Böddiger Berg (dpa) - 22. Oktober 2008
Klimawandeltropfen: Wein von nördlichsten Hang Hessens immer besser
«Nein, ein Drei-Männer-Wein ist das
längst nicht mehr», sagt Klaus Stiegel und schaut wie ein stolzer
Vater auf die Trauben in seiner Hand. «Das wird ein richtig guter
Tropfen», hofft der Chef des Fördervereins «Böddiger Berg». Früher
brachte der nördlichste Weinberg Hessens zuweilen ein Ergebnis, dass
man höchstens als originell bezeichnen konnte: «Drei-Männer-Wein
hieß, dass zwei einen dritten festhalten mussten, damit der ihn
trinken konnte.» Doch mittlerweile, dem Klimawandel geschuldet, wird
kurz unter Kassel ein Wein produziert, der sich sehen - und schmecken
- lassen kann.
Als Georg Angersbach in den 1950er Jahren mit der Kultivierung
eines Weinberges an der Eder begann, erntete er neben Trauben Spott.
Zu weit nördlich sei Felsberg, da solle er lieber gleich einen
Vertrag mit einer Essigfabrik schließen. Hinzu kam, dass Angersbach
den Hang ökologisch bewirtschaftete, was die Skepsis noch verstärkte.
Sogar Prozesse wurden um den Wingert geführt, doch Angersbach setzte
sich durch. Nach seinem Tod machte sein Sohn Karl weiter, und seit
1990 wird von einem gemeinnützigen Verein am Böddiger Berg regelmäßig
Wein gelesen.
«Der Hang ist zu klein, um ihn mit Gewinn bewirtschaften zu
können. Aber für uns gehört es dazu, sich einmal im Jahr hier zu
treffen und miteinander die Trauben zu lesen», sagte Stiegel.
Probleme, genügend fleißige Hände zu finden, habe er nie. Dabei gibt
es für die eintägige Lese nur kräftige Verpflegung, zwei Flaschen
«Böddiger» und einen krummen Rücken. «Aber auch viel Spaß», sagt
Johann Krippner. Der Melsunger ist 76, aber seit Jahren dabei. «Ich
habe selbst ein paar Weinstöcke. Aber hier lockt mich die Stimmung.
Die Leute sind gut gelaunt, wir haben frische Luft. Was will man
mehr?» Eigentlich ist er Biertrinker. «Wein, naja, gern mal. Aber
deshalb macht man das hier ja nicht.»
Sandra Vonhof hat extra einen Tag Urlaub genommen, um von acht Uhr
an bei fiesem Nieselregen Weinreben abzuzwacken. «Da wir immer am
Nachmittag durch sind, kann man das schon mal machen», sagt die
Goldschmiedin. «Denn die Atmosphäre möchte ich nicht missen. Weil
jeder gern mitmacht, ist die Stimmung so gelöst und angenehm, dass
ich mich jedes Jahr darauf freue.» Wein trinke sie selten, aber gern
und mittlerweile auch den «Böddinger Berg». «Das saure Zeug ist
Geschichte. Und wenn es die eigenen Trauben sind, schmeckt der
Schluck nochmal so gut.»
Böddiger Berg hat mittlerweile alles, was ein Weinberg braucht -
und seit 2000 auch eine Weinkönigin. Sarah Schnitzerling ist es in
diesem Jahr, und als «Sarah I.» soll sie wie ihre Kolleginnen
repräsentieren. «Da kommt man in ganz Hessen und auch in anderen
Bundesländern rum», sagt die 19-Jährige. Zwar müsse sie immer
erklären, wo Böddiger Berg liegt. «Aber die Neugier der Leute ist
groß und dann wollen viele natürlich probieren, wie Wein aus der Nähe
von Kassel schmeckt.»
Durch den Klimawandel ist es auch in Nordhessen wärmer geworden.
«Der Sommer war ideal», sagt Stiegel. «Es war warm und feucht genug,
so dass die Trauben gut auswachsen konnten. Ende August war es mit
dem Wachstum vorbei, jeder Sonnenstrahl hieß dann mehr Fruchtzucker.»
Mit dem Refraktometer hat er gerade den Zuckergehalt festgestellt.
«80 Grad Oechsle. Perfekt. Früher waren wir für 70 dankbar.»
Die zehn Tonnen Trauben gehen jetzt zum Staatsweingut Eltville,
werden dort ausgebaut und auf gut 10 000 Rheingau-Flöten gezogen. Wer
eine Flasche will, wird wohl nach Nordhessen fahren müssen. Zwar
verschickt der Förderverein an einige treue Weinliebhaber in ganz
Deutschland. Das Gros - wenn man bei 10 000 Flaschen davon sprechen
kann - wird aber in der Region abgesetzt, sagt Stiegel: «Wir haben
die einzige Sparkasse Deutschlands, die Wein verkauft.»
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