L'Escala (dpa) - 03. Juli 2009
Von Anchovis bis Safran: Eine kulinarische Fiesta-Tour durch Spanien
Paella, Serrano-Schinken, Manchego-Käse, Wein
aus der Rioja: Viele Urlauber haben in Spanien die iberische Küche
lieben gelernt. Wer sie in vollen Zügen auskosten möchte, sollte zum
Schlemmern eine der zahlreichen «Fiestas gastronómicas» besuchen.
Nicht nur Gourmets kommen bei diesen kulinarischen Volksfesten auf
ihre Kosten - sie sind für Touristen auch eine einzigartige
Gelegenheit, den Menschen und ihren Traditionen näher zu kommen.
Eigentlich schmecken die Anchovis am besten auf ganz normalem Brot
mit Tomaten, versichert Conchita Sureda. Die 55-jährige Katalanin
kommt aus L'Escala, einem kleinen Fischerdorf an der Costa Brava, das
unter Feinschmeckern weltweit bekannt ist. Denn hier werden die
besten spanischen Anchovis - eingelegte Sardellen - gemacht. Doch
obwohl Conchita die Anchovis am liebsten auf Brot isst, möchte sie an
diesem Tag etwas Besonderes machen. Sie misst ihre Kochkünste mit 24
anderen Frauen aus L'Escala, von denen jede den Preis für das beste
Anchovi-Gericht gewinnen will. Immer Anfang September feiert das Dorf
sein Anchovifest, und dabei darf ein Kochwettbewerb nicht fehlen.
Aus ganz Spanien kommen die Besucher nach L'Escala, um die
salzig-fischigen Köstlichkeiten zu probieren. Conchita legt sich ins
Zeug: Geschickt schneidet sie Porree und Pilze klein und brät sie mit
Olivenöl in einer Pfanne an. Dann kommen zwölf zarte Anchovi-Filets
hinzu, und alles wird mit Sahne und Pfeffer zu einer Masse vermixt.
«Jetzt ab in den Ofen, und fertig ist die Anchovi-Pastete», sagt
Conchita zufrieden. Damit die Pastete später hervorsticht, dekoriert
sie den Teller mit in Fischform gelegten Anchovis und den berühmten
Montserrat-Tomaten, die sie in ihrem eigenen Garten anpflanzt.
Im Anchovi-Museum, wo der Kochwettbewerb entschieden wird, steht
ein Tisch bereits voll mit Tellern. Es gibt Anchovis als Salat, als
Kanapees, in Form von Spaghetti-Soßen, als Pizzafüllung und sogar als
Plätzchen, Kuchen oder im Schokoladenpudding. Einige der
Hausfrauengerichte gleichen kulinarischen Kunstwerken, die auch etwas
fürs Auge sind. Während die Jury darüber streitet, wer in diesem Jahr
das beste Anchovi-Gericht gemacht hat, tummeln sich am Dorfstrand
Hunderte von Besuchern und stehen Schlange, um Rotwein und Anchovis
mit Tomatenbrot zu ergattern. Einige setzen sich mit den salzigen
Leckereien direkt in den Sand. Andere hören sich die alten
Seemannslieder der Lokalband an, während sie die Probierhäppchen
genießen.
Wie die meisten kulinarischen Volksfeste in Spanien, wurde auch
das Anchovi-Fest zur Produktwerbung und Tourismusförderung ins Leben
gerufen. Die Tradition reicht jedoch viel weiter zurück. In L'Escala
legten bereits die römischen Siedler Sardellen in Salz ein. In der
Ruinenstadt Empúries am Dorfrand betrieben sie im ersten Jahrhundert
vor Christus sogar eine heute zu besichtigende Salzfischfaktorei.
