Hamburg/Tramin (dpa) - 23. Juni 2009
Wie Rose und Litschi: Gewürztraminer ist der «Freak» der Weißweine
Gelblich schimmert der Gewürztraminer
im Glas. Der Duft von Rosen, Litschis und Honig steigt in die Nase.
Ein Geschmacksfeuerwerk aus einer Mischung von tropischen Früchten
und schweren orientalischen Gewürzen wie Zimt und Vanille trifft den
Gaumen. «Dieser Wein ist ganz opulent, extrem in den Aromen und
dadurch blind zu erkennen», sagt die Sommelière Marlene Duffy aus
Hamburg. Von einer «einzigartigen Rebsorte» spricht auch Fabian
Lange, Weinkritiker und Autor aus Frankfurt/Main. Viele, die den Wein
zum ersten Mal probieren, hätten den Eindruck, dass etwas Künstliches
daran sei. «Der Gewürztraminer ist der Freak unter den Weißweinen.»
Etwas weniger drastisch urteilt sich Willi Stürz von der Kellerei
Tramin: «Der Gewürztraminer ist ein sehr eigenständiger Wein, der als
Spezialität getrunken und verkauft wird.» Die nach dem Ort Tramin in
Südtirol benannte Traube gilt als eine der ältesten, wenn nicht sogar
als die älteste Kulturrebsorte der Welt. Schon in Dokumenten aus dem
13. Jahrhundert finden sich Hinweise auf den Wein, im 15. Jahrhundert
war er wohl die am häufigsten angebaute Sorte in Südtirol.
Heute macht er in der nördlichsten Region Italiens gerade 8
Prozent der gesamten Weinanbaufläche aus. Gut 90 Prozent des
heimischen Traminers trinken die Italiener selbst. «Das Land schreit
förmlich nach Südtiroler Gewürztraminer», sagt Stürz. Anderswo
greifen Kunden deshalb vor allem zu Produkten aus dem Elsass: Dort
sei der Traminer die bekannteste Sorte und werde auf rund 20 Prozent
aller Weinberge angebaut, sagt Sommelière Duffy. Aber auch in
Deutschland wird er angebaut - vor allem in Baden und in der Pfalz.
«Hier ist es keine von der Menge her bedeutende Sorte, aber eben eine
Kultrebsorte, die ihre Fangemeinde hat.»
Die Farbe der vergleichsweise kleinen Beeren ist rötlich, je nach
Sonneneinstrahlung könne sie aber von leicht rosa bis hin zu
orange-gelb variieren, sagt Winzer Stürz. Die Rebe sei sehr
blühanfällig. Das heißt: «Wenn es während der Blüte regnet, bekommen
wir eine derart geringe Traubenanzahl, dass die Erträge der einzelnen
Jahrgänge stark schwanken.» Die Früchte erzielen laut Duffy hohe
Mostgewichte, es bildet sich also viel Zucker darin, so dass später
viel Alkohol entstehen kann.
Generell werde der Gewürztraminer in Südtirol trocken ausgebaut,
sagt Stürz. Unterschiede zwischen den einzelnen Lagen gebe es
dennoch: «Am südlichen Alpenhauptkamm bekommt der Traminer bei uns
mehr Sonne und ist dadurch würziger. Am nördlichen Kamm fällt er
dagegen blumiger aus.» In den nördlich von Südtirol gelegenen
Regionen ist der eher süßliche, halbtrockene Ausbau verbreitet.
Dadurch sei der Wein zum Beispiel aus dem Elsass etwas runder, sagt
Lange. Zwischen 13 und 15 Prozent Alkoholgehalt hat der Südtiroler
Wein, aber auch die 12,5 bis 13,5 Prozent im Elsass sind schon viel.
Der fertige Wein hebt sich von anderen Sorten deutlich ab: Er sei
im Gegensatz zum säurehaltigen Riesling mild in der Säure, erklärt
Duffy. Lange bezeichnet ihn als ausdrucksstärker und vielschichtiger
als zum Beispiel Chardonnay. Das «Leitaroma Rose» unterteilt er noch
einmal: «Der Duft von gelben Rosen macht den Wein schön schwermütig
und marzipanig, rote oder rosa Rosen lassen ihn dagegen spritziger
erscheinen». Neben dem dominanten Litschi-Aroma sei oft auch der
Geschmack von vollreifen Mirabellen, Aprikosen oder einer sehr reifen
Banane zu entdecken. Die herben, würzigeren Traminer-Sorten haben
laut Duffy das Aroma von Ingwer, Muskatblüten oder Anis.
Die Verbindung mit Speisen bietet sich also an - auch wenn der
Traminer oft als typischer Aperitifwein gilt. Fabian Lange empfiehlt
ihn als Begleiter eines intensiven, scharfen Essens mit Curry oder
Zitronengras, aber auch zu Couscous mit arabischen Gewürzen. Auch das
würzige, rauchige Aroma von Südtiroler Speck bringe der Wein gut zur
Geltung, sagt Stürz. Verbinden lasse er sich außerdem mit Meeresfisch
oder Krustentieren. Ein trockener bis ganz leicht süßer Traminer
passe zu einem Rotschimmelkäse, eine edelsüße Variante zu
Blauschimmelkäse wie Roquefort.
Klassisch elsässisch dagegen ist die Kombination mit Leberpastete.
Auch zu Flammkuchen werde er dort getrunken, erläutert Duffy. Die
süßlich karamellisierten Zwiebeln darauf harmonierten mit der süßen
Note des Gewürztraminers. Auch Gerichte, die normalerweise nicht mit
einem Weißwein getrunken werden, hält sie für kompatibel: eine kross
gebratene Ente in Orangensoße mit Sternanis zum Beispiel.
Schließlich dürfen auch die Süßspeisen nicht fehlen. «Zu Desserts
geht er, wenn er restsüß ausgebaut ist, zum Beispiel als
Beerenauslese», sagt Expertin Duffy. Ein interessanter Gegensatz zu
dem fruchtig-floralen Wein sei Schokolade, eine harmonische Einheit
bilde dagegen eine Crème brulée mit Rosenblütenaroma. Als ideale
Trinktemperaturen gelten neun bis elf Grad Celsius - am besten wird
die Flasche nach dem Einschenken weiter gekühlt.
Literatur: Cornelius Lange, Fabian Lange: Keine Angst vor Wein,
Hallwag, ISBN: 978-3-774-26366-6, 17,90 Euro; Jens Priewe, Christoph
Tscholl: Die Weine Südtirols. Der Guide für Kenner und Genießer,
Heyne, ISBN: 978-3-899-10299-4, 28 Euro.
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