Ottawa (dpa) - 29. September 2009
Kanadas jüngstes Weltkulturerbe: Im Kanu auf dem Rideau-Kanal
Am Rideau-Kanal in Kanada ist rund ums Jahr
Hochsaison. Das älteste Wasserstraßensystem Nordamerikas schlängelt
sich 202 Kilometer lang durch Seen und Sümpfe, vorbei an zerklüfteten
Felsen, Inselchen mit windgebeugten Nadelbäumen und Orten, deren
Steinhäuser noch aus der Zeit vor Gründung des Landes stammen.
Von Frühjahr bis Herbst ein Paradies für Kanuwanderer, Segler und
andere Wassersportler und im «Indian Summer» eine Kulisse der
spektakulären Laubfärbung, wird der Wasserweg bei klirrender Kälte
die «größte Eislaufbahn der Welt». Diesen Eintrag im «Guinness Buch
der Rekorde» verdankt er seinem 7,8 Kilometer langen Abschnitt quer
durch Ottawa, der flächenmäßig 90 Olympia-Eislaufstadien entspricht.
Dieses Jahr feiert Kanada das 175-jährige Bestehen des
Rideau-Kanals. Der Tusch für die Jubiläumsfestivitäten kam aus Paris:
Die UNESCO verlieh der Wasserstraße im Osten der Provinz Ontario den
Status eines Weltkulturerbes. Der Kanal gilt als landschaftliches wie
technisches Wunder: Mehr als 60 Seen reiht er wie Perlen auf einer
Kette auf, verknüpft sie mit Flussläufen und stellt nur dort, wo
Mutter Natur passt, künstliche Verbindungen her. Diese Passagen
machen nicht mehr als 20 Kilometer des Rideau-Systems aus.
Sein Baumeister, der britische Offizier John By, kämpfte sich
schon 80 Jahre vor den Erbauern des weitaus bekannteren Panamakanals
durch Sümpfe und unwegsames Dickicht. Das Land hatten die Briten den
Indianern abgehandelt. Colonel By verlor zahlreiche Kanalarbeiter,
meist bettelarme Immigranten, an den Morast, an Malaria, Typhus und
Ruhr. Dennoch war der Transportweg für das britische Militär binnen
fünf Jahren fertig: Er zieht sich von Ottawa im Norden bis zur
Garnisonsstadt Kingston im Süden.
Wo Wasserfälle die Flussfahrt behinderten, ließ Colonel By Dämme
bauen, zehn Meter hoch an den Jones-Fällen. Den Ausgleich für die
Höhen und Tiefen der hügeligen Landschaft bis zum Lake Ontario schuf
By durch 47 Schleusen. Ihre massiven Tore werden auch heute noch, bis
auf zwei Ausnahmen, per Handwinde, mit schweren Eisenketten und
enormer Muskelkraft bewegt. Sie zu sehen, ist allein eine Reise wert.
Nie für militärische Einsätze benötigt, entwickelte sich der
Rideau-Kanal zur Handelsstraße für die junge Nation Kanada und ist
inzwischen ganz auf den Freizeitbedarf eingestellt.
Über die Wasserstraße gelangen Abenteurer in menschenleere
Wildnis, die Wölfen, Elchen, Bibern und selbst Schwarzbären
ausreichend Lebensraum bietet. Seine vielen Seitenarme belohnen
Bootsfahrer mit Abgeschiedenheit und Anglerglück. Außer Forellen
beißen vor allem Barsche und Zander an. Im Rideau-Gebiet
nistet der Kanadareiher (Ardea horodias), der mit knapp zwei Metern
Flügelspanne zu den größten Vögeln in Nordamerika zählt.
Paddler können ihre Kanus und Kajaks an weit mehr als 1000
Kilometern See- und Flussufer an Land ziehen und sich in
menschenleerer Einsamkeit ein Nachtlager richten. Viele Inseln, etwa
im Cranberry Lake, sind so winzig, dass sie nicht einmal Namen haben.
Hier abzusteigen, ist Naturgenuss pur: Panoramasicht auf die Wälder,
ein See zum Abkühlen nach dem durchpaddelten Tag, das Ständchen der
Frösche bei Sonnenuntergang und funkelnde Sterne in der Nacht.
Don MacKay, Ratgeber für Kanu- und Kajakfahrer am Rideau,
empfiehlt den Frühsommer sowie den «Indian Summer» im September und
Oktober als beste Jahreszeit für Wanderungen auf dem Wasser. Im Juli
und August, besonders an den Wochenenden, sei die Saison der
Motorboote, allerdings nur auf den für sie zugelassenen Hauptarmen.
Und selbst dann werde es nie voll auf dem Rideau.
Wer die Wasserstraße im Kanu oder Kajak erobern will, muss kein
Profi sein. Veranstalter erteilen Schnellkurse im Umgang mit Wind und
Wogen, bevor sie Novizen mit auf Fahrt nehmen. Allerdings begrüßen
Bootsverleiher den Nachweis von etwas Erfahrung, bevor sie ihre Ein-
und Zweisitzer für lange Touren hergeben. Wer sich die gesamte
Strecke von Ottawa bis Kingston zutraut und dabei in unberührte Natur
eintauchen will, lässt sich am besten sechs bis zehn Tage Zeit, rät
MacKay. Der Pass für das gesamte Schleusensystem ist eine Saison lang
gültig, kann allerdings nur in eine Richtung benutzt werden. Sein
Preis ergibt sich aus der Länge des Bootes und beträgt etwa 15
kanadische Dollar (10,50 Euro) pro Meter.
