Bonn/Hamburg (dpa) - 14. November 2008
Leicht statt streng: Angst vor Wildfleischzubereitung ist unbegründet
Wild ist eines der wenigen
naturbelassenen Nahrungsmittel. Aber nicht jeder traut sich an die
Zubereitung. Noch immer versperren einige Vorurteile den Weg. Dabei
gehören strenger Geruch und Geschmack sowie das aufwendige Beizen des
Fleisches der Vergangenheit an. Die Zubereitung ist viel leichter als
viele denken. Den richtigen Händler zu finden, kann dagegen schwer
sein.
Möglicherweise ist das ein Grund, warum die Deutschen beim Genuss
von Wildbret noch sehr zurückhaltend sind: «Der jährliche
Pro-Kopf-Verzehr liegt im Durchschnitt bei etwa 750 Gramm, Tendenz
aber steigend», sagt Torsten Reinwald vom Deutschen
Jagdschutz-Verband in Bonn. Nicht alles, was auf den Tisch kommt,
stammt aus heimischen Revieren - im «Jagdjahr» 2007/2008 wurden knapp
20 000 Tonnen Wildfleisch importiert.
Wer sich zum ersten Mal an Wildbret wagt, sollte sich an einer
langsam im Ofen geschmorten Rehkeule versuchen, empfiehlt der
Sternekoch Thomas Martin vom Hotel Louis C. Jacob in Hamburg. Ein
delikater Wildgenuss beginnt mit dem Einkauf. «Das ist
Vertrauenssache», sagt Martin. Er schwört auf seinen Händler, der ihn
seit Jahren mit Wildbret aus der Region beliefert. Doch solche
Händler sind rar geworden. «Quellen für heimisches Wildfleisch können
über den jeweiligen Kreisjagdverband oder das nächste Forstamt
erfragt werden», rät Reinwald.
Wildbret unterliegt während der Jagdsaison - für jede Wildart gibt
es bestimmte Jagd- und Schonzeiten - anderen Bedingungen als Fleisch
aus dem Schlachthof. Wild wird nicht geschlachtet, sondern erlegt.
«Ein sauberer Schuss, der den Bauchraum nicht verletzt, das
fachgerechte Ausnehmen unmittelbar nach dem Erlegen und eine nach
wenigen Stunden einsetzende Kühlung sind Voraussetzungen für
hochwertiges Wildbret», sagt Markus Bitzen vom Wildrestaurant
Jagdhaus Rech im gleichnamigen Ort an der Ahr (Rheinland-Pfalz).
«In vielen Köpfen ist noch drin, dass Wild unangenehm riecht und
schmeckt», so Bitzen, der Jäger und Koch zugleich ist. Doch der
sogenannte Hautgout sei kein wildtypischer Geschmack, sondern das
Ergebnis eines durch Fäulnisbakterien hervorgerufenen
Zersetzungsprozesses. In Zeiten ohne Kühlung hingen erlegte Tiere
wochenlang in der Decke - so heißt in der Jägersprache das Fell -, um
mürbe zu werden.
Das ist spätestens seit 2007 passé, denn das EU-einheitliche
Lebensmittelrecht verbietet diesen Umgang bei Wildfleisch für den
Verzehr. «Und Wildbret muss nicht abhängen oder gebeizt werden, um
zart zu sein», betont Bitzen. Die Qualität des Wildbrets sollte so
gut sein, dass es direkt verarbeitet werden kann. Fleisch für
Schmorgerichte wie Keule oder Schulter mariniert Martin aber dennoch
in Rotwein: «Nicht, um das Fleisch mürbe zu machen, sondern um einen
tollen Geschmack und eine gute Soße zu bekommen.»
Kenner wie Bitzen oder Martin rühmen das fettarme Fleisch und sein
von den jahreszeitlichen Kräutern, Gräsern und Blättern geprägtes
Aroma. Sie verarbeiten fast alles, von Filet und Rücken über Keule
und Schulter bis hin zu Knochen für die Soße. Filet und Rücken werden
kurz gebraten, alles andere wird geschmort.
Auch wenn Gourmets oder Köche auf rosa gebratene Filets oder
Rücken schwören, empfiehlt das Bundesamt für Verbraucherschutz und
Lebensmittelsicherheit (BVL) in Berlin, das Wildfleisch durchzugaren.
Denn es könne mit einer aggressiven Sonderform der Kolibakterien, den
enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC), belastet sein. Sie
können beim Menschen schwere Infektionen verursachen. «Diese
Bakterien werden durch gründliches Kochen und Braten abgetötet, wobei
eine Temperatur von 70 Grad auch im Kern der Speisen erreicht werden
muss», sagt BVL-Sprecher Jochen Heimberg.
Leicht und fein wie das Fleisch sollten auch die Beilagen eines
Wildgerichts sein, sagt Martin. Als Beilage eignen sich zum Beispiel
Selleriepüree und Spitzkohl. Wichtig sei die Harmonie der Aromen. «Zu
Wild passen sehr gut Pilze, Kürbis, Kohl, Sauerkraut, Nüsse und alles
Süße wie Äpfel, Birnen oder Dörrobst.»
INFO-KASTEN: Wildfleisch direkt vom Jäger kaufen
Jeder Jäger darf eine kleine Menge - die Jagdstrecke eines Tages -
an Privatpersonen, die Gastronomie oder den Einzelhandel abgeben. In
diesem Fall soll sein Augenschein als ausgebildeter Jäger ausreichen,
um Erkrankungen oder minderwertige Qualität zu erkennen. Nur Tiere
für den Großhandel, aus Gehegehaltung oder Importware unterliegen der
amtlichen Fleischuntersuchung. Bei Wildschweinen ist eine gesetzliche
Trichinenschau vorgeschrieben.
(Internet: Link: www.jagd-online.de)
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