Vivar del Cid (dpa) - 22. September 2009
Unentdecktes Spanien: Unterwegs auf den Spuren des Ritters «El Cid»
Spanien feiert in diesem Jahr die Entstehung des Heldenepos «El Cantar del Mío Cid» vor 800 Jahren. Für
Urlauber bietet das einen guten Grund, auf den Spuren des Ritters «El
Cid» zu reisen - und ein ihnen oft unbekanntes Spanien zu erkunden.
«Ich soll Ihnen vom Cid erzählen?» Die Augen des Wirtes Javier
Alonso leuchten. Zwar hat er die Geschichte des spanischen Ritters
Rodrigo Díaz de Vivar (1043-1099), auch «El Cid» genannt, bereits
Tausende Male erzählt. Doch er freut sich immer wieder, von dem
Ritter berichten zu können. Schnell kramt er einige mittelalterliche
Landkarten hervor und breitet auf dem Tisch einen Familienstammbaum
des Ritters aus, der bis zur heutigen Königsfamilie Spaniens reicht.
Nervös schaut Javier Alonso sich um. Zwischen Gemälden, Schwertern
und Ritterrüstungen, die sein Restaurant schmücken, fällt sein Blick
auf ein altes Schriftstück, das in einem Rahmen an der Wand hängt.
«Das ist eine Kopie der ersten Seite des "El Cantar del Mío Cid"»,
sagt er und beginnt aus der berühmten Heldengeschichte zu zitieren.
Bei dem Epos handelt es sich um eine Abschrift des Originals aus
dem Jahr 1207. Die Ursprünge der Geschichte vermuten Forscher zwar
bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Dennoch feiern
acht spanische Provinzen mit Konzerten, mittelalterlichen Festen,
Ritterspielen, Theatervorführungen und Ausstellungen noch bis zum
Ende des Jahres ihren «Cid» und seine Abenteuer, die er zwischen
Burgos und Alicante erlebt hat oder zumindest erlebt haben soll.
«Denn nicht alle Heldengeschichten im Epos haben sich auch wirklich
so abgespielt», erklärt Alberto Luque vom «Consorcio del Cid».
Die Vereinigung, in der die Regionen Burgos, Soria, Guadalajara,
Saragossa, Teruel, Castellón, Valencia und Alicante versammelt sind,
hat zum Jubiläumsjahr eine rund 2000 Kilometer lange Reiseroute
erarbeitet. Auf dem «Camino del Cid» können Besucher auf den Spuren
des Ritters wandeln. Und selbst wenn nicht alle Dörfer vom «Cid»
erobert oder betreten wurden, so sind sie dennoch einen Besuch wert.
Das Heldenepos verherrlicht den «Cid» zu Unrecht immer wieder als
Verteidiger der Christenheit und Bezwinger der maurischen Besatzer
Spaniens. «El Cid war aber kein Ritter ohne Furcht und Tadel wie
König Artus oder Richard Löwenherz, sondern ein lange Zeit im Dienste
maurischer Fürsten stehender Söldner, der auch christliche Herrscher
beraubte», sagt Alberto Luque. «Wie es auch immer gewesen sein mag,
eines steht fest: Alles fing hier in Vivar del Cid, dem Geburtsort
des Ritters, an», setzt Javier Alonso ein und beginnt zu erzählen.
Der Name «El Cid» stamme aus dem arabischen «as-sayyid» und
bedeute so viel wie «der Herr». «El Cid» ist Alonsos Hobby, seine
Leidenschaft und sein Geschäft. Dort, wo heute sein Restaurant «El
Molino del Cid» («Die Mühle des Cid») steht, beginnt nicht zufällig
die Touristenroute. «Die Mühle gehörte einst dem Cid, dem als
Kleinadeliger das Dorf gehörte und damit auch alle Mühlen, die
Einnahmequelle aller spanischen Adeligen im Mittelalter.»
