Aythaya/Birma (dpa) - 16. Oktober 2008
Von Bernkastel nach Birma: Winzer bringt Mosel-Hauch in die Tropen
Es liegt ein Hauch von «Mosel» in der Luft,
nicht nur in dem aufsteigenden Morgennebel, der den Blick auf akkurat
bepflanzte Weinberge freigibt. Auch die Mundart des gebürtigen
Trierer Winzers Hans-Eduard Leiendecker, der prüfend durch die Reihen
der Rebpflanzen schreitet, trägt dazu bei. Erst als die Mönche in
ihren safranroten Roben des Weges kommen, wird klar, dass dies nicht
Bernkastel, sondern Birma ist. Willkommen im - deutschen -
Weinanbaugebiet des asiatischen Tropenstaates.
Aythaya Vineyards ist das «Baby» von Bert Morsbach, der vor Jahren
im benachbarten Thailand Surfbretter bauen ließ und in Asien hängen
geblieben ist. Vor fast zehn Jahren pachtete er das Land auf 1300
Metern Höhe am Inle-See rund zwei Flugstunden nördlich der Hafenstadt
Rangun. Er experimentierte ein paar Jahre mit importierten Rebstöcken
und immer mal wieder eingeflogenen Weinfachleuten aus Deutschland.
Seit zwei Jahren führt der in Bernkastel mehrfach ausgezeichnete
Leiendecker den Betrieb. Er lässt heute rund 100 000 Flaschen im Jahr
abfüllen. Die 2007 «Sauvignon Blanc»-Spätlese gilt als Durchbruch.
«Ein Wein, der den Vergleich mit guten Jahrgängen aus Europa, Chile
oder Australien nicht scheuen muss», sagt Leiendecker. Die
erstklassigen Hotels im Land haben den Aythaya-Wein im Sortiment.
Leiendecker lebt auf dem Weingut mit Restaurant. Die Terrasse mit
Blick in die Weinberge wird gerade ausgebaut. «Wir brauchen mehr
Platz für Hochzeiten und Firmenfeiern», sagt Leiendecker. Mehr Stühle
müssen her und Geschirr. «Bei chinesischen Hochzeiten braucht man
viele, viele Schälchen und einen Kellner für drei Tische. Bei
birmanischen kann einer sieben Tische bedienen», sagt Leiendecker. Er
lacht herzhaft. «Ich hätte mir vor zwei Jahren nicht träumen lassen,
dass ich mir mal Gedanken über die Unterschiede zwischen chinesischen
und birmanischen Hochzeiten machen würde.»
Das Weingut muss den heimischen Markt beackern, weil die Touristen
ausbleiben. Der niedergeschlagene Mönchsaufstand im vergangenen Jahr
und der verheerende Zyklon Nargis haben Besucher abgeschreckt. «Die
Leute meinen, das ganze Land sei verwüstet», sagt Leiendecker
genervt. Das Irrawaddy-Delta an der Küste wurde zwar zerstört, doch
blieb der Großteil des Landes verschont. Das Weingut liegt nicht weit
vom Inle-See, der mit seinen Dörfern und Hotels auf Stelzen früher
tausende Touristen anzog. Heute sind viele Hotels geschlossen.
Leiendecker lässt heute vermehrt den lieblichen Rotwein »Kanbosa»
abfüllen, vergleichbar mit dem in Deutschland populären «Edlen von
Mornag» aus Tunesien, wie er sagt. «Man muss die Einheimischen
erstmal langsam an den Wein heranführen», sagt er. Auf zwei Schemeln
sitzen junge Frauen mit einer Holzschablone vor den Flaschen, um das
Etikett punktgenau aufzukleben. «Alles Handarbeit hier», sagt
Leiendecker. Der Betrieb beschäftigt inzwischen etwa 60 Leute.
Der Winzer baut vor allem Chiraz und Sauvignon an. Im Oktober ist
Rebschnitt, im April Ernte. Weil die Böden nicht so fruchtbar sind
wie zu Hause und die Trauben in der Regenzeit zwischen Mai und
Oktober nicht genügend Licht bekommen, ist der Ertrag geringer. «In
Deutschland gibt es pro Hektar 10 000 bis 12 000 Liter, hier
vielleicht 3000», sagt Leiendecker.
Morsbach hat eine Reihe deutscher Investoren für sein
Weinbauprojekt zusammengebracht. Die Frage, ob unter einem
Militärregime überhaupt investiert werden soll, hört er oft. «Aber
wir sind doch nicht wegen, sondern trotz des Regimes hier», sagt er.
Morsbach ist beeindruckt von den Menschen und meint, Sanktionen und
Fernbleiben spiele den Militärherrschern nur in die Hände, weil die
Bevölkerung dann abgeschottet wird. Leiendecker denkt auch so. Er
fühlt sich wohl und will bleiben. «Es ist wie Pionierarbeit, und man
muss sich um alles kümmern», sagt er. Er baut gerade Ferienbungalows
auf dem Grundstück, für Golfer und Wanderer zum Beispiel. Das
einzige, was ihm fehlt: Käse.
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