Montalcino (dpa) - 11. Juni 2009
«Brunello ist nicht nur ein Wein»
Unter strahlend blauem Himmel und umgeben von sanften toskanischen
Hügeln versuchte der neue Landwirtschaftsminister Luca Zaia von der
Lega Nord, in Montalcino die letzten Ausläufer dieses starken
Unwetters zu vertreiben: «Brunello ist nicht nur ein Wein, er ist
auch eine sehr wichtige Visitenkarte für das Made in Italy in der
Welt», sagte der dynamische Agrarminister aus dem Norden des Landes.
Und stellte seinen bereits zweiten Erlass vor, mit dem das Image des
kräftigen Roten aus dem 5100-Einwohner-Städtchen aufpoliert und sein
Export in die USA gesichert werden soll: Es geht um stark verschärfte
Herkunftskontrollen des erlesenen Weines, der allein aus der Rebsorte
Sangiovese produziert und erst nach fünf Jahren verkauft werden darf.
Der Skandal schien die Grundfesten des
südtoskanischen Städtchens hoch über dem Orcia-Tal erschüttern zu
wollen. Die weltweit bekannte Hochburg eines der prestigeträchtigsten
Rotweine stand als Hort von Betrügern dar, die den nach strengsten
Regeln produzierten Brunello di Montalcino mit anderen Rebsorten
verschnitten haben sollen. Ein Aufschrei ging durch die Welt der
Weinfreunde. Die Ermittler beschlagnahmten mehr als eine Million
Flaschen. Namhafte Weingüter wie Antinori, Frescobaldi oder Banfi
gerieten in ein schiefes Licht. Ein gutes Vierteljahr später ist die
Weinweltmacht Italien dabei, mit allen Mitteln den angekratzten Ruf
des Brunello di Montalcino aufzupolieren. Es geht auch um viel Geld.
Als der aus Rom herbeigeeilte Minister im Schatten der Zypressen
sein Dekret «als positives Zeichen und Schlusspunkt» unter die Affäre
präsentierte, da schienen die Zikaden Zustimmung zu zirpen. Wichtiger
war indessen das Wort des angereisten amerikanischen Botschafters in
Italien, Ronald P. Spogli: «Diese Sache ist damit erledigt.» Denn es
war die wirtschaftlich-politische Weltmacht USA, die dem kleinen Ort
in der Toskana wegen der Betrugsaffäre mit einem Einfuhrstopp gedroht
hatte. Und das wäre teuer geworden. Denn was die 256 Brunello-Winzer
Jahr für Jahr auf etwa sieben Millionen Flaschen ziehen, macht einen
Umsatz von mehr als 120 Millionen Euro aus - und jede vierte Flasche
geht in die USA. Also musste das Kriegsbeil schnell begraben werden.
Und um die Vorlieben des amerikanischen Weintrinkers ging es auch
in der Betrugsaffäre, in der noch ermittelt wird und in die auch nur
ein halbes Dutzend der Brunello-Weingüter verwickelt sein soll. Etwas
Merlot oder Cabernet mischten die Übeltäter in die Fässer, obwohl ihr
Wein nach dem Gesetz zu 100 Prozent aus einem hochwertigen
Sangiovese-Klon produziert werden muss. Das Verschneiden etwa mit
Merlot rundet den «kantigen» Brunello geschmacklich ab, macht ihn
gefälliger - und dahin schien doch der Trend der Zeit zu gehen. Als
der Skandal um den verschnittenen Brunello aufflog, rollten Köpfe in
der Winzerelite von Montalcino. Eine riesige Vertrauenskrise griff um
sich. Das Städtchen mit dem Kultstatus unter Weintrinkern hätte wohl
am liebsten halbmast geflaggt. Nun hat der Minister sie wieder
aufgerichtet - hoffentlich.
Immerhin gehen fast zwei Drittel der Brunello-Produktion in den
Export (und dabei jede zehnte Flasche nach Deutschland sowie sieben
Prozent in die Schweiz). Sorgenvoll fragen sich manche, was denn noch
aus den Kellern ans Tageslicht kommen könnte, wenn erst die folgenden
Jahrgänge verkauft werden. Der Landwirtschaftsminister jedenfalls hat
sich ein hochkarätiges Berater-Trio zusammengestellt, das ihm für die
Qualität des Brunello bürgen soll. Und er zeigt sich pragmatisch: Ist
die geltende Sangiovese-Regel zu starr und nicht mehr zeitgemäß, kann
man diese ändern. Das jedoch sollten die Winzer selbst und gemeinsam
entscheiden. Vorausgesetzt, es dient der Visitenkarte Made in Italy.
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