Bad Dürkheim (dpa) - 17. Juni 2009
Winzer wagen mehr Design beim Weinetikett
Winzer haben nur etwa eine Handfläche
groß Platz, um beim Weinhändler oder im Supermarkt auf ihren Wein
aufmerksam zu machen. Bei den langen Reihen von Flaschen in den
Verkaufsregalen muss vor allem das Etikett das Interesse der Käufer
wecken. Neben «Klassikern» mit Wappen und Schnörkelschrift gibt es
inzwischen viele deutsche Winzer, die auf modernes Design setzen, das
aus dem Rahmen fällt. Die Gefahr: Traditionsbewusste Kunden könnten
verschreckt werden. Die Chance: Neue und jüngere Käufer werden
angelockt.
Im Weingut Tesch in Langenlonsheim an der Nahe kam das neue Design
2001 mit dem neuen Wein «unplugged». Der ungewöhnliche Name und ein
schwarz-weißes Etikett im Bauhaus-Stil auf schwarzer Flasche stehen
für einen trockenen Riesling Kabinett, bei dessen Produktion
weitgehend auf Kellertechnik verzichtet wird, sagt Winzer Martin
Tesch. «Äußeres und Inneres gehören zusammen: Klare Linie, klarer
Wein.» Der Begriff «unplugged» kommt aus der Musikbranche und heißt
wörtlich übersetzt «Stecker raus» - wenn also ohne Verstärker
gespielt wird.
Die Verbindung zur Tradition des 1723 gegründeten Weinguts wird
auf dem Etikett mit einem Porträt des Winzers Martin Müller geknüpft,
der den Betrieb von 1804 bis 1817 führte. Der Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater
von Martin Tesch blickt auch von den Flaschenaufklebern der fünf
Lagenrieslinge, die jeweils in der Farbe einer Londoner U-Bahn-Linie
gestaltet sind - etwa St. Remigiusberg in kräftigem orange, Löhrer
Berg in Kermit-grün.
Tesch ging mit dem neuen Design ein großes Risiko ein. Viele
seiner Kunden konnten mit dem englischen Rock'n'Roll-Wort nichts
anfangen, rund 40 Prozent kehrten ihm den Rücken. «Wir wären fast
daran kaputtgegangen», sagt der Winzer. Inzwischen ist «unplugged»
längst ein Erfolgsmodell. 2006 gewann das Design den wichtigen
Branchenpreis «Red Dot Award» - als erstes Weingut überhaupt. 2008
waren «unplugged» & Co. für den Designpreis der Bundesrepublik
Deutschland nominiert.
«Blackprint», «Ursprung» oder «Spätburgunder M» steht in schwarzen
Buchstaben auf den Etiketten des Pfälzer Winzers Markus Schneider.
Die schlichte Eleganz spiegele auch seinen eigenen Anspruch an Stil
und Geschmack wider, sagt der 33-jährige Rotwein-Spezialist aus Bad
Dürkheim-Ellerstadt. «Als wir 1994 angefangen haben, hatten wir eh
kein Gutshaus oder Wappen, die auf dem Etikett hätten abgebildet
werden können. Wir mussten uns was überlegen.» Seit Ende der 90er
Jahre vermarkte er seine Weine mit diesen typischen Etiketten. Für
Schneider ist das einprägsame und moderne Design mit ein Grund dafür,
dass er auch neue Kundenkreise erreiche, die bislang noch nicht
regelmäßig deutsche Weine gekauft hätten.
«Das Etikett sollte Teil eines Gesamtauftritts sein, eines
umfassenden Erscheinungsbildes des Weingutes», sagt Design-Experte
Jörg Osterspey im pfälzischen Dackenheim, der als Professor an den
Fachhochschule Mainz gelehrt hat. Und was macht ein gutes Etikett
aus? «Es sollte typographische Klarheit ausstrahlen. Dabei geht es
nicht nur um die Vermittlung trockener Informationen, sondern auch um
Emotionen», erklärt der Experte. Wichtig sei eine «gewisse
Ehrlichkeit», sprich: Der Wein und seine Verpackung sollten
zueinander passen.
Dazu komme das Zusammenspiel mit der Flasche. «Im besten Falle
gehen beide eine Symbiose ein, das Etikett wird nicht einfach nur
aufgeklebt», sagt der Design-Fachmann. Dies gelte sowohl für die
Proportionen - «das Etikett sollte die Flasche leben lassen» - als
auch für die Farben, «die im Kontrast stehen oder sich ergänzen
können.» Nach den Worten von Osterspey ist vor etwa zehn Jahren eine
deutliche Bewegung in das Etiketten-Design gekommen, als es bei
vielen Weingütern einen Generationswechsel gab.
Die ungewöhnlichen Namen für seine Weine kreiert Winzer Schneider
selbst, ohne die Hilfe von Marketingagenturen. Inspiration für einen
neuen Cuvée, der im Herbst auf den Markt kommen soll, kam von seinem
kleinen Sohn Nicolaus, der nach den Worten des Vaters den
Familienalltag manchmal erheblich durcheinanderwirbelt. Daher heiße
der neue Wein «Tohuwabohu». Neben dem Schriftzug ist auf dem Etikett
ein kleines Bobby-Car abgebildet - mit dem Hinweis «Powered by
Nicolaus».
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