Nur wenige Meter vom Restaurant-Museum entfernt liegt das Kloster
des Klarissen-Ordens, in dem 1596 die einzige Kopie des Heldenepos'
gefunden wurde. Manchmal zeigen die Nonnen Besuchern auch die alte
Holztruhe, in der das Exemplar aufbewahrt war. Sie machen es umso
lieber, wenn Gäste mit dem Kauf von Selbstgebackenem zum Unterhalt
des Klosters beitragen. Das Gebäck hat die Form des «Cid»-Schwertes
und von Tränen, die der «Cid» laut der Legende vergossen hat, als
Kastiliens König Alfons VI. ihn 1081 verbannte. Das war die Strafe
unter anderem für Eroberungszüge in muslimisch besetzten, aber dem
König freundlich gestimmten Gebieten. Außerdem hatte der «Cid» zuvor
Alfons' Bruder und Rivalen Sancho im Kampf um die Krone unterstützt.
Seine erste Nacht auf dem Weg ins Exil verbrachte der «Cid» in
Burgos, einer Stadt, die fest mit der Geschichte des Ritters
verbunden ist. Er und seine Gemahlin Jimena liegen heute in der
Kathedrale von Burgos begraben. «Doch eigentlich gehören die Gebeine
in unser Kloster», sagt Pater Jesús aus dem nur wenige Kilometer
entfernten Kloster San Pedro de Cardeña. Dort, wo der «Cid» auf dem
Weg ins Exil auch seine Töchter vor Alfons VI. in Sicherheit brachte,
war der Leichnam Jahrhunderte lang beigesetzt. Der betagte Mönch
zeigt Besuchern die dafür verwendeten Steinsärge. Seine Geschichten
über das Gezerre um den Leichnam des heutigen Nationalhelden sind
beinahe so interessant wie die Abenteuer des Ritters selber.
Bevor der «Cid» sich als eine Art Raubritter weiter in Richtung
Saragossa begab, machte er auf seiner Reise auch in Santo Domingo de
Silos Rast. Hier befindet sich eines der schönsten und wichtigsten
Klöster Spaniens. Fünf Mal täglich finden sich die Mönche in der
Klosterkirche zu ihren Gesängen zusammen, die durch die Aufnahmen der
Deutschen Grammophon weltweit bekannt geworden sind.
Der Weg in die Verbannung führte den «Cid» außerdem zu Festungen
wie denen in Burgo de Osma oder Gormaz, wo er Unterschlupf fand oder
zumindest gefunden haben soll. Heutige Besucher sollten sich diese
mittelalterlichen Wehranlagen und Dörfer auf keinen Fall entgehen
lassen. Die Kalifen-Festung in Gormaz etwa war einst Schauplatz
vieler Schlachten zwischen Christen und Mauren. Trotz ihrer enormen
Dimensionen und den weiten Ausblicken auf die kastilische Landschaft
sind die Burgen nicht von Touristen überrannt. Oftmals begleiten nur
ein paar Schwalben, die in den Burganlagen nisten, die Besucher.
In Berlanga de Duero kann man sogar sicher sein, alleine die Burg
besuchen zu können, in der auch der «Cid» einige Nächte weilte: Der
Burgschlüssel muss im Rathaus abgeholt werden - Gäste können sich
also wie der Burgherr selbst fühlen. Bevor es anschließend weiter
geht zu den mittelalterlichen Dörfern Medinaceli und Sigüenza,
sollten Reisende aber auch einen Blick in Berlangas Kirche werfen.
Dort hängt über dem Eingang ein ausgestopftes Krokodil. Der Mönch
Tomas von Berlanga, der im 16. Jahrhundert Bischof von Panama war und
die Galápagosinseln entdeckte, hat es einst aus der Neuen Welt in
sein Heimatdorf gebracht.
Ab Atienza und seiner imposanten Festung, die der «Cid» wegen der
Stärke seiner Gegner wohlweislich umging, führt die Reiseroute in die
ehemals muslimischen Gebiete. In Molina de Aragón, einem Schmelzkegel
der christlichen, muslimischen und jüdischen Kultur, verbrachte der
«Cid» einige Tage in der heute noch stehenden Burg des Kalifen
Abengalbón. Hier lohnt sich ein Besuch im Naturpark Alto Tajo sowie
im zwischen Felsklippen versteckten Kloster der Jungfrau de la Hoz.
