Grand Junction (dpa) - 22. September 2009
Wein made in Colorado: Wie ein «Cowboy im Frack»
Eigentlich fehlen nur noch die
Schwingtüren. Mit seiner wilden Westernfassade aus grob geschnittenen
Holzbrettern sieht die rustikale Probierstube wie ein Saloon aus
einem John-Wayne-Film aus. Jedenfalls von außen. Denn Hochprozentiges
kann man bei Barfrau Davelyn Price im Verkostungsraum der DeBeque
Canyon Winery in Palisade (US-Bundesstaat Colorado) nicht ordern.
«Wie wär's mit einem Gläschen von unserem Red Fox Merlot», flötet die
fröhliche Frühsiebzigerin mit der flotten Kurzhaarfrisur und schenkt
großzügig ein. «Der passt besonders gut zu Hamburgern.»
«More altitude, less attitude.» Der freche Werbespruch von
Colorados Weinindustrie, der frei übersetzt «mehr Hochlage, weniger
Hochnäsigkeit» bedeutet, kommt nicht von ungefähr. Die halbwüsten
Westhängen der Rocky Mountains bei Grand Junction liegen auch geistig
weit entfernt von einem vornehmen südfranzösischen Schloss mit
Jahrhunderte altem Weinbauerbe, Kellermeistern mit Starkult,
Abfüllung «au chateau» und dem ganzen Pipapo.
Die Wurzeln von Colorados Weinstöcken reichen längst nicht so weit
in die Vergangenheit zurück. Wenn auch die englische
Reiseschriftstellerin Isabella Bird 1873 über einen herbstlichen
Ausritt in der Nähe von Grand Junction in «goldenem Zittern
erbebende» Espenbäume beschrieb, durch deren «zitronengelbes Laub»
sich «wilde Weinreben wanden», sind erste Aufzeichnungen über den
organisierten Traubenanbau erst aus dem Jahre 1899 datiert.
Zur Zeit der Prohibition, die übermäßigen Alkoholgenuss auf
Initiative von christlichen Gruppen als «Teufelswerk» verdammte,
wurden Kellereien in Colorodo von 1916 bis 1933 verboten. Rebstöcke
wurden ausgerissen und auf Weinbergen Obstplantagen angelegt. Es
dauerte 35 Jahre, bis sich die Branche von der staatlich verordneten
Zwangspause erholte. Der erste moderne Weinbaubetrieb wurde 1968
eröffnet, und seither kamen jedes Jahr einige neue hinzu.
Inzwischen gibt es fünf Dutzend, in Stil und Philosophie sehr
unterschiedliche Kellereien im ganzen Staat verteilt - in den Städten
Denver und Boulder zum Beispiel, entlang dem «Front Range» genannten,
dicht besiedelten östlichen Vorland der Rocky Mountains bis hinauf in
die Wintersportorte wie Steamboat Springs und Winter Park. Colorados
Trauben wachsen in Höhenlagen bis zu 2100 Metern und gehören damit zu
den höchsten Weinbergen der Welt.
In den klimatisch ungeeigneten Skigebieten werden natürlich keine
Reben angepflanzt. Dort kaufen die Kellermeister das Lesegut zur
Weiterverarbeitung ein. Über 80 Prozent stammen aus dem Grand Valley,
das sich entlang des Colorado River vom Städtchen Palisade bis zum
Naturschutzgebiet Colorado National Monument gleich westlich von
Grand Junction erstreckt. Die Wiedergeburtsstätte von Colorados
Weinindustrie wurde 1991 zur American Viticultural Area erklärt, eine
speziell designierte Weinbauregion, von denen es nur zwei im
Bundesstaat und rund 240 in den USA gibt, die überwiegende Mehrheit
davon in Kalifornien.
Trotzdem hat sich der Wein-Winzling Colorado zu einem Multi-
Millionen-Dollar-Business mit zweistelligen Zuwachsraten gemausert.
Im letzten Berichtszeitraum von Juni 2005 bis Juli 2006 wurden nach
einer Studie der Colorado State University 820 000 Liter Wein aus
Colorado verkauft. Im Grand Valley gibt es mittlerweile knapp 20
Weingüter.
Besitzer und Winzer sind eine bunte Mischung aus Anwälten,
Computerspezialisten, Kapitalgebern, Geologen, Kriminologen oder
ehemaligen Schnittblumen-Händler wie John Balistreri. Seine
Großeltern waren einst aus Italien eingewandert. «Für den
Hausgebrauch hat meine Familie schon seit Generationen Wein gemacht»,
erklärt der Denver Weinbauer selbstbewusst. Als das Weingewerbe
lukrativer schien als die Floristik, sattelte Balistreri 1998 um. Von
mangelnden Traditionen oder fehlenden Fachkenntnissen lassen sich
sämtliche Selfmade-Winzer nicht einschüchtern. Dies ist schließlich
Amerika. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer braucht hier
schon einen Meisterbrief.
Tatsächlich sind Colorados Weine nicht schlechter als die
europäische Konkurrenz, betont Horst Caspari. Der gebürtige
Rheinland-Pfälzer aus der Nähe von Bad Neuenahr ist seit sechs Jahren
in Amt und Würden als «State Viticulturist», als «staatlich
bestellter Weinbauer». Am Western Colorado Research Center in Grand
Junction, einer landwirtschaftlichen Forschungsstation der Colorado
State University, beobachtet der Agrarwissenschaftler die Entwicklung
der lokalen Weinbranche.
