Paris (dpa) - 08. September 2009
Im Paradies der Reben: Ein Streifzug durch Frankreichs Weinberge
Frankreich ist zwar nicht die Wiege des Weins.
Es ist aber unbestreitbar trotz aller verschärften Konkurrenz das
Epizentrum der Passion, aus edlen Gewächsen wohlmundende Tropfen zu
machen. Im Land der Kathedralen, Küsten und Kochkünste, das für alle
Welt ein Touristenmagnet ist, drängt sich eine Entdeckungsreise auf
den Spuren des Rebensaftes geradezu auf - es sind Streifzüge durch
anmutige Weinberge, mit denen Frankreich gesegnet ist. Wie harmonisch
Natur und Winzerkultur hier verschmelzen, wie erholsam ein
Spaziergang durch schier endlos mit Rebstöcken bepflanzte Hügel sein
kann und mit welcher Inbrunst der Weinbauer seine Flaschen im Keller
preist - all das macht solch eine Reise zu einem lustvollen Ereignis.
Gott in Frankreich heißt in diesem Falle Bacchus. Ob bei einem
leichten Anjou-Rosé im westfranzösischen Tal der Loire oder bei einem
schweren und teuren Châteauneuf-du-Pape aus dem Süden an der Rhône,
es ist immer etwas fürs Auge, für den Gaumen und auch für das Herz
dabei. Denn wo Wein wächst, in Frankreich also fast überall, kommt
man bei einem Glas rasch mit naturverbundenen Einheimischen ins
Gespräch. Dann hebt oft ein bodenständiges Philosophieren über die
Welt an, Stolz über die Güte des letzten Jahrgangs blitzt aus den
Augen des Winzers in seinem Keller, während er ein Glas ausschenkt.
Was kann mehr Spaß bereiten, als feine Weine zu probieren und ganz
nebenbei zu lernen, was Boden und Rebsorte zum Geschmack beitragen?
Den einen zieht es für ein langes Wochenende in einen Landgasthof
nach Chablis oder Sancerre. Ein anderer quartiert sich - umgeben von
Weinbergen - für eine Woche in einem Mas, einem fein ausgebauten
provenzalischen Gutshof, ein. So kann er bei offenem Fenster
nächtigen, während ein leichter Wind die Blätter der Rebstöcke wie
ein grünes Meer wogen lässt.
Wer auf längere kulturell-kulinarische Erkundungstouren geht, für
den ist das Auto als Fortbewegungsmittel kaum geeignet. Frankreichs
Innenminister Nicolas Sarkozy hat die Verkehrskontrollen verschärfen
lassen, und man ist doch gekommen, um spielend Neues in Sachen Wein
zu erfahren. Also bietet sich das Wandern auf den dafür ausgewiesenen
Routen an, mancherorts die Pferdekutsche oder ein Boot. Eine
Alternative sind Reisen mit dem Rad - aber auch hier gilt: Vorsicht!
Kommt der gern gesehene «Weintourist» zur Erntezeit, stößt er
nicht nur im Burgund auf die «Attention! Vendanges!»-Verkehrszeichen,
denn dann haben die Winzer mit ihren Traktoren absolute Vorfahrt. In
aller Regel ist das nächste laute Weinfest im Dorf nicht weit, auf
dem auch die regionale Küche feilgeboten wird. Standen am noch nicht
so heißen Vormittag romanische Kirchen-Kleinode inmitten violetter
Lavendelfelder auf dem Programm, so lädt vielleicht am Abend schon
das Fischlokal am Mittelmeer nach einer Verkostungstour à la Provence
zur Bouillabaisse ein. Und schon wieder dazu gelernt: Die Vielfalt
der Farben in der Natur spiegelt sich im Glas. Denn es gibt nicht nur
einfach Weiß, Rot und Rosé: Der die Fischsuppe begleitende Rosé kann
hellrosa, lachsfarben, gräulich schimmern oder ziemlich dunkel sein.
Eine Weinreise durch Frankreich kann im Uhrzeigersinn durch die
Regionen des Landes führen, mit Halt in charmanten Herbergen. In der
TOURAINE südwestlich von Paris macht sich neben der Pracht
französischer Geschichte und Baukunst die Kraft der Loire bemerkbar.
Dieser am wenigsten von Menschenhand gebändigte unter den großen
Flüssen in Europa bietet nicht nur ein urwüchsiges Ambiente. Das von
ihm erzeugte Mikroklima wirkt sich zusammen mit dem Gestein auch auf
die ausgeprägten Cabernet-Franc-Weine von Chinon bis Bourgueil aus.
Schon Englands König Richard Löwenherz und Honoré de Balzac liebten
die Gegend mit den Loire-Schlössern Chenonceaux und Azay-le-Rideau.
Rendezvous in der CHAMPAGNE: Weil es hier im Norden etwas kühler
sein kann, darf es doch gerne angenehm prickeln. Auf 70 hügeligen
Kilometern verbindet eine «Route touristique du champagne» Reims und
Epernay, die beiden ewig um die Vorherrschaft in der Region ringenden
Rivalen. Etliche bildhübsche Winzerdörfer laden samt ihrer Weinkeller
dazu ein, Station zu machen. Das Dorf Verzenay wartet dabei nicht nur
mit einer Windmühle auf, sondern sogar mit einem Leuchtturm, der seit
fast 100 Jahren für Champagner wirbt und heute ein Weinmuseum ist.