Familien und Gruppen können in Ottawa Hausboote mieten. Sie bieten
bis zu zehn Schlafplätze, Grill und Küche sowie eine Wasserrutsche
direkt ins Nass. Adam Bisby, Reisereporter der Tageszeitung «Globe
and Mail», nennt das Abenteuer am Steuer des Hausbootes «SMR
Cataraqui» eines der oder sogar das größte Erlebnis seiner
Globetrotterkarriere. Dabei endete die Passage der nicht ganz
einfachen Schleuse Narrows Lock wegen eines Manövrierfehlers für ihn
um ein Haar im Desaster. Und ein Segler fühlte sich auf seinem
kleinen Boot wie ein lebend gekochter «Hummer im Hexenkessel», als
Wassermassen um ihn herum in die Schleusenkammer eingelassen wurden.
Die meisten Schleusenstationen sind rund um die Uhr geöffnet. Wer
sein Zelt auf dem Rasen aufschlägt, zahlt im Allgemeinen nicht mehr
als eine Hand voll Dollar. Mehr Komfort bieten die
Bed-and-Breakfast-Angebote kleiner Pensionen oder Blockhäuser, die
das Ufer des Rideaus in den belebteren Gegenden säumen.
Einkaufslustige kommen in historischen Orten wie Merrickville auf
ihre Kosten. Diese bereits 1793 gegründete Siedlung am Rideau-Kanal
gilt als eines der schönsten Dörfer Kanadas. Hier sind Glasbläser,
Schmiede, Töpfer, Bildhauer und Maler zu Hause. Mehr als 30 Künstler
lassen sich in ihren Werkstätten und Galerien bei der Arbeit zusehen.
Merrickvilles Kanubauer fertigt Boote nach Bestellung, und bei David
Young, Meister des Lederhandwerks, sind Taschen, Jacken und Gürtel
als Unikat in den leuchtendsten Farben zu erstehen.
In Mrs. McGarrigle's Gourmetlädchen gibt es selbst gemachten Senf
in 13 Variationen zum Probieren. Einige Sorten, darunter Hot Whiskey,
Canadian Maple (Ahornsirup) und Red Wine and Garlic (Knoblauch),
gewannen Preise bei kulinarischen Wettbewerben. «Sam Jakes Inn», eine
Luxusherberge in einem restaurierten Steinhaus von 1861, beköstigt
seine Gäste mit Spezialitäten aus der Region.
In Merrickville wie in Manitock, dem ähnlich malerischen
Nachbarort mit etwas mehr als 100 Läden, wird das Jubiläum des
historischen Kanals das ganze Jahr gefeiert. Laienschauspieler
stellen das Leben der Pioniere in historischen Kostümen dar,
Blockhouse Partys wetteifern mit Kanurennen, River Jamborees, Ice
Cream Festivals, Kunst- und Quiltausstellungen um Zulauf.
Nur 20 Kilometer weiter nördlich in der Landeshauptstadt erzählt
Steve Dezort Besuchern des Bytown Museums von den sechs Geistern in
Ottawas ältestem Steinhaus. Dezort ist Programmkoordinator in dem
früheren Zeughaus am Rideau-Kanal. Er führt seine Gäste drei
Stockwerke hoch über steile Treppen und knarrende Dielen, lässt sie
in Verließe schauen und feuchte Felswände berühren. Mit
verschwörerischer Stimme gibt er Gruselgeschichten zum Besten: Danach
ist der Geist von Colonel By nicht zur Ruhe gekommen und streitet in
manchen Nächten weiterhin lautstark mit seinem Offizier Duncan McNab.
Ottawa ist Regierungssitz und mit seinen 29 Museen ein Magnet für
Kulturfreunde. Auf Parliament Hill, dem Parlamentssitz mit seinen
majestätischen Gebäuden, löst sich die Garde der britischen Queen,
wie in London rotgefrackt und mit hoher Bärenfellmütze, während der
Sommermonate zur Wache ab. Nicht weit davon entfernt liegt das
gediegene «Chateau Laurier», ein Luxushotel mit Burgcharakter. In
kuscheligen Innenhöfen spielen Musiker zum Wein oder Dinner auf. Im
By Ward Market, der sich über etliche Straßenblöcke zieht, werden
Gerichte und Kunsthandwerkliches aus aller Welt offeriert.
Spätestens im Januar hat die Eisdecke auf dem Kanal die
vorgeschriebene Stärke von 25 Zentimetern erreicht. Dann flitzen
Berufstätige auf Kufen ins Büro, führen junge Eltern ihren Nachwuchs
mollig verpackt im Schlitten aus, säumen Schneemänner und
Eisskulpturen die zugefrorene Wasserstraße, und es wird heiße
Schokolade vom Stand genippt.
|