Weniger salzig, aber dafür noch bunter geht es weiter südlich an
der spanischen Mittelmeerküste in Sueca zu. Hier duftet es nach
Kaninchen, Bohnen, Reis und Tomaten. Behutsam legt José Jiménez das
in Stücke geschnittene Fleisch in die mit heißem Olivenöl gefüllte
Pfanne. Es zischt und spritzt, die Zuschauer gehen einen Schritt
zurück. Danach gibt der Koch aus Valencia Garrofón, eine spanische
Bohnensorte, hinzu und brät alles gut an.
Immer wieder rückt José Jiménez das Feuerholz unter der riesigen
Pfanne zurecht, damit sie überall gleich viel Hitze bekommt. Alles
muss perfekt sein, wenn man sich im September auf dem Internationalen
Paella-Kochwettbewerb in Sueca, einer der ältesten Veranstaltungen
ihrer Art in Spanien, unter freiem Himmel mit den besten
Paella-Köchen der Welt messen will. Die meisten sind Spanier, aber
auch Japaner, Ecuadorianer, Italiener und Deutsche sind in Sueca,
einem Küstendorf 30 Kilometer südlich von Valencia, schon angetreten.
Bewertet werden Garzustand, Farbe, Geschmack und natürlich der
«Socarrat» der Paella. Diese leicht braunen und knusprig angebratenen
Reisreste am Boden der Pfanne gelten für jeden Paella-Liebhaber als
geschmacklicher Höhepunkt. Die Bedingungen sind für alle Teilnehmer
gleich; Zutaten, Menge und Rezept sind vorgegeben. Gekocht wird die
«Ur-Paella» schlechthin, die «Paella Valenciana», die nur Huhn- und
Kaninchenfleisch, Tavella, Garrofón, Tomaten, Bergschnecken und
natürlich den Bomba-Reis enthalten darf, ein Mittelkornreis mit
Herkunftsbezeichnung aus Valencia.
Auch die Gewürze sind vorgeschrieben. Enrique Serván vom
Restaurant «Pata Negra» aus Berlin streut unter den prüfenden Blicken
der Zuschauer eine Prise süßes Paprikapulver, Safran und Salz in die
riesige Pfanne. Jeder Handgriff wird kommentiert - schließlich sind
hier in Sueca alle Bewohner kleine «Paella-Profis», und fast alle
sind davon überzeugt, dass ihre hausgemachte Paella mindestens genau
so gut schmeckt wie die der hier teilnehmenden Profiköche. In Sueca
wird fast jeden Tag mit Reis gekocht. Gut 400 Reisgerichte sind hier
bekannt, für jeden Tag des Jahres ein anderes. Sueca liegt mitten im
Naturpark La Albufera, einem der größten Reisanbaugebiete Europas.
Die Paella hat ihren Ursprung in der Region Valencia, vor 100
Jahren war sie noch als «Arme-Leute-Essen» verschrien. Heute ist die
Paella dagegen Spaniens kulinarisches Vorzeigeobjekt - dampfende
Pfannen gehören vor allem in Valencia zu jedem Fest einfach dazu.
Der soziale Charakter einer Paella beginnt mit dem gemeinsamen Kochen
und endet mit dem Essen in großer Runde - so auch beim Fest in Sueca.
Während der Safran der Paella nur den gelblichen Ton verleiht,
steht das Gewürz im zentralspanischen Consuegra im Mittelpunkt der
Feierlichkeiten. Ende Oktober feiert der verschlafene Ort in der
weiten Ebene der Mancha sein Safran-Fest. Dabei könnte die Szene, die
so ziemlich alle Don-Quijote-Klischees erfüllt, kitschiger kaum sein:
Am Fuße einer von Windmühlen gekrönten Hügelkette findet am Dorfrand
die Safran-Ernte statt. Die sonst braunen Äcker haben sich plötzlich
in einen lilafarbenen Teppich verwandelt. Nur für drei Wochen im Jahr
blühen die Safranrosen. Vor Sonnenaufgang ziehen die Dorfbewohner
dann hinaus auf die Felder, um die zarten Krokusblüten zu ernten.
