Hildesheim (dpa) - 26. November 2008
Sanft braten und zart würzen: Rehfleisch braucht wenig Extras
Wenige Gerichte sind so an eine Jahreszeit
gebunden wie Reh an Herbst und Winter. Weil das Wild im übrigen Jahr
kaum zu haben ist, wird es zu dieser Zeit als besondere Delikatesse
geschätzt. Und aus demselben Grund wagen sich viele Hobbyköche nicht
so recht an die Zubereitung: Es fehlt die Übung. Dabei überzeugt
Rehfleisch nicht nur durch seinen ungewöhnlichen, intensiven
Geschmack und seine Zartheit. Auch bei den Inhaltsstoffe hat es
einiges zu bieten: Es enthält wenig Fett und damit wenig
Kohlenhydrate, jedoch mehr Eiweiß als andere Fleischarten.
Der Klassiker ist der Rehrücken. «Das liegt zum einen daran, dass
dies das beste Stück vom Reh ist, zart, saftig und besonders mager»,
erläutert Ansgar Lehne, Inhaber einer Wild-Spezialitätenfleischerei
in Hildesheim. «Zum anderen ist Rehrücken einfach in der Zubereitung.
Und es gibt eine Vielzahl an Rezepten.»
Der Fleischermeister selbst schwört auf kurz gebratenen Rehrücken.
«Allerdings erfordert es einiges Geschick, einen ganzen Rücken zu
tranchieren und dann noch heiß auf den Tisch zu bringen», sagt
Karl-Josef Fuchs, Küchenchef im «Hotel-Restaurant Spielweg» in
Münstertal (Baden-Württemberg). Ein wenig geübter Hobbykoch sollte
daher besser zu ausgelösten Filetsträngen greifen.
In Medaillons geschnitten lässt sich der Rehrücken besonders
schnell zubereiten. «Wenig Aufwand machen Medaillons, die in
Kalbsbrät gehüllt, mit Wirsing umwickelt und gedämpft werden», sagt
Johanna Fuß, Ernährungsexpertin und Meisterin der ländlichen
Hauswirtschaft aus Wolnzach in Oberbayern.
Ob ganz oder in Stücken - zu scharf darf das hochwertige Fleisch
auf keinen Fall gebraten werden, sonst wird es trocken. Wenn sein
Saft noch ganz leicht rötlich ist, kommt das Bratgut aus der Pfanne.
Mit Folie bedeckt sollte es etwas ruhen und dann nochmals kurz in den
heißen Ofen gelegt werden. «Zu solch zart gebratenem Fleisch passen
frische Marktgemüse und leichte Soßen», sagt Lehne. Küchenchef Fuchs
kombiniert das Fleisch in der leichten Herbstküche gerne mit
geschwenkten Steinpilzen oder Pfifferlingen, mit Schupfnudeln oder
Kartoffelküchle, mit Pilz- oder Maronenrisotto.
Geschmorte Wildgerichte wie Rehschulter, -haxe oder -keule sind
deutlich deftiger. Der größte Fehler ist, den Wildgeschmack zu töten
- zum Beispiel mit einer Wildgewürzmischung, die schon seit drei
Jahren im Regal steht. «Salz und Pfeffer, vielleicht noch Rotwein und
Preiselbeeren - mehr braucht es gar nicht», sagt Lehne.
Auch beim Schmorgericht ist das oberste Gebot: Vorsicht mit der
Temperatur! Bei höchstens 180 Grad gart ein Braten schon mal
eineinhalb Stunden. Gewürze und Kräuter kommen, vorsichtig dosiert,
erst am Schluss dazu. «Etwas bittere Schokolade hebt den Geschmack
enorm. Oder das mexikanische Gewürz Mole mit seinen Chili- und
Kakao-Aromen», verrät Küchenchef Fuchs. Als Beilagen sind Rosenkohl
oder Rahmwirsing sowie Klöße nahezu unersetzlich - höchstens
vielleicht durch Kartoffeln oder Kroketten.
Schulter, Haxe oder Keule müssen nicht zwingend als ganzes
verarbeitet werden. Auch als Ragout kommen sie zum Einsatz. Oder als
Hackfleisch und zwar nicht nur in der unspektakulären Frikadelle.
«Sehr lecker ist eine Herbstrolle: Wildhack wird mit Kraut und Lauch
gemischt, auf Blätterteig gestrichen und gerollt. Von der Rolle
werden dann Scheiben geschnitten und gebacken», erläutert Fuß. Die
Hack-Blätterteig-Schnecken können genau wie Rehterrinen gut als
Vorspeise gereicht werden. Dazu passt Preiselbeerkompott genauso wie
ein Chutney aus Äpfeln, Aprikosen oder Birnen.
An frisches Rehfleisch kommen Hobbyköche in der Saison, also
zwischen September und Januar, auf verschiedenen Wegen. «Am besten
lässt sich Wild beim Jäger oder klassischen Wildhändler vor Ort
kaufen», sagt Fuchs. «Allerdings tut sich ein durchschnittlicher
Verbraucher sicherlich schwer damit, ein ganzes Reh zu zerlegen und
eine solche Menge Fleisch zu lagern und zu verbrauchen.»
Ausgelöstes Fleisch gibt es nicht bei jedem Jäger, wohl aber in
Spezialitätenfleischereien. Im Zweifelsfall sollten Verbraucher
vorher nachfragen und vorbestellen, um genau das gewünschte Stück zu
bekommen. Schließlich wird Reh dank seines Seltenheitswertes vor
allem an Festtagen oder bei Familienfeiern serviert.
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