Weintourismus kommt in Mode, und gerade das BURGUND setzt alles in
Bewegung, um den Weg durch anmutige Gegenden in kühle Keller angenehm
zu gestalten. So ist auf Hunderten von Kilometern eine «Burgund-Tour
auf dem Rad» möglich. Ein Abstecher in das architektonisch aufregende
Beaune mit seinen glasierten Ziegeldächern drängt sich auf. Denn
gerade an der Côte de Beaune, einem Paradies der Weißweine, ragt auch
gediegene mittelalterliche Kultur auf. Davon zeugen Rochepot mit dem
stattlichen Château oder auch die Schlösser von Volnay und Nolay.
Etwas mehr abseits für Feinschmecker und Weinliebhaber liegt
weiter südlich rund um Beaujeu das für seinen «Primeur»-Rummel im
Spätherbst bekannte BEAUJOLAIS. Dabei ist die bildhübsche Landschaft
der ausgedehnten Weinberge, übersät mit «Cadoles» genannten kleinen
Steinhäusern, eine Perlenkette von Dörfern mit wohlklingenden Namen
und wohlschmeckenden Weinen: Saint-Amour, Juliénas, Chénas, Fleurie,
Morgon und Brouilly. Das Office du Tourisme in Beaujeu bietet nicht
weniger als 16 Wanderungen durchs Beaujolais an.
Kann es für Genießer denn Schöneres geben, als in der PROVENCE mit
Blick auf «La Grande Bleue», das Mittelmeer, Siesta zu halten, sich
ein Glas Weißen aus Cassis oder Bandol zu gönnen und schon mal das
Abendessen zu planen? Auf dem Weg von hier ostwärts entlang der Küste
hin zum Maurengebirge und Saint-Tropez lösen sich die Weinterrassen,
felsigen Buchten und feinen Strände in schöner Regelmäßigkeit ab. Das
Côte-d'Azur-Département Var hat viel für Wanderer und Radfahrer
getan. Es beherbergt vor allem sage und schreibe 18 noble Weingüter,
deren Tropfen der Adelstitel für Weine, «Cru classé», schmücken darf.
Auch nach KORSIKA, der «Insel der Schönheit», brachten die
Griechen Weinstöcke mit. Dieses einzigartige Gebirge im Meer bietet
in Ajaccio, Figari und im Patrimonio immer bessere Qualitätsweine an,
ist vor allem aber auch ein wunderbares Beispiel dafür, was das
Füllhorn typischer Leckereien noch alles enthält, vom Honig und dem
Kastanienmehl hin zum Olivenöl, dem Käse und korsischem Mineralwasser
- neben der bizarren Landschaft regt alles darum herum die Sinne an.
Welch ein Naturspektakel offeriert dann die bizarre Südostecke
Frankreichs und damit des ROUSSILLON, wo sich die Weinstöcke zwischen
Collioure und Cerbère an steilsten Küstenhängen der Sonne entgegen
strecken. Sie scheint hier im Jahr mehr als 2500 Stunden und lässt
die Reben bis zur höchsten Reife wachsen. Die Terrassen-Weinberge der
Hafenorte der Vermeille-Küste vor den Toren Spaniens liefern - nicht
zuletzt in Banyuls - weiterhin den meisten lieblichen Wein des
Landes. Er passt vorzüglich vor allem zu Entenstopfleber (foie gras)
und Desserts.
Gerade die kleinen Weinbaugebiete im Süden haben es in sich. Dazu
gehört auch, was am Westrand der Pyrenäen hoch in den Bergen rund um
das Städtchen Irouléguy wächst und gedeiht. Man nimmt von den Surfern
in Biarritz an der Biskaya Abschied und fährt die Départementstraße
über Cambo-les-Bains durch die wilden Täler im französischen
BASKENLAND. So erreicht der Weinliebhaber das nur 220 Hektar große
Weinbaugebiet mit seinen abgelegenen Hängen. Kräftig und
charaktervoll ist der Irouléguy - er feiert derzeit eine Renaissance.
Ideale letzte Station ist das Schlaraffenland der «Grand
Cru»-Tropfen aus den Weinbergen rund um das mittelalterliche
Städtchen Saint-Emilion im BORDELAIS. Der Ort, von der Unesco zum
Weltkulturerbe erklärt, lädt zum Flanieren, zum Einkehren in seine
Keller und auch zum Entdecken der ganz vom Wein geprägten
sanft-hügeligen Landschaft östlich von Bordeaux ein. Jetzt empfiehlt
sich ein Blick in den Kofferraum. Ist noch Platz für eine Kiste vom
Roten? Die Schatzkiste der Erfahrungen ist jedenfalls schon randvoll.
Weinland Frankreich
ANREISE UND FORMALITÄTEN: Frankreich ist von Deutschland aus gut
zu erreichen: mit dem Flugzeug von vielen Städten aus, dem Reisebus,
dem Auto und der Bahn. Obwohl Frankreich ein «Schengen-Land» ist und
in der Regel keine Grenzkontrollen stattfinden, sollte
sicherheitshalber der Personalausweis mitgenommen werden.
REISEZEIT UND KLIMA: Angenehm sind das Frühjahr und der Herbst,
wenn in den Weinregionen die Lese stattfindet.
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