«Keine Minute darf verschenkt werden. Die Krokusblüten, die mit
der Morgensonne aufblühen, sterben am Nachmittag», erklärt Juan
Alcazar. Geschickt dreht er die Knospen ab und lässt sie in seinem
Strohkorb verschwinden - die Safranernte ist immer noch eine harte
Handarbeit. Im Dorf werden die Körbe mit den violetten Blüten
ausgebreitet, um die drei langen, roten Blütennarben aus jeder Blüte
zu entfernen. Die Frauen zupfen dabei um die Wette, um zu sehen, wer
die Schnellste ist. Unterdessen werden auf dem Dorfplatz für die
Besucher manchegische Speisen mit Safran aufgetischt und gekocht.
Bis weit in die 90er Jahre war Spanien das Hauptanbaugebiet für
Safran weltweit - und auf den fruchtbaren Böden der Mancha gedeiht
die Pflanze noch heute wunderbar. Nur wenige Gramm Safran sind die
Ausbeute eines langen Tages - für ein einziges müssen in Handarbeit
rund 200 Blüten gepflückt werden. Kein Wunder also, dass Safran als
teuerstes Gewürz der Welt gilt - Geschäfte bezahlen den Bauern für
ein Kilogramm bis zu 1400 Euro.
Nicht weit von Consuegra entfernt findet in der ersten Woche im
September im Anbaugebiet Valdepeñas das traditionelle Weinlesefest
mit Sangría-Wettbewerben und Weinproben statt, bei denen der
köstliche Manchego-Käse nicht fehlen darf. Liebhaber spanischer Weine
kommen Ende September auch auf dem Weinfest von Logroño in der Rioja
auf ihre Kosten: Jedes Jahr am 21. September startet das Fest mit dem
rituellen Traubenstampfen auf der Plaza del Espolón. In Trachten
gekleidet zertreten zwei Männer die frisch gelesenen Trauben in einem
riesigen Holzbottich bei einem Tanz zum ersten Most des Jahres.
Wem eher Weißweine am Herzen liegen, sollte Anfang August zum
«Albariño»-Fest nach Cambados in Galicien fahren. Im äußersten
Nordwesten Spaniens finden die meisten kulinarischen Volksfeste statt
- kein Wunder, denn die galicische Küche gehört zu den besten des
Landes. Höhepunkte im Festkalender sind Ende Juli das Lamm- und
Miesmuschelfest in Moraña, das Krakenfest in Carballiño Mitte August
und allen voran das Meeresfrüchtefest Mitte Oktober in O Grove. Fast
jede Muschelart hat hier ihr eigenes Fest. Also sind es Dutzende, und
immer wieder ziehen sie auch Urlauber an. Denn Liebe geht bekanntlich
durch den Magen - so kann man es auch mit Spanien halten.
INFO-KASTEN: Spaniens gastronomische Volksfeste
ANREISE UND FORMALITÄTEN: Folgende Flughäfen liegen am nächsten zu
den Dörfern und Regionen mit den kulinarischen Volksfesten: Barcelona
(L'Escala), Valencia (Sueca), Madrid (Consuegra, Valdepeñas und
Logroño) und Vigo (Galicien). Obwohl Spanien keine Einreisekontrollen
mehr vornimmt, sollten Deutsche ihren Personalausweis mitnehmen.
KLIMA UND REISEZEIT: Das Klima in Spanien ist im Sommer in der
Regel warm und trocken. In Zentralspanien und Andalusien kann es mit
Temperaturen um die 40 Grad dann sehr heiß werden. Im Norden des
Landes liegen die Temperaturen bei angenehmen 25 bis 30 Grad.
SPRACHE: Spanisch.
WÄHRUNG: In Spanien wird mit dem Euro bezahlt.
INFORMATIONEN: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14,
60323 Frankfurt (Tel.: 069/72 50 38, für Broschüren-Bestellung:
06123/991 34; Internet: Link: www.spain.info).
|