Salt Lake City (dpa) - 04. November 2008
Der «beste Schnee der Welt»: Utahs Skigebiete sind ganz unbescheiden
«Greatest Snow on Earth» steht auf den
Autokennzeichen in Utah. Das klingt vermessen, lässt sich aber von
Experten aus dem US-amerikanischen Bundesstaat wissenschaftlich
belegen: Fast nirgendwo auf der Welt fällt so viel Pulverschnee wie
in den Wasatch Mountains des Wüstenstaats. Trockener als James Bonds
Martini rieseln die Schneeflocken auf die 13 Skigebiete rund um Salt
Lake City nieder und verwandeln die Region der Olympischen
Winterspiele 2002 in eine einzigartige Spielwiese für Wintersportler.
Nicht einmal ein Schneeball lässt sich aus dem «Powder» pressen -
ärgerlich für Kinder, aber ein Traum für Skiläufer. Auf ihrem langen
Weg über die Wüsten nach Park City, Alta oder Snowbasin verlieren die
Wolken viel Feuchtigkeit, den spärlichen Rest saugt der große Salzsee
heraus, der Salt Lake City den Namen gab. «Aber der Schnee ist nicht
nur trocken, er fällt mit bis zu durchschnittlich 13 Metern pro Jahr
auch mehr als üppig», erzählt Patti Denny von der Tourismusbehörde.
Dennoch wurde Utah als Reiseziel lange ignoriert: «Alle sprachen
doch nur von Kanada oder Colorado», sagt der Heliski-Führer Tyson
Bradley. Aber dann kam Olympia, und plötzlich sah die Welt, dass man
in Utah nicht nur Westernfilme drehen, sondern auch Skifahren kann.
Zehn Skigebiete sind nur eine Autostunde vom Flughafen Salt Lake
City entfernt. Keine andere Ski-Destination in Nordamerika bietet so
viel Abwechslung. New Yorker steigen frühmorgens ins Flugzeug und
wedeln mittags schon die Pisten hinab. Aus Europa ist die Anreise mit
mindestens 11,5 Stunden Flugzeit beschwerlicher - aber sie lohnt.
Skifahren in Utah ist anders als in Europa: Schier unendlich
ziehen sich Pisten wie die Arme einer Riesenkrake über die Ausläufer
der Rocky Mountains. Es gibt viel Platz, und der Service ist sehr
gut. Das gilt vor allem in Deer Valley, das von den Lesern des
US-Magazins «Ski» drei Jahre in Folge zum «besten Skigebiet
Nordamerikas» gewählt wurde. Die Pisten wirken so makellos wie ein
englischer Golfplatz. Und entsprechend sind die Umgangsformen:
Freundliche Herren tragen die Ski vom Parkplatz zum Lift, adrette
Damen empfehlen dort die «besten Abfahrten des Tages». Diese lassen
sich mit einem Guide dann gleich auf einer kostenlosen Tour erkunden.
Von sechs fast 3000 Meter hohen Bergen schlängeln sich unzählige
Pisten herunter. «Das Beste aber ist unser Tree-Skiing», strahlt der
Ski-Guide Tom Green: In den USA darf man quer durch Wälder fahren,
die dafür im Sommer extra von Unterholz und Büschen befreit werden.
In den hier bis an die Gipfel heranreichenden Wäldern ist man oft
allein unterwegs, aber auch auf den Pisten kommt kein Gedränge auf:
Bei 6500 Skifahrern am Berg macht Deer Valley dicht. Das Gebiet würde
mehr vertragen, aber schließlich soll jeder mittags bei Steaks und
Seafood in einer der feinen Hütten seinen Platz bekommen. Die Gäste
in Deer Valley warten nicht gern, und auch von Snowboardern sind sie
«not amused», weshalb die «junge wilde» Sportart hier verboten ist.
Die Boarder weichen deshalb nach Park City gleich nebenan aus.
