Sils Maria/Raron (dpa) - 21. Oktober 2008
Gipfel der Dichtkunst - Auf Rilkes Spuren in der Schweiz
Der Lyriker Rainer Maria Rilke reiste
rastlos umher. Für seine letzten sieben Lebensjahre wurde die Schweiz
seine Wahlheimat. Vom Ersten Weltkrieg geschockt und literarisch wie
gelähmt ging er 1919 auf eine Lesereise in das Alpenland und blieb
viel länger als gedacht. «Ich bin täglich dankbar, noch in der
Schweiz zu sein», schrieb er 1920 in einem Brief. Seinen Spuren
können Urlauber heute gleich in mehreren Kantonen folgen.
Am Anfang seiner Schweizer Jahre war Rilke vor allem in
Graubünden, in Sils Maria zum Beispiel, einem ursprünglichen Bergort
nahe Sankt Moritz. Seit langem zieht er Künstler und Literaten
magisch an. Doch nicht im legendären «Hotel Waldhaus», wo Thomas Mann
und Hermann Hesse weilten, hat Rilke übernachtet. «Vermutlich haben
das seine finanziellen Möglichkeiten nicht zugelassen», sagt Urs
Kienberger, einer der Besitzer des 100 Jahre alten Traditionshotels.
Gefallen hätte es Rilke sicherlich schon, in der riesigen Hotelhalle
seinen Tee zu nehmen oder sich in das Lesezimmer zurückzuziehen.
«Rilke ist hier immer ein Thema», versichert Kathrin Gerber von
der Biblioteca Engiadinaisa. Im Lesesaal der gut bestückten
Bibliothek mit unverbautem Blick auf den Silser See stehen viele
Rilkebände im Regal. «Rilke stand im Briefkontakt mit Anita Forrer,
der Stifterin der Bibliothek», erklärt die Bibliothekarin und zeigt
auf eine ausgestellte handgeschriebene Widmung Rilkes. Anita Forrer
hatte als 18-Jährige den Dichter bei einer Lesung erlebt und ihm
begeistert geschrieben: «Sie haben eine Sprache, die in unserem
Innern tönt und lebt.»
Glücklich war Rilke im Bergdorf Soglio auf 1050 Metern über dem
Meeresspiegel im Bergell, einem Graubündner Tal nahe der Grenze zu
Italien. Zwei Monate wohnte er im Palazzo Salis. Der Herrensitz aus
dem 17. Jahrhundert des Adelsgeschlechts von Salis wird schon seit
1876 als Gasthaus genutzt. «Ich bin der Verführung dieses Hauses ganz
und gar erlegen», notierte Rilke. «Geschlafen hat er in Zimmer 23»,
sagt Monica Cicognani, die Managerin des historischen Hotels. Das
Gästezimmer sieht fast noch genauso aus wie damals, als Rilke es
einer Brieffreundin beschreibt als «holzgetäfeltes Gemach, in dem es
ein Bett mit gedrehten Säulen gibt, einen uralten grünen Ofen,
Barockspiegel und -tische.»
Der Dichter spazierte hier durch den größten zusammenhängenden
Esskastanienwald Europas. Er dinierte im großen Speisesaal unter
einem Gewölbe mit Deckenmalereien, wo auch heute die Gäste vor dem
offenen Kamin das Abendessen einnehmen. Er war entzückt vom barocken
Garten des Palazzos mit den beiden riesigen Sequoia-Mammutbäumen.
«Das ist mein Garten», heißt es bei ihm. Man mag ihn verstehen, beim
Anblick des grünen Kleinods.
Mitten im Wallis im Haupttal der Rhône, in Muzot, ging Rilkes
Traum vom Wohnen in einem Haus für sich allein in Erfüllung. Ein
wohlhabender Mäzen erwarb einen Wohnturm aus dem Mittelalter, etwa 30
Gehminuten von Sierre entfernt, um ihn dem Dichter zur Verfügung zu
stellen. Fünf Jahre lebte er dort ab 1921 in bewusster Einsamkeit,
literarisch höchst produktiv. Nun beendete er seine «Duineser
Elegien», die er einst im italienischen Duino begonnen und über Jahre
weiter bearbeitet hatte. Er verfasste den Gedichtszyklus «Sonette an
Orpheus», der als ein Höhepunkt seines Werks gilt.
In Muzot im französischsprachigen Teil des Wallis begann er, auch
auf Französisch zu dichten. Er feierte die Schönheit der Landschaft,
die er auf Spaziergängen, wie durch den nahe gelegenen Pfynwald,
genoss. Dieser Wald soll bald zum Naturschutzpark erklärt werden.
Heute ist das einst einsam in den Weinbergen gelegene Refugium von
Muzot von Häusern umgeben und offiziell nicht zu besichtigen. Doch
der Garten mit den Weinstöcken und den Rosen, die in Rilkes Gedichten
immer wieder auftauchen, wirkt unverändert.
Wie sein Arbeitszimmer aussah, können Besucher auf Fotografien im
Rilke-Museum in Sierre sehen. «Rilke arbeitete gerne im Stehen am
Schreibpult», erklärt der Museumsleiter Curdin Ebneter und zeigt auf
eine ausgestellte Kopie des Möbelstücks. Fotos, Manuskripte und
Briefe geben Einblick in das Künstlerleben. Doch seine Zeit in Muzot
war von schwerer Krankheit überschattet. Immer wieder musste er in
ein Sanatorium nach Val-Mont am Genfer See. Erst spät erkannten die
Ärzte, dass er an einer seltenen Form der Leukämie erkrankt war. Er
starb am 29. Dezember 1926.
In seinem Testament wünschte er sich, «auf dem hochgelegenen
Kirchhof neben der alten Kirche zu Rarogne zur Erde gebracht zu
sein». Schon von weitem ist die Burgkirche auf dem erhöhten Felsen in
Raron, wie der Ort auf Deutsch heißt, zu erkennen, 25 Kilometer von
seinem letzten Wohnort Muzot entfernt. Sein Grab ist längst ein
Touristenmagnet.
«Allerdings erst die Spende eines Mäzens bewirkte, dass die
Gemeinde zusicherte, Rilkes sterbliche Überreste für immer auf ihrem
Platz zu belassen», erzählt Alfred Kalbermatter, der Rilke-Führungen
für Touristen macht und dabei von ihm produzierten «Rilke-Wein»
anbietet. Der Weinbauer hört selbst im Weinberg über ein iPhone
Rilke-Gedichte. «Nur der Pfarrer weigerte sich, den fremden Dichter,
von dem man nicht sicher wusste, ob er denn tatsächlich katholisch
getauft sei, auf dem eigentlichen Friedhof zu bestatten», berichtet
der Walliser. Und so ruht der weltbekannte Lyriker abseits an der
Kirchenmauer, dafür aber mit Blick auf das Rhône-Tal.
Efeu und Rosen umranken das einfache Holzkreuz mit den Initialen
«R.M.R.». Auf der Steintafel ist Rilkes selbstverfasster Grabspruch
eingemeißelt, der die Besucher so fasziniert und doch soviel Rätsel
aufgibt: «Rose, oh reiner Widerspruch,/ Lust, /Niemandes Schlaf zu
sein /unter soviel/Lidern».
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