«Unsere Industrie ist sehr jung, unsere Kellermeister haben wenig
Erfahrung, und es gibt hier sicher Weine, über die man nicht viel
schreiben kann», räumt Caspari ein. Aber auch daheim in der Pfalz sei
schließlich nicht jeder Wein preisgekrönt. Wenn keine Fehler
passierten, einfache und gute Trinkweine produziert würden, dann sei
«das schon in Ordnung». Auch 98 Prozent aller französischen Weine
verließen niemals Frankreich. «Und das ist auch gut so», schmunzelt
der Weinprofi, denn nicht alle seien edle Tropfen. «Die Franzosen
haben sich ihren guten Ruf hauptsächlich mit den großen Grand Crus
aus Bordeaux verdient.»
Colorado kontert mit Parker Carlson. Wohlbeleibt, mit roten
Hosenträgern als Markenzeichen, Vollbart und verschmitztem Gesicht
ist er vielleicht der bekannteste Weinbauer der Region. Wohl auch der
erfolgreichste. Carlson Vineyards 2003 Riesling wurde bei der 28.
International Eastern Wine Competition (IEWC) in New York State,
einer der ältesten und größten Qualitätsschauen in Nordamerika, unter
156 Anmeldungen aus neun Ländern mit dem begehrten «World Riesling
Cup» ausgezeichnet - als erster und bis heute einziger Colorado
Riesling. Andere Weine aus der Carlson Kellerei wurden bei diesen und
ähnlichen Wettbewerben ebenfalls durchgehend mit Medaillen prämiert.
Als Glückstreffer kann man das nicht mehr erklären.
Der Ruhm ist Parker Carlson und seiner Frau Mary, die vor 25
Jahren in ihrer Küche mit der Weinherstellung begannen oder besser
experimentierten, nicht zu Kopf gestiegen. Für sie sei Wein kein
«Nektar für Snobs», sagt der sympathische Carlson, der zeitweise
sogar höchstpersönlich im holzgetäfelten gemütlichen Degustationsraum
in Palisade zu finden ist, um den Gästen eine Kostprobe zu
verabreichen. «Wir haben gern Spaß mit unseren Weinen.» Darum prangen
auf den Etiketten seiner Kreationen wahrscheinlich diese lustigen
Tierzeichnungen und einfallsreichen Namen wie Prairie Dog Blush
(Errötender Präriehund) für einen Rosé, Laughing Cat (Lachende Katze)
und Tyrannosaurus Red (Rot) statt Rex. 7500 Flaschen und 15
verschiedene Weine produzieren Carlson Vineyards. Der Schlager ist
ein süß-saurer Kirschwein, der ungeniert in einem Plastikbecher mit
Schokoladenrand serviert wird.
Rainer Thoma, gelernter Weinküfer aus dem baden-württembergischen
Tauberbischofsheim und jetzt Winzer für «Garfield Estates Vineyard &
Winery» in Palisade ist besonders stolz auf seinen Eiswein aus
Muskat-Ottonel-Trauben. Colorados Weine seien ausgesprochen fruchtig.
Im Gegensatz zu Deutschland müssten wegen des trockenen Klima kaum
Pestizide eingesetzt werden. «Hier hat die Reblaus keine Chance»,
lacht Thoma. Dennoch erinnert er sich mit Wehmut zurück: «Wir hatten
nach der Ernte immer ein großes Essen für alle Helfer. Solche
Traditionen haben die hier nicht. Oft geht's nur ums Geschäft.»
«Der Weinbau ist ein umkämpftes Gewerbe», erklärt Bob Witham
trocken. Der Besitzer der «Two Rivers Winery» in Grand Junction,
einem der größten Weingüter im Staat, hat das Unternehmen strategisch
geplant - sein beruflicher Hintergrund beim Militär ist unverkennbar.
Der Weg zu seinem Betrieb führt vorbei an Industriegebieten, an
Wohncontainerparks und an Straßen mit Namen wie 39 1/8. Wie eine Fata
Morgana taucht plötzlich das «Two Rivers Chateau» auf, das sogenannte
Konferenz- und Veranstaltungszentrum mit Bed & Breakfast. Witham und
Steuerberater-Ehefrau Billie ließen es im französischen Landhausstil
bauen. Ein Teil des Absatzes ist somit garantiert, weil bei Tagungen
und Hochzeiten selbstverständlich nur eigene Weine serviert werden.
Plastikbecher gibt es hier nicht. Dafür Geweihleuchter an der Decke
und ausgestopfte Fasane an den Wänden.
Auch wenn die meisten Weine im Staat bleiben und Colorado noch
nicht nach Europa exportiert, ein Schloss hätten die Weinbauer in der
Neuen Welt also doch vorzuweisen. Und das scheint auch im lokalen
Wettbewerb zu helfen, der sich vielleicht darin begründet, dass
Colorado «seine Traube» noch nicht gefunden hat und jeder
ausprobiert, was am besten zu den alkalihaltigen Böden und dem
ungewöhnlichen Mikroklima des Grand Valley passt. Mit starken
Schwankungen zwischen Tag- und Nachttemperaturen, über 300 heißen
Sonnentagen, nächtlichen Fallwinden und den schroffen Book Cliffs-
Bergen als Wärmespeicher sorgt das Halbwüstenklima für eine
ausgewogene Zucker-Säure-Balance der Trauben - die Grundlage für
aromatische, runde Weine.
Bislang werden im Grand Valley hauptsächlich Merlot, Cabernet
Sauvignon und Riesling angebaut. «Aber probieren Sie auch mal unseren
Syrah von 2005», schlägt Bob Witham vor und wird jetzt überraschend
poetisch: «Der ist wie ein Cowboy im Frack, rau, aber elegant, mit
abgerundeten Ecken.»
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