Köln (dpa) - 10. November 2008
Wenn Kohlblätter strenge Regeln ersetzen: Tische fantasievoll decken
Eine Scheibe Brot als Teller oder eine Kuhle im
Tisch, aus der alle gemeinsam löffeln: Auch wenn das sogenannte
Fingerfood nach wie vor in ist - solche mittelalterlichen Tischsitten
gehören längst der Vergangenheit an. Nach Jahren mit Buffets und ohne
Sitzordnung wird derzeit die aufwendig gedeckte Tafel wiederentdeckt.
Statt Häppchen bekommen die Gäste mehrgängige Menüs serviert, bei
denen sich die Augen sattsehen sollen. Und manche Anregung aus dem
Mittelalter kann dabei sogar helfen.
Auslöser dieser neuen Tafelfreuden ist nach Ansicht von Experten
vor allem das Fernsehen. Auch wenn Ernährungsfachleute immer wieder
daran zweifeln, dass die Zuschauer von Kochshows auch selber zum
Kochlöffel greifen - in den Haushaltwaren- und Porzellan-Geschäften
ist ein gestiegenes kulinarisches Interesse zu spüren.
Sendungen wie «Das perfekte Dinner» lieferten Verbrauchern
Einblicke in andere Haushalte, erläutert Carl Reckers, Vorsitzender
des Bundesverbandes für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur
(GPK) in Köln. Dadurch würden sie sich nicht nur Gedanken darüber
machen, was sie kochen, wenn das nächste Mal Gäste kommen, sondern
auch, wie der Tisch gedeckt werden könnte.
«Es gibt immer mehr Leute, die stundenlang in der Küche stehen -
die möchten das Ergebnis dann auch ansprechend präsentieren», fasst
die Wohnexpertin Eva Barth-Gillhaus aus Meerbusch bei Düsseldorf die
derzeitige Lage am Tisch zusammen. Allein mit Tellern, Gläsern und
Besteck ist es da nicht mehr getan: Platzteller, Kerzenleuchter und
Tischtextilien wie Läufer oder Decken gehören dazu.
All das nicht parat zu haben, sollte niemanden davon abhalten,
sich Gäste einzuladen und zu bekochen. «Locker bleiben», das ist laut
der Autorin Petra Harms in ihrem Buch «Augenschmaus» die wichtigste
Regel für alle Gastgeber. Statt über ungebügelten Damast-Tischdecken
zu verzweifeln, sollte einfach improvisiert werden: «Ersetzen Sie
fehlende Schalen durch Kohlblätter. Malen Sie Blumen, statt zum
Floristen zu hetzen - und nehmen Sie Basics aus der Speisekammer,
bevor Sie mit Kunstschnee, Watte und Glitzerspray experimentieren»,
rät Harms. Es nütze wenig, eine beeindruckende Tafel geschaffen zu
haben, dann aber mit den Nerven am Ende zu sein.
«Perfektion ist nicht alles», sagt auch die Stardesignerin
Patricia Urquiola. Nur einheitliche Teller, Schüsseln, Tassen und
Gläser schön ordentlich auf dem Tisch aufzureihen, ist nichts für
sie: «Mischen und dadurch für Überraschungen sorgen», lautet das
Rezept der gebürtigen Spanierin, die in diesem Jahr unter anderem für
das Unternehmen Rosenthal in Selb (Bayern) eine Porzellankollektion
entworfen hat.
Moderne Designer-Teller kombiniert mit der Blümchen-Terrine von
Oma oder den Weinkelchen vom Flohmarkt: Solche Mixturen sind nicht
nur Ausdruck der eigenen Persönlichkeit - sie treffen oft auch die
unterschiedlichsten Geschmäcker. Deshalb bieten sie sich auch
besonders für Familienfeste an, wenn mehrere Generationen an einem
Tisch sitzen, empfiehlt Petra Harms. Treffen Gegensätze wie
Familiensilber und Styroporverpackungen aufeinander, sollte aber ein
Zusammenhalt geschaffen werden - etwa durch eine durchgehende
Farbgestaltung.
Mit etwas Fantasie kann sich der Tisch zu einer Bühne entwickeln,
auf der immer wieder neue Stücke inszeniert werden. Als wichtigste
Inspirationsquelle sehen die Experten derzeit die Jahreszeiten: Ob
Ostern, Herbst oder Weihnachten - der Tisch werde «saisonaler», so
Eva Barth-Gillhaus. Für solche Arrangements bieten die Hersteller
etliche Accessoires an. Aber auch ein Blick in die eigenen Schränke
kann sich lohnen. Denn ganz normalem Geschirr können mit etwas
Fantasie völlig neue Seiten abgewonnen werden.
Statt eine Etagere für festliche Anlässe zu kaufen, die dann den
Rest des Jahres im Regal verstaubt, lassen sich zum Beispiel Teller,
Tassen und Gläser zu Türmen aufstapeln. Erscheint die Konstruktion zu
wackelig, sorgt etwas Kerzenwachs für Halt, sagt Harms. Und statt
eine große Tischdecke aufzulegen, können verschiedene Tischläufer mit
einem Satin-Band verbunden werden.
Für das Weihnachtsmenü entsteht aus einfachen Zutaten ein
Winterwunderland: Zuckerhüte in verschiedenen Größen werden zu
eisigen Bergen, Kandis zu Eisbrocken, Puderzucker zu Schnee, und
Würfelzucker wird zu Iglus aufgeschichtet. Perfekt wird die frostige
Idylle mit winzigen Wintersportlern aus dem Modelleisenbahn-Laden,
die die Piste hinuntersausen.
LITERATUR: Petra Harms: Augenschmaus, Callwey, ISBN
978-3-7667-1721-4, 29,95 Euro; Ines Heugel: Tischkultur & Lebensart,
Christian, ISBN 978-3-88472-727-0, 29,95 Euro; Gwendolyn El-Atreby:
Tischdekorationen, Heel, ISBN 978-3-89880-907-8, 19,95 Euro; Klaus
Wagener: Tische dekorieren, Ulmer, ISBN 978-3-80015-348-0, 16,90 Euro.
INFO-KASTEN: Klassische Regeln für das Tischdecken
Im Prinzip gilt für das Tischdecken heute: Alles ist erlaubt. Soll
es ganz klassisch sein, herrschen aber strenge Platzierungsregeln:
«Der Brotteller steht immer links vom Gedeck, der Salatteller links
neben dem Brotteller», erklärt die Benimm-Trainerin Imme Vogelsang
aus Hamburg. Fingerschalen werden ebenfalls links platziert.
Knochenteller stehen dagegen oberhalb des Gedecks.
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