Deer Valleys ungleiche Schwester ist lebendiger, jünger, fröhlicher
und - was in den USA eher selten ist - ein Skiort mit Geschichte.
Bunte Holzhäuser mit Saloons, Restaurants und Galerien säumen die
Main Street der alten Minenstadt. Als es mit den Silberminen bergab
ging, setzte Park City alles auf den Wintersport. Die Rechnung ging
auf: Seit Olympia 2002 boomt das mit insgesamt neun Talschüsseln am
weitesten verzweigte Skigebiet Utahs.
«Wir haben hier alles: Von sanften Familienabfahrten bis hin zu
echten Herausforderungen und dazu ein richtiges Kleinstadtleben»,
sagt der aus Kalifornien zugezogene Bill Benson. Seine
Lieblingspisten sind die «Double Black Diamond»-Abfahrten vom mehr
als 3000 Meter hohen Jupiter-Gipfel. «Double Black Diamonds» sind die
Steigerung der schwarzen Pisten in den Alpen. Wer die gekonnt
abreitet, erntet sogar Anerkennung von den Einheimischen.
Die zieht es immer öfter talabwärts in Utahs jüngstes Skigebiet,
«The Canyons». Dieses müssen sie sich allerdings mit Elchen teilen,
die schon mal stur eine der 155 Pisten blockieren. «Deshalb haben wir
extra eine "Elch-Patrol" eingeführt», erzählt Jonathan Bebe von der
Bergwacht. Die Elche seien mittlerweile eine Attraktion: Gerade
Europäer schätzten diesen Hauch von Wildnis, meint Bebe schmunzelnd.
Unten im Tal ist die Wildnis längst dem Olympia-Bauboom gewichen.
«Normale Familienhäuser kosten mittlerweile bis zu einer Million
Dollar», sagt Lon Kennard, der seit Jahrzehnten im weitläufigen Heber
Valley bei Soldier Hollow lebt, wo im Olympiajahr 2002 die nordischen
Wettbewerbe stattfanden. Nobel-Villen mit Spa, Golfanlage und Garagen
mit der Größe von Reihenhäusern gingen auch für 20 Millionen Dollar
(15,5 Millionen Euro) noch weg. Bei den Ferienapartments für die
Normalverdiener mache sich aber die Finanzkrise bemerkbar, beobachtet
Kennard. Die Not macht die Makler in Park City daher erfinderisch:
Wer zum Verkaufsgespräch kommt, bekommt einen Skipass geschenkt.
Das damit gesparte Geld ist man jedoch schnell wieder los. Zu groß
sind die Verlockungen: Wer Geschwindigkeit liebt, wagt sich als
Mitfahrer auf die Olympia-Bobbahn oder jagt an der «Strawberry
Marina» mit dem Snowmobile über zugefrorene Seen und durch tief
verschneite Wälder. Genießer zieht es ins legendäre «Prime
Steakhouse» in Park City oder ins Saloon-Restaurant «Spicy Lady» in
Heber City, wo der ehemalige Investmentbanker Jay Wurfbain aus den
Niederlanden seinem Aussteigerleben frönt und die anfangs skeptischen
Cowboys mit Spezialitäten aus der ganzen Welt begeistert.
Bei Jay gibt's auch Wein und Bier - im Mormonenstaat Utah keine
Selbstverständlichkeit. «Dass die Mormonen uns jeglichen Alkohol
verbieten, ist Quatsch», sagt Farmer Michael. Die Wirte umgehen das
Alkoholverbot wie ihre deutschen Kollegen das Rauchverbot. Kneipen
und Restaurants nennen sich «Club», und schon darf ausgeschenkt
werden, selbst im Schatten des imposanten Tempels in Salt Lake City.
Mit dem Ski-Zirkus können die Mormonen gut leben. Schließlich geht
es heute in Utah weitaus gesitteter zu als noch vor rund 80 Jahren.