Langsam geht die hügelige Landschaft Kastiliens in die raue
Bergwelt Aragóns und die Bergausläufer Teruels über - Regionen in
Spanien, die nur selten von ausländischen Touristen besucht werden.
Halb verlassene Steindörfer, in denen es nach Feuerholz riecht,
säumen die wilde Gebirgslandschaft mit dichten Pinienwäldern. Von
hier aus begannen der «Cid» und seine Mannen mit der Eroberung
Valencias und der Levante-Küste. Versteckte Bergdörfer wie
Albarracín, Rubielos de Mora oder Mirambel bezaubern auf der Route
mit ihrer Lage und ihren mittelalterlichen Gassen. Albarracín gilt
dabei als eines der schönsten Dörfer der iberischen Halbinsel.
Nach schweren Niederlagen der Kastilier gegen die maurischen
Fürsten kam es ab 1086 zur Annäherung zwischen dem «Cid» und König
Alfons VI. Nach und nach übernahm der Ritter die Schutzherrschaft
über das formal mit Kastilien verbündete maurische Fürstentum
Valencia. Von 1089 an machte der «Cid» Valencia und die nördliche
Region des heutigen Castellón dann zum Bollwerk gegen die erneut vom
Süden vordringenden maurisch-almoravidischen Heere. Nachdem die
Mauren 1092 Valencia kurzzeitig besetzen konnte, nahm der «Cid» die
Stadt 1094 wieder ein und drängte die Almoraviden gen Süden. Dann
herrschte er bis zu seinem Tod am 10. Juli 1099 als oberster Richter.
Wer sich abseits der Touristenhochburgen Valencia und Alicante auf
die Spuren des «Cid» begibt, wird mit dem Besuch von Burgen wie Sax
und Villena belohnt, die schon vor dem Jahr 1100 verwunschen zwischen
Apfelsinen- und Weinplantagen empor ragten. Oder er entdeckt nach der
Fahrt durch schöne Schluchten mittelalterliche Dörfer wie Bocairent.
Ob auch der «Cid» auf dem Weg nach Alicante durch die Altstadt und
über die verträumten Steinbrücken Bocairents gezogen ist, weiß man
nicht. Sicher ist hingegen, dass er auf dem Eroberungszug in den
maurischen Süden das Weihnachtsfest 1088 im Palmenpark von Elche
verbracht hat. In der Stadt, die erst 1265 von den Mauren
zurückerobert wurde, befindet sich mit bis zu 300 000 Bäumen heute
noch die größte Ansammlung von Palmen in ganz Europa. Der Palmenhain
wurde im Jahr 2000 sogar zum Unesco-Welterbe ernannt. Zu Zeiten des
«Cid» sollen in Elche sogar bis zu zwei Millionen gestanden haben.
INFO-KASTEN: Auf den Spuren des «Cid»
REISEZIEL: Die rund 2000 Kilometer lange «Cid»-Route beginnt in
Vivar del Cid bei Burgos. Sie durchläuft die Provinzen Burgos, Soria,
Guadalajara, Saragossa und Teruel, folgt in den Provinzen Castellón
und Valencia der Mittelmeerküste und endet in Orihuela bei Alicante.
KLIMA UND REISEZEIT: Das Klima kann in den verschiedenen Regionen
sehr wechselhaft sein. Die Sommer sind allerdings in Zentralspanien
und an der Küste mit Temperaturen um die 40 Grad oft sehr heiß. Gute
Reisezeiten sind von September bis November sowie von März bis Juni.
SPRACHE: Spanisch.
WÄHRUNG: In Spanien wird mit dem Euro bezahlt.
INFORMATIONEN: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14,
60323 Frankfurt (Tel.: 069/72 50 38, für Broschüren-Bestellung:
06123/991 34); Internet: Link: www.spain.info, Link: www.caminodelcid.org.
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