Hamburg (dpa) - 27. November 2008
Rotwein, Fleisch und andere Sitten: Tabus bei Tisch mit Menschen aus anderen Kulturkreisen
Essen ist in Zeiten der Globalisierung
manchmal eine komplizierte Angelegenheit: Wer zum Abendessen
Geschäftspartner aus Indien erwartet oder beim Kindergeburtstag
muslimische Mitschüler des Sprösslings bewirtet, kann schnell ins
Fettnäpfchen treten. Denn Religion und Kultur bestimmen in vielen
Fällen auch die Essgewohnheiten.
Alkohol etwa wird von vielen Muslimen abgelehnt. «Dazu gehört auch
der Schuss Rum in der Nachspeise», sagt Aiman Mayzek vom Zentralrat
der Muslime in Deutschland (ZMD) in Köln. Manche sähen das zwar nicht
so eng. Doch spätestens beim Fleisch sind viele deutlich strenger: So
ist Schweinefleisch für Muslime ein absolutes Tabu. «Das ist ganz
eindeutig in unserem Glauben begründet», sagt Aiman Mayzek.
«In Deutschland gibt es viele Türken, die sich nicht an das
Alkoholverbot halten - aber sie achten sehr genau auf das Fleisch»,
sagt der ZMD-Generalsekretär. Dazu gehöre auch, dass Rind oder Lamm
möglichst «halal» sein sollten - also auf eine Art und Weise
geschlachtet, bei der das Tier nahezu völlig ausblutet. Schließlich
verbietet der Koran auch den Genuss von Blut.
Ähnlich streng sind auch die jüdischen Speiseregeln. So dürfe nur
Fleisch von Wiederkäuern mit gespaltenen Hufen oder Geflügel
verwendet werden, heißt es auf der Internetseite Link: www.koscher.net, die
Informationen und Rezepte zur jüdischen Küche bietet. Außerdem dürfe
kein Fleisch mit Milch oder Milchprodukten verarbeitet und verzehrt
werden. «Schalen- und Krustentiere wie Muscheln oder Krabben gehören
ebenfalls nicht auf den koscheren Tisch» - und Fische nur dann, wenn
sie im lebenden Zustand Schuppen hatten. Aal etwa scheidet damit aus.
Werden dagegen Gäste aus Indien bewirtet, sollte kein Rindfleisch
auf den Tisch kommen, rät Bastian Broers vom Institut für
Interkulturelles Management (IFIM) in Bad Honnef. Ein Besuch im
Steakhaus sei da «nicht so toll» - schließlich gelten Kühe in dem
hinduistisch geprägten Land als heilig.
Ansonsten sind bei Gästen aus Asien, etwa aus China, Japan oder
Südkorea, weniger religiöse Vorbehalte gegen bestimmte Gerichte
vorhanden. «Chinesen sind sehr flexibel», sagt Lijun Tang,
China-Experte bei den Carl Duisberg Centren in Köln. Kulturelle
Schranken gibt es aber trotzdem - so essen Gäste aus dem Reich der
Mitte eher ungern Käse und andere Milchprodukte. «Sie mögen auch
ungern etwas, das nicht gekocht ist», ergänzt Bastian Broers. «Es ist
daher vielleicht keine gute Idee, sie zum Sushi-Essen einzuladen.»
Alkohol dagegen ist für Besucher aus China dagegen kein Problem -
wenn es der Richtige ist. «Weinkenner sind Chinesen eher selten»,
beobachtet Lijun Tang. «Bier dagegen kommt immer gut an.» Höhepunkt
für viele Delegationen aus China sei zum Beispiel ein Besuch in einem
deutschen Brauhaus. «Zudem ist es wichtig, immer wieder anzustoßen
und sich der gegenseitigen Freundschaft zu versichern», rät Tang.
Immer wieder Thema bei Besuchen aus Asien sind die Tischsitten -
sowohl die der Einheimischen als auch die der Gäste. Das fängt bei
der Sitzordnung an. So komme es in Ostasien schlecht an, einen Gast
nahe der Eingangstür zu platzieren, erläutert Broer. Beim Essen
selbst sei es ratsam, möglichst viel Kommunikation zu treiben und
nicht zu wenig zu servieren.
Und schließlich gilt: «Einen Übergang zum so genannten gemütlichen
Teil des Abends gibt es in Asien nicht», sagt Broer. Länger als zwei
Stunden sollte ein Essen nicht dauern. «Sonst wird das Chinesen,
Japanern und Koreanern schnell zu anstrengend.» Der Grund: Von Minute
zu Minute wachse das schlechte Gewissen gegenüber dem Gastgeber.
Was Geschäftsleute sich erst vergleichsweise spät über eines der
inzwischen zahlreichen Interkulturellen Beratungsinstitute aneignen
müssen, lernen Kinder heute oft nahezu nebenbei. «Es ist mittlerweile
Standard, dass im Kindergarten interkulturelle Ernährungsgewohnheiten
berücksichtigt werden», sagt Katharina Weyandt vom Diakonischen Werk
in Hamburg, das für rund 140 Kindergärten in der Stadt zuständig ist.
«Bei uns gibt es grundsätzlich kein Schweinefleisch», bestätigt
Kristina Krüger, Leiterin eines Kindergartens im Hamburger Stadtteil
Veddel. Von den rund 80 Kindern der Einrichtung sind rund 90 Prozent
ausländischer Herkunft und stammen aus Afrika, Asien und
Lateinamerika. Muslimische Eltern erkundigten sich häufig bei der
Anmeldung ihrer Kinder nach dem Speisenangebot, erzählt Krüger.
«Wir haben Respekt vor den anderen Essensgewohnheiten», erläutert
die Kindergartenleiterin. Das fehlende Schweinefleisch wird laut
Krüger mehr als ausgeglichen durch das Essen, das die Eltern bei
Festen mitbringen: «Dann tauchen Unmengen von kulinarischen
Köstlichkeiten hier auf.»
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