Damals war der bei Salt Lake City gelegene Eisenbahnknotenpunkt Ogden
ein landesweit bekannter Sündenpfuhl. Rund um die «Central Station»
reihten sich die Spielhöllen und Bordelle aneinander. Schießereien
waren an der Tagesordnung, weshalb selbst Amerikas berühmtester
Gangster Al Capone meinte: «Diese Stadt ist mir zu wild!».
Heute ist Ogden ein nettes Städtchen auf dem Weg nach Snowbasin,
wo im Jahr 2002 die Abfahrtsrennen stattfanden. Breite Pisten auf den
spärlich bewaldeten Hängen locken mit rasanten Abfahrten, und den
Blick von der Bergstation der Strawberry-Express-Gondel über den
silbrig schimmernden Salzsee empfinden viele Gäste als atemberaubend.
Gleiches gilt für die gigantischen Hütten: Der Besitzer des
Skigebiets, Ölbaron Earl Holding, ließ wahre Paläste aus Naturstein,
Holz und Glas errichten. «Allein die Kronleuchter in der "John Paul
Lodge" sollen so viel gekostet haben wie die Personalkosten eines
Jahres», verrät Richard Koski, der wie so viele aus einem stressigen
Job an der US-Ostküste hierher in den tiefen Westen geflüchtet ist.
Für alle, die sich kein Privat-Skigebiet leisten können, gibt es
gleich um die Ecke das mit seiner Handvoll Liften bescheidene Powder
Mountain. Hier grüßt man einander noch auf der Piste und fühlt sich
wie zu Hause. Mit 5500 Hektar befahrbarer Fläche ist Powder Mountain
dabei fast doppelt so groß wie Park City, Deer Valley und «The
Canyons» zusammen. Und bei durchschnittlich 13 Meter Schneefall pro
Jahr wird hier auf jeglichen Kunstschnee verzichtet.
Im Schatten der Olympia-Orte gibt es in Utah noch mehr Skigebiete,
die in Europa noch fast unbekannt sind. Dazu zählen auch die direkt
nördlich an Salt Lake angrenzenden Resorts Alta, Snowbird und
Solitude. Hier sind die Einheimischen fast unter sich, um ihren
«American Way of Skiing» zu zelebrieren: entspannt, ohne Drängeln am
Lift und manchmal auch etwas skurril, wenn sie die Bäume mit BHs,
rosafarbenen Slips und bunten Kettchen schmücken. Skifahren in Utah
ist eben anders - nicht nur wegen des «besten Schnees der Welt».
INFO-KASTEN: Utah
REISEZIEL: Utah liegt im Südwesten der USA. Der Staat ist größer
als der gesamte Alpenraum, hat aber nur 2,5 Millionen Einwohner.
ANREISE UND FORMALITÄTEN: Salt Lake City wird von verschiedenen
US-Fluggesellschaften angeflogen, es gibt jedoch keine Nonstopflüge
aus Deutschland. Lufthansa und United Airlines fliegen zum Beispiel
über Chicago oder Denver, Continental mit Zwischenstopp in New York.
Es besteht keine Visumspflicht für Deutsche, wenn sie maximal 90 Tage
in den USA bleiben. Benötigt wird aber ein maschinenlesbarer
Reisepass. Im 12. Januar 2009 wird für USA-Reisende außerdem eine
Online-Reiseanmeldung unter Link: https://esta.cbp.dhs.gov verpflichtend.
KLIMA UND REISEZEIT: Die Skisaison in Utah dauert von November bis
Mai. Die beste Reisezeit ist von Ende Januar bis Ende März.
WÄHRUNG: Für einen Euro gibt es 1,25 US-Dollar (November 2008).
ZEITVERSCHIEBUNG: Zeit in Deutschland minus acht Stunden.
INFORMATIONEN: Utah Office of Tourism, c/o Get it Across
Marketing, Neumarkt 33, 50667 Köln (Tel.: 0221/233 64 06).
INTERNET: Link: www.visitutah.eu, Link: www.skiutah.com, Link: www.utah.travel.
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