. Dem 25-Jährigen geht es nicht nur darum, die Sorten zu
erhalten. «Vielleicht zeigt sich auch, dass die eine oder andere
Rebsorte unter veränderten klimatischen Bedingungen in Deutschland
doch eine Zukunft hat.»
Entdeckt wurden die 30 Rebsorten vor einigen Jahren in alten
Weinbergen in Heidelberg. Bis zu 200 Jahre alt sollen einige der
Rebstöcke sein, die dort gefunden wurden. Der Rebsortenexperte
Andreas Jung hat sie damals untersucht und identifiziert. Sein Fazit:
«Wenn wir diese seltenen Sorten nicht erhalten, dann werden sie in
wenigen Jahren verschwunden sein.»
So wurden die Rebsorten in einer Rebschule veredelt - seit dem
vergangenen Jahr sind sie im Praxistest auf dem Schlossberg in
Weingarten. Für einige Sorten musste Schäffer, der aus einer
Winzerfamilie stammt, eine spezielle Anbaugenehmigung einholen, weil
sie derzeit zum Anbau bei uns gar nicht zugelassen sind. Von manchen
Rebsorten hat Schäffer gerade mal ein oder zwei Rebstöcke.
Dass Rebsorten wie Blauer Kracher, Putzscheere oder Blank Blau bei
uns weitgehend in Vergessenheit geraten sind, hat nach Angaben
Schäffers verschiedene Gründe. «Einige von ihnen sind relativ
anfällig gegen Pilzkrankheiten», erzählt der 25-Jährige. Andere
hätten stark schwankende Erträge geliefert oder neigten zu Fäulnis.
So hatte der Raritäten-Liebhaber dieses Jahr mit seinen blauen
Rebsorten kein Glück - und keinen Ertrag. Andere Sorten wie etwa der
Ortlieber überraschten ihn dagegen positiv. «Die Sorte kommt mit
ihren großen Beeren relativ gut mit Trockenheit zurecht.»
Dass manche der Rebsorten sehr viel Arbeit machen, hat der 25-
Jährige längst gemerkt. «Den größten Teil meiner Freizeit habe ich
auf dem Weinberg verbracht.» Der ist zwar mit 27 Ar (2700
Quadratmeter) recht klein, kann aber kaum mit Maschinen bearbeitet
werden. Außerdem bewirtschaftet Schäffer den Berg nach streng
ökologischen Regeln. Meist ist der Weinbautechniker am Wochenende
oder abends auf seinem Weinberg zu finden. Tagsüber arbeitet er ganz
regulär in einem Weingut.
Im vergangenen Jahr hat Schäffer das Projekt gestartet, diesen
Herbst hat er bereits rund 80 Kilogramm Trauben geerntet, das könnten
rund 50 Liter Wein geben. «Für das nächste Jahr habe ich mir 500 Kilo
zum Ziel gesetzt», sagt der junge Mann, dem man die Begeisterung für
sein Projekt anmerkt. Ausgebaut wird der Wein im
Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Neustadt.
Das erste Zugriffsrecht auf den fertigen Wein haben die Rebpaten
von Schäffers Projekt. Für 86 bis 105 Euro im Jahr kann man die
Patenschaft für vier oder fünf Rebstöcke auf dem ungewöhnlichen
Weinberg übernehmen - dafür gibt es dann sechs Flaschen Wein von den
«eigenen» Trauben. Als erster hat der Germersheimer Landrat Fritz
Brechtel (CDU) eine solche Patenschaft übernommen. Mit seinen Plänen
für den Weinberg hatte Schäffer bei Brechtel offene Türen eingerannt.
Und der 25-Jährige hat noch Einiges vor: Unter anderem möchte er den
Weinberg so präsentieren, dass er ein Anziehungspunkt für Touristen
wird.
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